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Symbolfoto zu Krankmacher Kurarbeit Auf die Frage nach dem größten Ärgernis bei den Arbeitsbedingungen antwortet Betriebsrätin Lilli Roth ganz einfach: "Die Löhne sind zu niedrig."

Krankmacher Kurarbeit

Schwerpunkt Pflege und Gesundheit

Erst seit 2013 gibt es einen Kollektivvertrag für die Beschäftigten im Kur- und Rehabereich. Das Lohnniveau liegt weit unter dem Krankenhaus- und Sozialbereich.

Das österreichische Sozialversicherungssystem ermöglicht den Pflichtversicherten Kuraufenthalte. Diese dienen der gesundheitlichen Vorsorge und „zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft“, wie es der Kurbetrieb Bad Vigaun auf seiner Webseite so schön formuliert. Ein klassischer Kuraufenthalt dauert drei Wochen, oft in malerischer Umgebung, an einem abgelegenen Ort. Dort kümmern sich klinische Fachkräfte, KellnerInnen, Büroangestellte und anderes Pflegepersonal um das Wohl der Gäste. Doch wie ist es um deren Arbeitsbedingungen bestellt?
Denn was den Kurgästen zum Aufladen der körpereigenen Batterien verhelfen soll, stellt Gewerkschaften durchaus vor Herausforderungen, wie der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft vida, Willibald Steinkellner, meint: „Die meisten Kurbetriebe sind in eher strukturschwachen Gebieten und vor Ort oft einer der wenigen großen Arbeitgeber. Weitere Betriebe sind oft sehr weit weg. Deshalb ist unser gewerkschaftlicher Organisationsgrad dort auch eher schwach. Viele Leute sind froh, einen fixen Job in der Nähe ihres Lebensmittelpunktes gefunden zu haben und wollen nicht unangenehm auffallen.“

Ehrenamtliche Betriebsratsarbeit
Und doch gibt es sie, die gewerkschaftlichen AktivistInnen vor Ort, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Eine von ihnen ist Lilli Roth, Betriebsratsvorsitzende für das therapeutische Personal in einem Kurbetrieb im Salzburger Land: „Wir haben drei Betriebsratskörperschaften bei uns im Betrieb und drei Kollektivverträge. Manche unserer KollegInnen fallen in den Gastronomie-Kollektivvertrag, andere in den Privatkrankenanstalten-KV und wieder andere in den Kur-Reha-KV. Keiner von uns ist als Betriebsrat freigestellt, wir machen das alle ehrenamtlich.“

Blutspenden als Zuverdienst
Auf die Frage nach dem größten Ärgernis bei den Arbeitsbedingungen antwortet Lilli Roth ganz einfach: „Die Löhne sind zu niedrig. Der Kollektivvertrag ist wirklich nicht sehr aufregend. Ich arbeite als Masseurin. In einem Kurbetrieb sieht der Kollektivvertrag 1.498 Euro brutto im Monat vor.“
Zum Vergleich: Medizinische MasseurInnen, die unter den Sozialwirtschafts-KV fallen, bekommen 1.773 Euro brutto im Monat als Einstiegsgehalt. Doch viele können ihre Lebenshaltungskosten damit nicht decken, erzählt sie: „Die Mieten zum Beispiel: Im Salzburger Land sind sie sehr hoch. Viele KollegInnen unter den MasseurInnen arbeiten auch am Wochenende und sehen keine andere Möglichkeit, als schwarz zu arbeiten. Eine Kollegin von mir ist geschieden und hat zwei Kinder. Sie geht regelmäßig Blut spenden, um über die Runden zu kommen.“
Auch Willibald Steinkellner benennt die geringen Löhne als das größte Problem: „Es gibt ja erst seit 2013 einen Kollektivvertrag für die Beschäftigten im Kur- und Rehabereich. Da liegt das Lohnniveau weit unter dem Krankenhaus- und Sozialbereich. Dass es den KV überhaupt gibt, liegt auch daran, dass das unterschiedliche Lohnniveau in den unterschiedlichen Bundesländern für die Kurbetriebe problematisch geworden ist. So hat es in Vorarlberg zeitweise deutlich höhere Löhne gegeben als woanders, was an der relativen Nähe zur Schweiz gelegen hat.“
Dass es jetzt ein gleiches Lohnniveau gibt, findet er positiv: „Es beugt dem Lohndumping vor und ist eine Verbesserung für die meisten Beschäftigten. Aber die Weiterentwicklung des Kollektivvertrags ist schwierig. Die Arbeitgeber behaupten, sie hätten keine Luft zum Atmen. Sie argumentieren, das von den Kassen gezahlte Taggeld pro Kurgast reiche ihnen für hohe Lohnsteigerungen nicht aus.“

Schwierige Verhandlungen
Tatsächlich haben sich die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern dieses Jahr schwierig gestaltet. Im März wurden die Verhandlungen sogar abgebrochen, weil die Arbeitgeberseite nur einer Lohnerhöhung von 0,85 Prozent für 15 Monate zustimmen wollte. Hier geht es um immerhin 15.000 Beschäftigte, die österreichweit in 75 Kurorten und 110 gewerblichen Kur- und Rehabilitationszentren arbeiten. Schlussendlich wurde für sie eine Lohnerhöhung von 1,3 Prozent ausverhandelt. Der neue Kollektivvertrag trat Anfang Juli 2016 in Kraft.
Betrachtet man die Lohn- und Gehaltstabellen des Verhandlungsergebnisses, dann wird eines deutlich: Gut verdient man im Kurbetrieb nicht. So beträgt das Einstiegsgehalt für SekretärInnen und Verwaltungsangestellte bei Kur- und Mischbetrieben 1.421 Euro brutto im Monat. Hält man 35 Dienstjahre durch, erhöht sich der Monatslohn auf 2.140 Euro. MasseurInnen steigen mit 1.498 Euro ein. Bis zum Pensionsantritt können sie es auf 2.061 Euro schaffen. Klinische PsychologInnen und SozialarbeiterInnen beginnen mit einem Monatslohn von 2.098 Euro und steigen nach 36 Dienstjahren mit 2.872 Euro pro Monat aus.

Möglichst wenige Pausen
Während bei den Löhnen gekleckert wird, wird ansonsten geklotzt: „In unserem Betrieb ist in den vergangenen Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben“, erzählt Betriebsrätin Lilli Roth. „Die Therme und vieles andere wurde für teures Geld umgebaut. Aber beim Personal wird eingespart.“ Steinkellner bestätigt diesen Eindruck: „Oft wird Personal nicht nachbesetzt. Dadurch steigt der physische und psychische Arbeitsdruck.“
Dieser äußert sich auch in verschärften Hygienevorschriften, die sich in der bezahlten Arbeitszeit aber nicht widerspiegeln. Frau Roth erzählt aus ihrem Arbeitsalltag als Masseurin: „Die Liegen müssen jetzt nach Benutzung durch die Gäste immer sterilisiert werden. Wenn ich um zwölf Uhr Dienstschluss habe, kommt der letzte Patient um 11.55 Uhr. Die Einhaltung der Hygienevorschriften geht sich in der Arbeitszeit nicht aus, findet also nach meinem Dienstschluss statt.“ Ähnlich sieht es bei den Umkleidezeiten aus: „Diese sind nicht in unserer Arbeitszeit enthalten. Deshalb muss ich immer schon 20 Minuten vor Dienstbeginn an meinem Arbeitsplatz sein. Als Betriebsrat fordern wir, dass sich das ändert. In anderen Branchen gehört die Umkleidezeit ja auch zur Arbeitszeit dazu. Warum nicht bei uns?“
Der wachsende Arbeitsdruck birgt für die Beschäftigten der Kurbetriebe auch Gesundheitsrisiken: „Es gibt einen großen Druck der Arbeitgeber, möglichst wenige Pausen zu machen. Gleichzeitig halten sie die Auslastung so hoch wie möglich“, so Lilli Roth. „Aber Massieren ist ein körperlich sehr anstrengender Beruf. Viele langjährige KollegInnen haben Probleme mit ihren Gelenken. Und dann die psychische Belastung. Die Menschen, die zur Kur kommen, bringen ja ihren eigenen Stress von zu Hause und der Arbeit mit. Den wollen sie hier loswerden. So kriegen die MasseurInnen die Lebensgeschichten dieser Menschen erzählt, was teilweise auch ziemlich belastend sein kann.“
Immerhin dürfen die Kurbeschäftigten die Therme außerhalb ihrer Arbeitszeit mitbenutzen. „Das ist schon positiv“, meint Frau Roth. „Hilfreich ist auch, dass es in unserem Haus eine gesundheitliche Förderung für die MitarbeiterInnen mit einem Kursangebot gibt. Das ist aber außerhalb der Arbeitszeiten.“

Personalbedarfsberechnung
Um dem Druck der Arbeitgeber etwas entgegenzusetzen, fordert die Gewerkschaft vida sogenannte „Personalbedarfsberechnungen“: Es soll ermittelt werden, wie viel Personal notwendig ist, um einen Kurbetrieb mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen zu führen. „Da legen wir auch einen Schwerpunkt in der Ausbildung unserer aktiven Betriebsrätinnen und Betriebsräte. Wir versuchen, ihnen das nötige Handwerkszeug für die Verhandlungen mit den Arbeitgebern zu geben. Wir erklären, wie eine Personalbedarfsberechnung aussieht, damit sie nicht über den Tisch gezogen werden“, so Willibald Steinkellner.

Dagegenhalten
Dem stimmt auch Lilli Roth zu: „Wir brauchen gute Kenntnisse im Arbeitsrecht, aber auch soziale Kompetenzen und Verhandlungstechniken, damit wir uns gegen den immer stärker werdenden Druck aus der Geschäftsführung wehren können – und um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern oder zumindest dafür zu sorgen, dass sie sich nicht verschlechtern!“

Informationen zum KV auf vida.at:
tinyurl.com/gv5lzfh

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