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Symbolbild zum Schwerpunktthema Pflege und Gesundheit Es rächt sich, dass Österreich eine Bildungsreform schuldig bleibt, die für mehr soziale Gerechtigkeit unter den SchülerInnen sorgt.
Symbolbild zum Schwerpunktthema Pflege und Gesundheit Somit haben die Defizite im Bildungsbereich nicht nur schlechtere Einkommenschancen der betroffenen Kinder zur Folge, ja, sie gefährden sogar ihre Gesundheit.
Symbolbild zum Schwerpunktthema Pflege und Gesundheit
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Coverstory: Bildung ist die beste Medizin

Schwerpunkt Pflege und Gesundheit

Wer weniger verdient, hat ein höheres Risiko krank zu werden. Die soziale Selektivität des Bildungswesens setzt sich somit bei der Gesundheit fort.

Armut macht krank! Gesundheit ist eine Verteilungsfrage
Wer weniger Geld zur Verfügung hat, ist öfter krank: Diesen Zusammenhang belegt eine aktuelle Auswertung der Statistik Austria. Demnach ist es beispielsweise dreimal wahrscheinlicher, dass Frauen und Männer in der höchsten Einkommensstufe ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut einstufen als bei denjenigen mit der niedrigsten Einkommensstufe.
Wer weniger Geld hat, leidet öfter an Depressionen und chronischen Schmerzen, bei Frauen kommt hoher Blutdruck dazu. Riskantes Gesundheitsverhalten wie Rauchen und Übergewicht ist stärker verbreitet als bei Menschen mit hohen Einkommen. Schließlich sinkt auch die Wahrscheinlichkeit für körperliche Aktivitäten mit dem sinkenden Einkommen.
Wer also für gute Gesundheit der in Österreich lebenden Menschen sorgen will, muss sich demnach für mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit einsetzen, auf dass Gesundheit keine Frage des Geldes oder des Erbes bleibt.

„Ich glaub, wenn ma a Geld hat, fühlt ma sich sowieso besser und sicherer als wie wenn ma immer [überlegen muss,] kann ich ma das leisten oder nicht leisten. Alles wird zum Problem und des Problem wird dann wieder zum Problem.“ Dieses Zitat stammt aus einer Studie, in der die Armutskonferenz Lücken und Barrieren im österreichischen Gesundheitssystem aus der Sicht von Armutsbetroffenen aufspürt. Dass Geld einen Einfluss auf das Wohlbefinden von Menschen hat, steht außer Zweifel. Ebenso steht außer Frage, dass Armut krank macht.
„Mit sinkendem sozialen Status steigen die Krankheiten an, die untersten sozialen Schichten weisen die schwersten Krankheiten auf und sind gleichzeitig mit der geringsten Lebenserwartung ausgestattet“, heißt es in der Studie. Darin ist von einer „sozialen Stufenleiter“ die Rede: Je weiter Personen in der Einkommensstufe vorrücken, desto gesünder sind sie und desto länger leben sie auch. Es nimmt wenig Wunder, dass Armutsgefährdete stärker von psychischen Belastungen betroffen sind. Insgesamt haben Armutsgefährdete einen „dreimal schlechteren Gesundheitszustand“ als Haushalte mit hohen Einkommen, so die Armutskonferenz. Ebenso sind sie dreimal so oft von chronischen Krankheiten sowie starken Einschränkungen bei Alltagstätigkeiten betroffen.

Ungleiche Belastungen
Die Hintergründe erscheinen logisch: „Über Einkommen, Beruf und Bildungsabschlüsse vermitteln sich unterschiedliche Lebensbedingungen mit unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Arbeitsplätzen und Erholungsräumen“, so die Armutskonferenz. Das bedeutet, dass die Alltagsbelastungen sehr ungleich verteilt sind, und zwar physische wie psychische. In der Studie wird dies folgendermaßen illustriert: „Schlechte Luft für Ärmere in Wohnungen an den Autorouten der Großstädte belastet den Organismus, genauso wie chronischer Stress in einem prekären wie unsicheren Alltag.“
Krankheit macht arm: Oftmals wird dem entgegengehalten, dass der Zusammenhang umgekehrt sei, dass nämlich Krankheit zu Armut führe. Da ist zweifellos etwas dran, ebenso aber eben an der umgekehrten Logik. Die Armutskonferenz gibt vier Faktoren an, die erklären, warum mangelnde finanzielle Ressourcen krank machen: Armutsgefährdete haben andere gesundheitliche Belastungen als diejenigen, die mehr Geld haben. Wer weniger finanzielle Ressourcen hat, hat zugleich weniger Ressourcen, um eine Krankheit zu bewältigen bzw. sich zu erholen. Auch die gesundheitliche Versorgung an sich ist ein Problem. Und die Menschen gehen anders mit dem Thema Gesundheit um.

Hand in Hand
Die NGO weist darauf hin, dass das eine das andere bedingt. „Stress durch finanziellen Druck und schlechte Wohnverhältnisse geht Hand in Hand mit einem geschwächten Krisenmanagement und hängt unmittelbar mit mangelnder Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten und einem ungesunden Lebensstil zusammen.“
Diese Problematik beschränkt sich allerdings bei weitem nicht nur auf die, die armutsgefährdet sind. Eine kürzlich publizierte Studie der Statistik Austria kommt zu dem Schluss, dass soziale Faktoren grundsätzlich einen „prägenden Einfluss“ auf die Gesundheit haben – also Bildungsstand, Erwerbsstatus und die Art der beruflichen Tätigkeit. Für die Studie wurden die Ergebnisse der österreichischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2014 analysiert.

Deutlich längere Lebenserwartung
Die Daten zeigen eindeutig, dass diejenigen, die eine höhere Bildung genossen haben, auch gesünder sind. Am krassesten ist der Unterschied bei der „gesunden Lebenserwartung“, also wie viele Jahre man bei guter Gesundheit lebt: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen mit einem Abschluss einer höheren Schule und Pflichtschulabschluss beträgt 13,4 Jahre – erstere können mit rund 73 gesunden Jahren rechnen, letztere mit nicht einmal 60.
Auch der eigene Gesundheitszustand wird deutlich unterschiedlich bewertet: Formal höher gebildete Frauen beurteilen ihre Gesundheit zu 85 Prozent als sehr gut oder gut, bei Männern sind es 87 Prozent. Bei jenen mit Pflichtschulabschluss liegt der Prozentanteil bei 67 (Frauen) und 69 Prozent (Männer) gesundheitlich sehr gut oder gut.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen und Männer in der höchsten Einkommensstufe ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut einstufen, ist 3,2-mal beziehungsweise 3,1-mal höher als bei Frauen und Männern der niedrigsten Einkommensstufe. Sie leiden vermehrt an Depressionen und chronischen Schmerzen, bei Frauen kommt hoher Blutdruck dazu. Außerdem sind Rauchen und Übergewicht stärker verbreitet als bei Menschen mit hohen Einkommen. Schließlich sinkt auch die Wahrscheinlichkeit für körperliche Aktivitäten mit dem sinkenden Einkommen.

Risikoverhalten
Es ist wohl wenig überraschend, dass Arbeitslosigkeit ein größeres Krankheitsrisiko mit sich bringt: Um die 60 Prozent der Arbeitslosen schätzen ihre Gesundheit positiv ein, bei den Erwerbstätigen sind es hingegen fast 90 Prozent. Auch sind sie stärker von chronischen Krankheiten betroffen, weisen Risiken wie Rauchen und Übergewicht auf, nehmen Vorsorgeuntersuchungen etwa zur Früherkennung von Krebs weniger in Anspruch und lassen sich auch weniger oft impfen. Und Arbeitslose leiden besonders häufig unter Depressionen: Bei arbeitslosen Frauen erhöht sich das Risiko um den Faktor 5,4, bei Männern gar um 12,9 Prozent.
Und MigrantInnen? Am schlechtesten schätzen jene MigrantInnen ihre Gesundheit ein, deren Heimatländer nach 2004 der EU beigetreten sind. Auch Männer und Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand deutlich seltener als sehr gut oder gut ein. Sie leiden häufiger an Depressionen, chronischen Kopfschmerzen sowie chronischen Kreuz- und Nackenschmerzen. Sie zeigen häufiger ein riskantes Gesundheitsverhalten als Menschen ohne Migrationshintergrund, und sie lassen sich weniger häufig impfen.
Die Studie zeigt aber nicht nur einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und der Gesundheit auf, sondern auch zwischen der Höhe des Einkommens und der Gesundheit. So schätzen 88 Prozent der einkommensstärksten Personen ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut ein und nur zwei Prozent als schlecht oder sehr schlecht.
Einkommensstark wird in dem Fall so definiert, dass man über mehr als 150 Prozent des Medianeinkommens verfügt. Am seltensten hingegen bewerten  einkommensschwache Frauen ihren Gesundheits-zustand als gut oder sehr gut, nämlich 60 Prozent derer mit einem Einkommen, das bei weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens liegt. Umgekehrt schätzen acht Prozent ihre eigene Gesundheit als schlecht ein.

Armutsbekämpfung als Prävention
„Armutsbekämpfung ist die beste Krankheitsprävention“, kommentierte Bernhard Achitz die Ergebnisse der Studie. Man müsse schon in den Kindergärten und Schulen ansetzen und Bewusstsein für ein gesünderes Leben schaffen, ebenso später am Arbeitsplatz.
„Prävention und Aufklärung muss dort ansetzen, wo man die Menschen erwischt: In den Kindergärten, Schulen und in den Betrieben“, so der leitende ÖGB-Sekretär. Achitz nimmt auch die Unternehmen in die Pflicht: „Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers muss viel weiter gehen als bisher. Nur so können teure chronische Krankheiten verhindert werden. Betriebliche Gesundheitsförderung muss zur Pflicht werden, statt wie derzeit nur freiwillige Leistung.“ Zusätzlich zu einem umfassenden Präventions- und Gesundheitsförderungsgesetz müssten Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung auch über Betriebs- beziehungsweise Dienstvereinbarung erzwingbar durchgesetzt werden können.
Ansetzen müsse man auch bei der Lehre: Lehrlingen wird viel zu wenig die Möglichkeit geboten, Sport zu betreiben und damit ein gesünderes Leben zu führen. „Es ist nicht einzusehen, dass es ausgerechnet an den Berufsschulen keine ‚Turnstunden‘ gibt“, kritisiert Achitz. Seine Forderung: Sportunterricht muss in den Fächerkanon an Berufsschulen integriert werden.

Mehr soziale Gerechtigkeit
Einmal mehr rächt es sich, dass Österreich eine Bildungsreform schuldig bleibt, die für mehr soziale Gerechtigkeit unter den SchülerInnen sorgt. Somit haben die Defizite im Bildungsbereich nicht nur schlechtere Einkommenschancen der betroffenen Kinder zur Folge, ja, das gefährdet sogar ihre Gesundheit. „Wir müssen daher die Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen verbessern – bei der Grundbildung, aber auch bei der Berufsbildung und bei der Höherbildung“, so Achitz.
Um dieser Ungleichheit bei der Gesundheit entgegenzuwirken, ist also nicht nur die Gesundheitspolitik gefragt. Vielmehr haben die gesamte Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit: Arme haben schlechtere Jobs, die gesundheitlich belastender sind. Sie müssen größere Angst haben, ihre Arbeitsplätze zu verlieren – eine psychische Belastung, die krank macht. Sie müssen in schlechteren Wohnungen leben. Sie können sich nicht gesund ernähren, weil sie sich das ganz einfach nicht leisten können. Bernhard Achitz dazu: „Daher besteht Gesundheitspolitik nicht nur aus Spitäler bauen. Sozialpolitik ist immer auch Gesundheitspolitik, denn Armutsbekämpfung ist die beste Krankheitsprävention.“

Richtige Arbeitsmarktpolitik
Bildung ist neben anderen sozialen Selektionskriterien der wesentliche Faktor für künftige Berufs- und Einkommenschancen. Je schlechter die Bildung, desto höher ist das Risiko, später einmal arbeitslos zu werden, und auch länger arbeitslos zu bleiben. Deshalb ist Bildung die beste Arbeitsmarktpolitik, und richtige Arbeitsmarktpolitik ist die beste Armutsvermeidungspolitik.

Linktipps:
Studie der Statistik Austria zu Einkommen und Gesundheit
www.statistik.at/web_de/presse/109625.html
Studie der Armutskonferenz zu Armut und Gesundheit
tinyurl.com/ja73uly

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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