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Sahel Rustami, Flüchtling aus Afghanistan Sahel Rustami holt gerade seinen Pflichtschulabschluss nach. Unter sahelrustami.wordpress.com gibt er weitere Einblicke in seine Gedanken.

Meine Erfahrungen in Österreich

Schwerpunkt Integration

Sahel Rustami kam vor acht Monaten nach Österreich. Der 17-jährige Afghane erzählt von Verlorenheit, neuem Halt, Ablehnung und Perspektiven.

Als ich nach Österreich gekommen bin, ich habe viel erlebt. Ich war schon vorher in einer anderen Gesellschaft, deswegen kann ich besser Unterschiede fühlen. Der Weg, den ich gekommen bin, war schwierig. Ich war in einem Camp in Klagenfurt. Die Stadt ist grün und schön. Nach drei Tagen hat die Polizei mich nach Traiskirchen gebracht. Ein großes Camp mit vielen Leuten habe ich gesehen.

Ungewohntes Essen
Ich hatte immer gedacht, dass ich nur alleine mit weniger Leuten gekommen bin, aber ich habe große Massen da gesehen. Die Situation war schwer, weil es keine Disziplin gab. Die meisten haben viele Probleme mit den Lebensmitteln gehabt, weil der Lebensmittelgeschmack unterschiedlich in verschiedenen Ländern ist. Ich konnte auch nicht essen, weil ich es nicht gewöhnt war und das war das erste Mal.

Niemand verantwortlich
Ich habe jede Nacht gesehen, dass die Jungen Alkohol getrunken haben und gesagt, dass sie alleine sind und keine Personen haben, die für sie verantwortlich sind und keine guten Zukunftsaussichten haben. Das war für mich ganz neu. Es haben auch ein paar Leute geraucht und gesagt, wenn du traurig bist, hilft es dir. Als ich gesehen habe, dass die Leute das machen, habe ich mir gedacht, dass die Leute sich fühlen, dass sie im Gefängnis sind. Aber ich konnte es nicht verstehen, weil ich nur vier Tage da war. Eine Woche verging und ich habe eine Karte bekommen und ich habe alles gemacht, was ich für eine Anmeldung in Österreich machen musste. Aber es war interessant, ich habe auch besondere Gefühle gehabt. Ich habe gefühlt, dass ich alleine und ohne Eltern bin. Das war ganz schwer, aber zum Glück habe ich eine Überstellung nach Klosterneuburg bekommen. Am nächsten Tag bin ich gefahren. Als ich im Bus war, habe ich nachgedacht, ob ich zu einem guten Platz gehe oder nicht. Ich wusste nicht, wohin ich gehe. Nach einer Stunde bin ich zu einem Camp gekommen.

Geschmack von Freiheit
Ich habe ein Zimmer mit vier Leuten bekommen. Dort waren weniger Leute als in Traiskirchen und die Lebensmittel waren auch ein bisschen besser. Aber Klosterneuburg war gut, weil ich Deutschkurs hatte und Fußball spielen konnte. Die Leute aus Klosterneuburg waren auch sehr nett und sie haben immer für die Jungen geplant. Am Anfang von diesem Jahr hat es viele Partys in Wien gegeben. Ich bin auch einmal mit meinen Freunden gegangen. Das war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass Männer und Frauen tanzen zusammen und trinken. Ich habe gefühlt, dass hier Freiheit ist und jeder macht, was er will, aber eben nur erlaubte Sachen. In dieser Zeit konnte ich trinken und tanzen und das war das erste Mal, dass ich den Geschmack von Freiheit kosten konnte.

Neue Eindrücke
Einmal war ich im Deutschkurs und ich habe eine sehr nette Frau kennengelernt. Sie hat in Klosterneuburg gewohnt. Sie hat mich zum Mittagessen eingeladen. Das war nicht weit von unserem Camp und ich bin einfach gegangen. Das war das erste Mal, dass ich zu einer Österreicherin gegangen bin. Ich konnte nur ein bisschen Deutsch sprechen und das war schwer zum Reden. Wir waren beim Esstisch und bereit für essen und alle haben Besteck genommen und angefangen. Sie haben Besonderes gegessen, aber ich konnte nicht mit dem Besteck essen.
Ich habe einen guten Freund in unserem Camp gefunden. Der kommt aus Deutschland und war bei uns ein Betreuer in dem Camp. Ich konnte immer mit ihm reden und Ausflug und Spaß machen. Eines Tages sind wir schwimmen gegangen und ich habe mich gefreut, weil ich so lange nicht geschwommen bin. Ich war im Schwimmbad und habe gesehen, dass alle zusammen schwimmen. Ich habe das noch nie gesehen, dass Männer und Frauen zusammen schwimmen können.
Ich war seit drei Monaten in Klosterneuburg und habe viele Leute kennengelernt. Sie waren sehr nett und haben immer für uns geplant und haben uns zum Ausflug und Sport mitgenommen. Ich konnte viel von diesen Leuten lernen und ich war immer glücklich, weil ich gedacht habe, dass die ganzen Leute gleich und genauso nett sind. In meinen Gedanken sind alle Menschen gleich, egal welche Hautfarbe, woher man kommt oder welches Geschlecht man hat.
An einem schönen Sommertag war ich mit meinem Freund in Wien und wir wollten zum Fußballtraining gehen. Plötzlich haben wir zwei Leute gesehen, die auf uns zugekommen sind. Sie haben von weit böse ausgeschaut. Deswegen habe ich ein bisschen Angst bekommen. Sie haben gesagt „Was macht ihr hier?“ und „Seid ihr Ausländer?“. Sie haben ein bisschen geschimpft und dann sind sie gegangen. Ich habe gedacht, dass sie vielleicht betrunken sind. Aber dieses Wort „Ausländer“ war in meinem Ohr. Ich wusste nicht, was es bedeutet. Ich habe es vergessen und gedacht, dass das nicht wichtig ist.
Es war Wochenende und mein Freund hat mir gesagt, es gibt eine große Party in Wien und können wir hingehen. Wir sind gegangen und da waren viele Leute und auch ein großes Fest. Ich habe gesehen, dass zwei Kinder uns angeschaut und ausgelacht haben: „Ihr seid Ausländer.“ Ich habe wieder nicht verstanden. Wir sind ein bisschen nach vorne gegangen und haben getanzt. Nach einer Stunde wollten wir nach Hause gehen, als drei Leute zu uns gekommen sind und gesagt haben „Warum habt ihr schwarze Haare“ und wieder „ Ihr seid Ausländer, warum geht ihr nicht zurück?“. Dieses Mal hat das mich traurig gemacht und ich bin gelaufen und schnell mit dem Zug nach Hause gefahren.
Ich habe die ganze Nacht überlegt, was es bedeutet. Wieso hören wir jedes Mal diese Wörter: Das war die Frage, die ich mir die ganze Nacht gestellt habe. Wer sind diese Ausländer, die sie meinen? Am nächsten Tag habe ich unseren Betreuer gefragt, der mein Freund war. Er hat mir alles erzählt und gesagt, dass ich nicht zuhören muss. Ich habe durch diese Erlebnisse immer wieder gespürt, dass ich nicht in dieses Land gehöre. Ich habe mich ganz anders und komisch gefühlt. In Österreich gibt es aber auch sehr viele nette Menschen. Trotzdem ist in mir das Gefühl, dass ich nicht Teil der Stadt bin.

Großer Schritt
Ich wollte zu einer Schule gehen und habe „PROSA – Projekt Schule für Alle!“ in Wien gefunden. Die Aufnahme war ein großer Schritt für mich beim Lernen. Am ersten Tag habe ich den Direktor und unsere LehrerInnen kennengelernt. Die waren sehr nett.

Perspektive
Sie haben alles für uns gemacht und versucht, auch unsere Probleme zu lösen. Ich habe mich gefreut, weil ich wieder in einer fantastischen Schule lernen konnte. Wir hatten diese Fächer in der Schule: Mathematik, Englisch, Deutsch, Geschichte, Natur und Technik, Gesundheit und Soziales und Kreativität und Gestaltung. Wir hatten viele LehrerInnen für alle Fächer. Dann war ich jeden Tag in der Schule und das war am Anfang ein bisschen schwer. Aber ich habe es gemocht und jeden Tag bin ich gerne in die Schule gekommen. Ab diesem Schuljahr werde ich auch Schüler an einer Wiener HTL sein und hoffentlich bis Februar meinen Pflichtschulabschluss bei PROSA nachholen.

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor sahel.rustami@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

„PROSA – Projekt Schule für Alle!“
Das ist eine Initiative von „Vielmehr für Alle! – Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe“. Seit 2012 betreibt der Verein Projekte und Maßnahmen zur Förderung junger Menschen mit Fluchterfahrung. „Vielmehr für Alle!“ vereint zivilgesellschaftliches Engagement und professionelles Know-how. So entsteht ein vielfältiges Angebot für zentrale Lebensthemen junger Menschen in den Bereichen Bildung, Wohnen, Gesundheit, Arbeit und Kultur. „Vielmehr für Alle!“ bringt Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zusammen – und zwar auf Augenhöhe. Weitere Infos finden Sie unter
www.vielmehr.at

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