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Symbolbild zu: Fokus auf das Gemeinsame Ist Integration daran messbar, wenn MigrantInnen in Tracht österreichische Volkslieder singen? Wohl kaum, was in dieser Vorstellung aber deutlich wird, ist die Vorstellung, "sie" hätten sich an "uns" anzupassen.
Buchtipp: Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime

Fokus auf das Gemeinsame

Schwerpunkt Integration

Vielfalt ist auch in Österreich längst Realität. Diese Buntheit bereichert das Zusammenleben, erfordert aber auch Offenheit und Reflektion im Umgang.

Ob Paris, London oder New York: Metropolen leben von der Vielfalt ihrer Menschen, ihrer Kultur, Sprachen, Lebensstile, Religionen. Je bunter, desto faszinierender, aber auch herausfordernder. Auch Wien wird immer vielfältiger. Diese Veränderung irritiert viele Menschen und sie kann auch Angst machen. Man kann aber auch produktiv mit dieser Vielfalt umgehen. Eben das versucht der Antirassismus-Verein ZARA in seinen Trainings zu erreichen, die auch an Volkshochschulen angeboten werden.

Vorurteile reflektieren
„Es geht darum, Vorurteile zu reflektieren, Zuschreibungen wie ‚alle Flüchtlinge sind …‘, ‚alle Frauen mit Kopftuch sind…‘ einmal zu hinterfragen und Vielfalt positiv zu gestalten“, erklärt Bianca Schönberger, Geschäftsführerin bei ZARA Training. In Zusammenarbeit mit der AK Wien läuft bereits zum zweiten Mal ein Schulprojekt, das einen positiven Umgang mit Vielfalt im Berufsalltag, aber auch Teamfähigkeit und Zivilcourage fördern soll. BerufsschülerInnen setzen sich im Rahmen von interaktiven Workshops mit Vorurteilen, Diskriminierung, Zivilcourage und Rassismus auseinander. Es geht bei der Prävention auch um ein Nachdenken, was „die eigene Identität ausmacht, über Nationalität und Sprache hinaus“, sagt Schönberger. „Dann entdeckt man vielleicht Gemeinsamkeiten mit Nachbarn oder Kolleginnen, die nicht aus Österreich stammen oder Deutsch als Muttersprache haben – wie die Liebe zum selben Fußballclub, die Sportbegeisterung in der Freizeit, die gleichen Hobbys, oder man kommt sich durch Begegnungen in Schule und Kindergarten näher“, so die Geschäftsführerin. Es gibt im Alltag oft mehr Gemeinsamkeiten mit „dem Fremden“, als man zunächst annimmt.

Perspektivenwechsel
Oft hilft es auch, sich einmal in die Lage einer anderen Person zu versetzen, etwa sich zu überlegen: Ich bin auch Mutter von zwei Kindern – wie würde es mir in einer ähnlichen Situation gehen, wenn ich mit meinen Kindern plötzlich flüchten und in einem anderen Land komplett neu beginnen müsste? Wichtig sei auch, sich einen kritischen Geist gegenüber medialer Berichterstattung zu bewahren. „Besonders im Internet kursieren viele Falschmeldungen mit oft hetzerischen Behauptungen ohne konkrete Angaben zu Ort, Zeitpunkt, Zeugen etc. – ein angeblicher ‚Vorfall‘ in einem Freibad, irgendwann, irgendwo“. Hier rät Schönberger, auf seriöse Informationsquellen zu achten und Informationen aus unterschiedlichen Medien zu konsumieren.
Rund 48 Prozent aller WienerInnen haben einen Migrationshintergrund. Mit der Zuwanderung der letzten Jahre ergaben sich neue Impulse. Persönliche Kontakte zu verschiedenen Migrationsgruppen – sei es in der Arbeit, in der Nachbarschaft oder in der Freizeit – werden von jenen, die sich darauf einlassen, als Bereicherung empfunden. Man „profitiert“ vom anderen, indem man Einblicke in neue Lebensweisen, Motivation und Inspiration erhält. Das können eine neue Sprache, neue Länder, neue Speisen oder neue Gewohnheiten, die man vielleicht selbst in den Alltag integriert, sein.

Nachbarschaft
Seit einem Jahr arbeitet ein syrischer Arzt, der flüchten musste, im Krankenhaus Steyr in Oberösterreich. „Wir sind alle sehr froh, dass er bei uns ist. Er bringt eine Gelassenheit und Freundlichkeit ins Team, da können sich manche österreichischen KollegInnen etwas abschauen. Auch bei unseren PatientInnen ist er beliebt, weil er sich viel Zeit nimmt“, erzählt eine Oberärztin.
Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani erinnert sich in seinem Buch „Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime“, wie er von Kind an gewöhnt war, zwischen zwei Welten zu pendeln. Sobald er sein Elternhaus betrat, begann eine andere Welt als in der Schule: „Es war, als ob ich eine Grenze überschritten hätte. Von einem Schritt auf den anderen wechselte die Sprache, änderten sich die Verhaltensweisen, folgte ich anderen Benimmregeln, und zwar, ohne es zu reflektieren oder gar als problematisch zu empfinden, umgeben von Formen, Gerüchen, Geräuschen, Menschen und Farben, die es jenseits der Türschwelle nicht gab.“ Für ihn war das „so gewöhnlich wie meine eigene Haut“, erinnert sich Kermani. Für seine deutschen Freunde übte diese Welt aber eine Faszination aus. „Sie zogen es in der Regel vor, bei uns zu spielen.“ Es hätte keine verbotenen Räume gegeben, keine festgelegten Essenszeiten, keine Eltern, die sich in alles einmischten, nur ein paar Brüder, die aber gestört hätten.

Viele Identitäten
„Mit diesem Gefühl, dass es jenes und dieses gibt, bin ich groß geworden, und ich habe heute das Gefühl, meinen Freunden in dieser Hinsicht etwas vorausgehabt zu haben“, so Kermani. Als Sohn einer iranischen Arztfamilie wurde er in Deutschland geboren und lebt in Köln. Er brauchte niemals Aufklärung darüber, dass „das, was ist, nicht alles ist“.
„Dass Menschen gleichzeitig mit und in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben können, scheint in Deutschland immer noch Staunen hervorzurufen – dabei ist es kulturgeschichtlich eher die Regel als die Ausnahme. Im Habsburger oder im Osmanischen Reich (…), heute noch in Isfahan oder Los Angeles waren oder sind Parallelgesellschaften kein Schreckgespenst, sondern der Modus, durch den es Minderheiten gelang, einigermaßen unbehelligt zu leben und ihre Kultur und Sprache zu bewahren“, schreibt Kermani.

Welches wir?
Wie sieht die Homogenität konkret in Österreich aus? Auch Österreich war und ist von großer Vielfalt geprägt, betont SOS-Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak: „Es leben Menschen mit unterschiedlichsten Biografien und Einstellungen im Land. Zugleich hat sich  Österreich nach dem Fall des Naziregimes in eine demokratische und rechtsstaatliche Kultur entwickelt, an die sich alle anzupassen haben, sowohl Menschen, die hier aufgewachsen sind, als auch Menschen, die neu ins Land kommen.“
Im Falle von „Fremden“ fällt immer wieder das Schlagwort der Anpassung an „uns“. Wie sieht dieses „Wir“ aus, an dem sich AusländerInnen orientieren sollen? Pollak gibt folgenden Ideenanstoß: „Die sogenannten ‚Wirs‘ hängen davon ab, wer man ist, wo man ist und mit wem man gerade spricht: wie beispielsweise ‚wir Studenten‘, ‚wir Lehrlinge‘, ‚wir Professoren‘, ‚wir Arbeitnehmer‘, ‚wir Lehrer‘, ‚wir Pensionisten‘, ‚wir Katholiken‘, ‚wir Juden‘, ‚wir Döblinger‘, ‚wir Simmeringer‘.“ Auch bei Bräuchen beobachtet Pollak Veränderungen: „Gerade da gibt es große Stadt-Land-Unterschiede.“ Halloween etwa wird erst seit einigen Jahren in Österreich von manchen gefeiert.
Karin Bischof und Dieter Schindlauer bieten mit ihrer „Sinnfabrik“ ebenfalls Workshops und Forschungen zu Diversität und Menschenrechten. Mit dem Land Steiermark, das eine „Charta des Zusammenlebens in Vielfalt“ veröffentlicht hat, haben sie zu diesem Thema zusammengearbeitet und sind auch der Frage des „Heimat(en) machen“ nachgegangen.
„Menschen in der Steiermark haben unterschiedliche Bedürfnisse. Das, was uns jedoch alle verbindet, ist das Bedürfnis nach Frieden, Freiheit, Nahrung und Wohnraum, nach Sicherheit, nach Gesundheit, nach menschlicher Nähe und Familienleben, nach Entwicklung, Bildung und Sinnerfüllung und – nicht zuletzt – nach Achtung unserer Persönlichkeit und nach Teilhabe am öffentlichen Leben“, lautet eine Schlussfolgerung.
Auch der steirische Ansatz lehnt Pauschalierungen von Gruppen ab und ist mehr auf das Individuum als das Kollektive ausgerichtet. „Es gilt zu verhindern, dass Individuen aufgrund ihrer Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe in ein ‚Gehäuse der Zugehörigkeit‘ gepresst werden. An die Stelle der weit verbreiteten Konzentration auf Gruppenzugehörigkeiten soll die Konzentration auf Lebenswelten treten.“

Linktipps:
www.zara-training.at
www.sinnfabrik.at
www.sosmitmensch.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin irene_mayer@hotmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

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