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US-Politikwissenschafterin Anne-Marie Slaughter Übliche Karriereratgeber würden Frauen nur dabei helfen, in der traditionell männlichen Welt der Firmenhierarchien auf Führungspositionen hinzuarbeiten, kritisiert die US-Politikwissenschafterin Anne-Marie Slaughter.
Buchtipp

Von wegen Vereinbarkeit …

Schwerpunkt Neoliberalismus

Es liegt nicht an mangelnder Power, Geduld oder Organisationstalent, dass sich Kinder und Karriere schwer vereinbaren lassen. Und das stört auch immer mehr Männer.

Anne-Marie Slaughter ist zweifellos eine Powerfrau: Politikwissenschafterin in Princeton, Präsidentin des Thinktanks „New America“ und Mutter von zwei Söhnen. Ihren Job als Direktorin des außenpolitischen Planungsstabs von Hillary Clinton beendete sie 2011 mit der Begründung, sich nach zwei Jahren Fernbeziehung mehr um ihre Familie kümmern zu wollen. Jetzt ist ihr Buch „Was noch zu tun ist: Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können“ auf Deutsch erschienen. Wie weit es auch als Unterstützung oder Anregung für Hillary Clinton gedacht war, lässt sich schwer sagen. Es liefert jedenfalls einige Denkanstöße und Ratschläge – auch für ÖsterreicherInnen.
Die USA sind eines der wenigen Länder ohne allgemeinen, gesetzlich verankerten bezahlten Mutterschutz. In den einzelnen Staaten gibt es unterschiedliche Regelungen, in Kalifornien etwa sogar bezahlten Vaterschaftsurlaub. Doch im Wesentlichen sind die konkreten Bedingungen stark vom jeweiligen Arbeitgeber abhängig. Im Vergleich dazu wird in Österreich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Kindergeld, Elternteilzeit, Väterkarenz oder Pflegefreistellung durchaus deutlich erleichtert. Doch im Prinzip sind berufstätige Eltern überall im gleichen Dilemma: Kinder, die mehrmals im Jahr überraschend und plötzlich krank werden oder an manchen Tagen partout nicht in den Kindergarten wollen und sich an Mama oder Papa klammern. Betreuungseinrichtungen, die sich nicht mit Schichtdiensten und langen Ferienzeiten vereinbaren lassen, Elternabende, Schulaufführungen und Chauffeurdienste, die mit beruflichen Terminen kollidieren: All das strapaziert persönliche, zeitliche und/oder finanzielle Ressourcen.

Eineinhalb-ErnährerInnen-Modell
Unter besonders schwierigen Bedingungen arbeiten Alleinerziehende. Eine Vereinbarkeitsstudie im Auftrag der AK Wien ergab 2013, dass nur 55 Prozent die Möglichkeit haben, kurzfristig auf Kinderbetreuungspflichten zu reagieren. Befragt wurden ArbeitnehmerInnen mit mindestens einem Kind unter zwölf Jahren im Haushalt, in dieser Gruppe dominiert nach wie vor das Eineinhalb-ErnährerInnen-Modell. Nur bei 25 Prozent der DoppelverdienerInnen-Haushalte waren beide voll berufstätig. Und typischerweise häufen AlleinverdienerInnen besonders viele Überstunden an. Allgemein sind private Bezugspersonen nach wie vor die wichtigste Säule der Kinderbetreuung.
Der aktuelle AK-Wiedereinstiegsmonitor zeigt, dass die Rückkehrchancen von Müttern bis zum zweiten Geburtstag dann am größten sind, wenn der Vater ebenfalls in Karenz geht. Tatsächlich tun das auch immer mehr Väter, allerdings hat sich die Unterbrechungsdauer verkürzt. Auch Frauen wählen immer häufiger kürzere Modelle. Mangels adäquater Betreuungsmöglichkeiten haben Alleinerzieherinnen trotz höheren wirtschaftlichen Drucks mit 53 Prozent eine niedrigere Wiedereinstiegsquote als der Durchschnitt (58 Prozent). Dieser Rückzug vom Arbeitsmarkt ist nicht selten der erste Schritt in die Altersarmut.

Kein reines Frauenproblem
Immerhin ist es heute nicht mehr üblich, dass junge Paare quasi schweigend übereinkommen, dass Mütter ihre beruflichen Ambitionen jahrelang auf Eis legen und vielleicht irgendwann „dazuverdienen“. Die Generation Millennium hat bezüglich Vereinbarkeit weniger Illusionen und geht das Ganze durchaus strategischer an. Doch wie so vieles lässt sich auch dieser Lebensbereich nur äußerst selten zu 100 Prozent durch eigene Entscheidungen beeinflussen. Arbeitslosigkeit, chronische Krankheiten, pflegebedürftige Eltern und andere Ereignisse sind ebenso unvorhersehbar wie die psychischen Folgen von Elternschaft. Viele sind überrascht, wie eng die Bindung zum Kind sein kann und wie sehr sich Bedürfnisse und Prioritäten dadurch verändern. Und nicht wenige Frauen haben Probleme damit, Verantwortung im Haushalt und für die Kinder abzugeben. „Es ist eine Sache“, so Slaughter, „den Haushalt abzugeben. Wesentlich schwieriger ist es, nicht mehr länger der Mittelpunkt des kindlichen Universums zu sein.“
Trotzdem sei Vereinbarkeit kein Frauenproblem, sondern ein Betreuungsproblem. Immer häufiger beklagen auch Väter, dass Arbeit und Familie nur schlecht unter einen Hut zu bringen sind. Übliche Karriereratgeber würden Frauen nur dabei helfen, in der traditionell männlichen Welt der Firmenhierarchien auf Führungspositionen hinzuarbeiten. Dieses System mit einer Kultur der Arbeitsüberlastung sei antiquiert und hinfällig und es sei höchste Zeit, „dass sich Unternehmen an die Realitäten des modernen Lebens anpassen“.

Gütesiegel und Staatspreise
Egal ob als bescheiden bezahlte Pflegehelferin oder als Managerin – Frauen erleben täglich hautnah, dass unsere Gesellschaft persönlichen Ehrgeiz belohnt und Fürsorge bestraft, „obwohl es sich dabei um zwei gleichwertige, notwendige menschliche Antriebskräfte handelt, die essenziell sind für die Erhaltung der Art“, bringt es Slaughter auf den Punkt.
Kreative Lösungen für bessere Vereinbarkeit wie Gleitzeitangebote nach den Bedürfnissen der Beschäftigten, Teilzeit für Führungskräfte, ein Papamonat nach der Geburt oder Betriebskindergärten haben auch hierzulande Seltenheitswert. Gütesiegel, Preise und Audits für Familienfreundlichkeit können zwar Bewusstsein schaffen, bieten aber keine wirkliche Garantie für die/den einzelne/n Beschäftigte/n. „Zum Teil werden dabei Maßnahmen als vorbildlich gelobt, die per Gesetz ohnehin vorgeschrieben sind“, so AK-Expertin Helga Hess-Knapp. „Auch Absichtserklärungen, etwa Leitlinien, sind unverbindlich.“ In der Praxis erleben die AK-RechtsberaterInnen immer wieder, dass Unternehmen ihren Beschäftigten etwa bei der Elternteilzeit große Probleme machen. „Auf der sicheren Seite sind ArbeitnehmerInnen dann, wenn in einem Unternehmen neben der familienfreundlichen Unternehmenskultur auch eine verbindliche Betriebsvereinbarung vorhanden ist“, so die AK-Expertin.

Kleine und große Schritte
Gesellschaftliche Veränderungen laufen in der Regel eher langsam ab, aber zweifellos finden sie permanent statt. So wie wir uns an das Verschwinden der Anrede Fräulein gewöhnt haben, werden wir uns alle an (sprachliche) Gleichstellung wie das viel diskutierte Binnen-I gewöhnen. Entscheidend für nachhaltige Verbesserungen ist die richtige Mischung. Denn einzelne Maßnahmen wie etwa Quotenregelungen werden nur dann zum wirksamen Gleichstellungsinstrument, wenn parallel die Vereinbarkeit verbessert wird. Derzeit gewinnen häufig kinderlose Frauen den Kampf um die Topjobs.
Fast genauso wichtig wie die Forderung nach dem Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen oder Ganztagsschulen ist für Slaughter ein allgemeines Umdenken. Sie sieht dabei durchaus auch Veränderungsbedarf bei sich selbst und ihren Geschlechtsgenossinnen. So sollten grundsätzlich nicht nur schwangere Frauen, sondern auch deren Partner auf die Vereinbarkeitsfrage angesprochen werden. Und man sollte Väter nicht länger für Dinge loben, die bei Müttern als selbstverständlich angesehen werden. Nicht nur Arbeitgeber, sondern wir alle sollten Zeiten der Kinder- oder Angehörigenbetreuung nicht mehr als Pause betrachten, sondern als Lebensabschnitt, der neue Erfahrungen ermöglicht. Damit wäre dann auch klar, dass typisch männliche Karrieren mit Überstunden und stetigem Vorwärtskommen nicht länger die Norm bleiben können.

Linktipp:
L&R Sozialforschung im Auftrag der AK Wien: Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung
tinyurl.com/jvacrqm

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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