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Symbolbild zum Bericht: Die Textil-Karawane zieht weiter In der Textilproduktion herrschen weitgehend untragbare Zustände. Überfluss hier, Armut da. Nicht vorhandene Lebensqualität dort scheint jene bei uns zu ermöglichen.
Buchtipp

Die Textil-Karawane zieht weiter

Schwerpunkt Internationale Solidarität

Verlangen nach billiger Kleidung versus Ausbeutung - die Globalisierung macht es möglich. Deshalb unterstützen sich Gewerkschaften über Ländergrenzen hinweg.

Wir leben in einer Zeit, in der viel Wert auf Außenwirkung gelegt wird. Ein gepflegtes Erscheinungsbild reicht oft nicht mehr aus: Die Kleidung sollte up to date sein, das gilt auch für dazu passende Schuhe und Accessoires. Junge Menschen sollten auf keiner Party mit demselben Outfit auftauchen und die Klamotten generell öfter runderneuern. ModebloggerInnen machen es vor. „Fast fashion“, „schnelle Mode“ heißt der Trend: Modemarken bringen jetzt statt zweimal im Jahr einmal wöchentlich eine neue Kollektion heraus.
Möglich macht das die globalisierte Kleidungsindustrie, die auch was für kleine Börsen bietet: T-Shirts um vier, Hosen um zehn, Schuhe um 15 Euro. Am anderen Ende der Wertschöpfungskette, in der Produktion, herrschen weitgehend untragbare Zustände: 16-Stunden-Arbeitstage, schlechte Luft, giftiges Material, düsteres Licht, einsturzgefährdete Gebäude, fehlende soziale Absicherung sowie Löhne, die bestenfalls vor dem Verhungern bewahren, sind in Produktionsländern wie Bangladesch, China, Kambodscha, in Südosteuropa und Afrika an der Tagesordnung. Überfluss hier, Armut da. Nicht vorhandene Lebensqualität dort scheint jene bei uns zu ermöglichen.

Großer Wurf mit Haken
Muss das so sein? Oder ist Solidarität über Ländergrenzen hinweg möglich? „In manchen Bereichen funktioniert internationale Solidarität sehr gut“, sagt Monika Kemperle, stellvertretende Generalsekretärin beim internationalen Gewerkschaftsverband IndustriALL mit Sitz in Genf und selbst ehemalige Näherin. Insbesondere seit dem Rana-Plaza-Einsturz in Bangladesch, bei dem 2013 mehr als 1.100 Menschen starben und rund 2.500 verletzt wurden, hat sich viel getan. „Es hat eine Wende in der Bekleidungsindustrie in Bangladesch gegeben“, sagt Kemperle. Ein Rana-Plaza-Fonds wurde installiert: Ehemalige ArbeiterInnen und Hinterbliebene erhalten Kompensationszahlungen, die nicht wie bisher einmalig, sondern laufend erfolgen und auch die Ausbildung von Waisen und den Lohnentgang von Versehrten abdecken.
Außerdem gelang „ein sehr großer Wurf, mit dem niemand gerechnet hat“: Wenige Wochen nach dem Unglück wurde ein Abkommen über Brand- und Gebäudeschutz für Kleidungsfabriken in Bangladesch durchgesetzt, das bisher von 26 Marken unterzeichnet wurde, darunter H&M, C&A, Aldi, Mango, Kik, Tchibo und Benetton. Damit verpflichten sich die Ketten dazu, dass unabhängige InspektorInnen ihre Zulieferbetriebe überprüfen dürfen. Leichte Mängel müssen behoben werden, bei Einsturzgefahr setzt ein Mechanismus ein, der zur Schließung des Gebäudes führt. Das Ganze hat aber einen Haken: Der Vertrag wurde nur für fünf Jahre vereinbart und läuft 2018 aus. „Wir bemühen uns derzeit um Nachfolgeregelungen, aber wir wissen, dass das nicht leicht ist“, sagt Monika Kemperle. 26 Kleidungshändler sind zudem ein Minimalanteil der Firmen, die in Bangladesch nähen lassen. In anderen Ländern wäre man dennoch über eine solche Regelung heilfroh.
Gewerkschaften in den Betrieben wären ein wichtiger Schritt. Doch selbst die Gründung einer Gewerkschaft wird oft unterdrückt und mit Gewalt niedergeschlagen. In Andrew Morgans Dokumentarfilm „The True Cost“, der sich mit dem gesellschaftlichen und ökologischen Preis billig produzierter Kleidung beschäftigt, erzählt die Näherin Shima Akhter aus Bangladesch, dass sie eine Gewerkschaft gegründet hat. Nachdem das Team eine Liste mit Forderungen ans Management geschickt hatte, kam es zu einer Auseinandersetzung. „Danach schlossen die Manager die Tore und mit ihnen attackierten uns 30 bis 40 Angestellte und verprügelten uns. Sie verwendeten Stühle, Stöcke, Waagen und Dinge wie Scheren, um uns zu schlagen. Sie schlugen unsere Köpfe gegen die Wände. Sie schlugen uns zumeist in die Brust und in den Unterleib“, erzählt Akhter unter Tränen. „So etwas ist fast an der Tagesordnung“, sagt Monika Kemperle, die viel in Produktionsländern unterwegs ist. Ein sehr hoher Anteil von Frauen – und in der Textilindustrie arbeiten vor allem Frauen – ist laut Kemperle „täglichen Belästigungen jeder Form“ ausgesetzt, von verbalen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen.

140 Euro im Monat
In manchen Ländern, etwa Kambodscha, werden zuweilen Demonstrationen von FabrikarbeiterInnen gewaltvoll niedergeschlagen. Zwar erreichte man dort einen Mindestlohn von 140 Euro im Monat, das genügt aber kaum zum Überleben. Gerald Kreuzer von der Produktionsgewerkschaft PRO-GE sagt: „Nicht überall gibt es Arbeitnehmerrechten gutgesinnte Regierungen und funktionierende Verwaltungsapparate. Oft gibt es Probleme mit Korruption und Verstrickungen öffentlicher Einrichtungen mit Unternehmen.“ Häufig bestehen Gesetze, die ArbeitnehmerInnen schützen sollten, aber „Papier ist das Eine“, die Ahndung von Übertritten könne nicht garantiert werden. Die PRO-GE versuche über internationale Verbände, „entlang der Wertschöpfungskette ein gewerkschaftliches Kommunikationsnetz zu knüpfen“. Gibt es am anderen Ende der Welt Schwierigkeiten, können sich Gewerkschaften an Genf wenden: „In Einzelfällen funktioniert das sehr gut.“ Auch mit NGOs wie Clean Clothes, der Fair Wear Foundation oder Fairtrade arbeite man zusammen. Übergriffe gegen Gewerkschaften werden publik gemacht und so wird Druck auf Marken ausgeübt. Auch bei der Gewerkschaftsgründung unterstützt man einander: „Über unsere europäischen und weltweiten Verbände werden Seminare und Workshops abgehalten und es wird vermittelt, wie Gewerkschaften aufgebaut werden können. Hinter den Kulissen passiert schon sehr viel an internationaler Solidarität“, so Kreuzer.

Nach der Landwirtschaft
Die Kleidungsindustrie funktioniert nach dem Schema: Wo die Arbeit am billigsten ist und die Auflagen am geringsten sind, wird produziert. „Textil ist immer eine Pionierbranche, wenn sich eine Volkswirtschaft von der Landwirtschaft weg entwickelt. Sie beginnen oft mit der Erzeugung einfacher Produkte“, erzählt Kreuzer. Irgendwann reife die Volkswirtschaft und entwickle sich in eine andere Richtung, „siehe China“, das jedoch nach wie vor zu den größten Kleidungsproduzenten zählt. Vietnam werde für die Schuhindustrie immer interessanter. Südosteuropäische und baltische Staaten würden mit ihrer „Nähe zu Europa“ punkten. Im weiteren Trendverlauf „geht die Karawane in Richtung Nordafrika“.

Billige Ausrede
Gegen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen wird oft vorgebracht, dass die ArbeiterInnen keine oder noch schlimmere Arbeit machen müssten, hätten sie den Job in der Nähfabrik, der Färberei oder Gerberei nicht. Hartwig Kirner, Leiter von Fairtrade Österreich, findet dieses Argument „hinterlistig und fast ein bisschen erpresserisch – damit könnte ich auch in Europa Mindestlöhne wegdiskutieren“. Natürlich sollte nicht arbeitsplatzfeindlich agiert bzw. sollten nicht nur sofortige Änderungen akzeptiert werden, aber es sei eine „etwas billige Ausrede“, denn die Unternehmen könnten trotzdem faire Löhne zahlen.
Teuer zu kaufen heißt übrigens nicht, Ausbeutung zu verhindern, denn auch viele hochpreisige Marken lassen in denselben Fabriken wie Billigshops produzieren. Verantwortungsbewussten KonsumentInnen bleiben vor allem zwei Möglichkeiten: der Kauf von fair gehandelten und produzierten Produkten, wobei es nicht leicht ist, den Überblick über die Label zu behalten. Greenpeace empfiehlt etwa die Siegel der Fair Wear Foundation, von GOTS und jenes von Fairtrade, das sich bisher zwar nur auf Baumwollprodukte konzentriert, dort jedoch die gesamte Lieferkette einbezieht. Monika Kemperle empfiehlt als zweite Möglichkeit, sehr kritisch zu sein und Firmen mit Fragen zu belästigen, wo und unter welchen Bedingungen etwas produziert wurde: „Konsumenten, die nachfragen, fürchten die Unternehmen am meisten.“ Von einem Boykott rät sie strikt ab: „Damit gehen Arbeitsplätze verloren.“ Gerade für Frauen sei die Textilarbeit oft „die einzige Chance auf eine Beschäftigung, die ihnen ein wenig Unabhängigkeit bringt“.
 
Linktipps
Andrew Morgan: „The True Cost“, 2015, siehe:
truecostmovie.com
Überblick über Textilsiegel:
tinyurl.com/hwz4tdz

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin alexandra.rotter@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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