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Im Bild rechts: Wolfgang Knes, Österreichs einziger Weltbetriebsrat. Wolfgang Knes (rechts im Bild): Vom Stille-Post-Spiel hält der globale Betriebsrat wenig. Wenn es ein Problem gibt, werden alle Beteiligten zusammengetrommelt und die Karten offen auf den Tisch gelegt.
Wolfgang Knes, Österreichs einziger Weltbetriebsrat. Ein Berg voller Arbeit, das Handy stets griffbereit. Als Welt-Betriebsrat des global agierenden Papierkonzerns Mondi ist Wolfgang Knes von früh bis spät für seine KollegInnen erreichbar.
Die Werkshallen in Frantschach des Papierkonzerns Mondi Tausende Tonnen Papier rollen vollautomatisiert durch die Werkshallen in Frantschach. Die Arbeitserleichterung hat ihren Preis: 1.200 Arbeitsplätze sind in den letzten 40 Jahren allein in Kärnten verloren gegangen.

Reportage: Zu Hause an 100 Standorten

Schwerpunkt Internationale Solidarität

Zuhören, vermitteln - und notfalls auf den Tisch hauen. Als Weltbetriebsrat führt Wolfgang Knes ein Leben zwischen Sozialplänen, Swimmingpools und Entspannung auf Kommando.

Wolfgang Knes
ist Österreichs einziger Weltbetriebsrat.
Ein Berg voller Arbeit, das Handy stets griffbereit. Als Welt-Betriebsrat des global agierenden Papierkonzerns Mondi ist Wolfgang Knes von früh bis spät für seine KollegInnen erreichbar. 100 bis 120 E-Mails und Anrufe rieseln täglich beim 52-jährigen Kärntner ein. Was wie ein Einzelkampf aussieht, ist in Wahrheit ein gut aufgebautes Netz aus KollegInnen in ganz Europa. Nun will der Kärntner bis 2020 seine Netze über den gesamten Globus spannen. Ein schwieriges Unterfangen: Nicht überall auf der Welt ist Knes als Betriebsrat so willkommen wie in seiner Heimat Frantschach im Lavanttal.
 

Es hat 34 Grad in der Verladestation, als Wolfgang Knes vor die Arbeiter tritt und ihnen freundschaftlich die Hände schüttelt. Es ist 13.30 Uhr und 18 Männer in grauen Arbeitshosen und orangefarbenen Mondi-T-Shirts warten mit verschränkten Armen vor der Brust auf die Betriebsleitung. „Wir sind heute da, um die Situation zu beruhigen und eine Lösung zu finden“, eröffnet Knes die Betriebsversammlung in der Papierfabrik Mondi in Frantschach. Am Wochenende zuvor hat ihn der Anruf eines Kollegen ereilt – die Betriebsleitung will einen Mitarbeiter in der Nachtschicht einsparen. Die Arbeiter sind außer sich. Ein Kollege Mitte 50 fragt: „Wie stellt ihr euch das vor? Wenn wir so weitermachen, sterben hier der Reihe nach die Leute weg!“ Die Stimmung ist aufgeheizt, der Umgang dennoch respektvoll. Knes hört aufmerksam die Argumente der Betriebsleitung und jene der Arbeiter an, alles Männer zwischen 25 und 55 Jahren. Eine Stunde wird unter dem dröhnenden Lärm von Maschinen diskutiert, während Tausende Kilo schwere Papierrollen voll automatisiert durch die Halle rollen. „Das kommt sicher nicht infrage. Wir haben einen Schichtplan und der ist einzuhalten“, ergreift Knes das Wort und warnt die Betriebsleitung: „Wenn noch einmal so was vorkommt, ohne unser Wissen, dreh ich euch die Bude zu.“ Am Ende der Versammlung macht die Betriebsleitung das Zugeständnis, einen weiteren Mitarbeiter für die Nachtschicht vorzusehen.
Gespräche dieser Art sind business as usual, meint Knes. Einmal in der Woche versucht er, vor Ort in Frantschach zu sein. Christof Schlatte ist meist dabei. Der junge Betriebsrat hält in Kärnten die Stellung, wenn Knes zwischen Wien, Südafrika, Polen, der Türkei oder Russland pendelt. Seit Oktober 2015 vertritt der 52-jährige Kärntner mit silberblondem Haar und eiserner Miene die Anliegen von 26.000 ArbeitnehmerInnen in 30 Ländern. Dabei geht es vor allem darum, Lösungen zu finden und zwischen Beschäftigten, Gewerkschaften und Management zu vermitteln. Seit 20 Jahren funktioniert das im Europäischen Betriebsrat von Mondi so gut, dass der Konzernchef vergangenen Herbst meinte: „So Wolfi, jetzt kannst du gleich einen Welt-Betriebsrat gründen.“

Spinnennetz über Europa
In Frantschach ist der Betriebsratsvorsitzende gern gesehen. Hinter einer Glasscheibe winkt ein Mitarbeiter, der die Verladung der Papierrollen kontrolliert, ein anderer ruft aus der Ferne „Servas Wolfi!“. Hier hat die steile Karriere des gelernten Maschinenschlossers begonnen: Nach vielen Jahren im Betriebsrat wurde er 2008 zum Betriebsratsvorsitzenden von Mondi Frantschach gewählt, 2009 zum Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats und des Europabetriebsrats. Viermal im Jahr treffen sich unter seiner Leitung 32 Mitglieder aus den europäischen Ländern, um sich über die Arbeitssituation in Europa auszutauschen. Nicht alle sprechen Englisch. Bis zu zehn Übersetzer waren schon mit von der Partie, jetzt werden es noch mehr werden. „Ich habe Europa wie ein Spinnennetz eingeteilt“, berichtet Knes und deutet mit den Händen in die Himmelsrichtungen. „Jeweils ein Betriebsrat ist für den Norden, den Osten, den Süden und den Westen zuständig. Dann gibt’s noch Kollegen, die die Regionen dazwischen betreuen.“ Er habe dafür gesorgt, dass alle Mitglieder des Europäischen Betriebsrats mit Laptop und Handy ausgestattet sind, erzählt er stolz. Immerhin gab es in einigen Ländern bis vor Kurzem Betriebsräte, die nicht einmal ein Handy hatten. Eine reibungslose Kommunikation sei aber das Wichtigste in diesem Job. Bis 2020 soll der Weltbetriebsrat bei Mondi ebenso selbstverständlich sein wie der Europabetriebsrat heute.

Umfragen in 24 Sprachen
In den nächsten Jahren will Wolfgang Knes alle hundert Standorte abklappern. Und Mondi expandiert. Erst kürzlich hat der Papierkonzern ein Werk in der Türkei aufgekauft. „Ich würde mir wünschen, dass wir mit den Leuten auch so expandieren.“ Vor vierzig Jahren werkten noch 1.600 MitarbeiterInnen in Frantschach, heute sind es knapp über 400. Den Personalstand zu halten ist eine der größten Herausforderungen – weltweit. „Wir müssen realistisch sein: Jede Investition bedeutet Arbeitsplätze zu rationalisieren“, meint Knes. Die Produktivität steigt zunehmend, gleichzeitig sinkt die Zahl der MitarbeiterInnen.
In Deutschland hat ein Werk zugemacht und die gesamte Produktion wurde nach Spanien verlagert. Dort lässt es sich billiger produzieren. Was kann ein Betriebsrat da bewirken? „Verhandeln! Sozialpläne ausverhandeln und das Beste für die Beschäftigten rausholen!“ Während der 1,90 Meter große Betriebsrat erzählt, marschiert er mit schnellen Schritten durchs Werk.
Die Kollegen grüßt er alle beim Namen. Als Europabetriebsrat habe er schon einiges erreicht, meint er. Zum Beispiel konnte er in Thessaloniki die massiven Lohnkürzungen abwehren und den Drei-Schicht-Betrieb auf Vier-Schicht umstellen. Er hat auch eine weltweite MitarbeiterInnen-Umfrage über die Zufriedenheit am Arbeitsplatz eingeführt. Die Ergebnisse der ersten Umfrage waren katastrophal. An vielen Standorten beklagten Beschäftigte die schlechte Kommunikation mit der Betriebsleitung. „Wir haben sofort neue Kommunikationsregeln aufgestellt“, so Knes.

Alle zwei Jahre wird die Umfrage nun wiederholt, mittels Fragebogen in 24 Sprachen. Wichtig sei, dass die Arbeit der Betriebsräte Konsequenzen hat. „Wir treffen uns ja nicht zum Kaffeetratsch. Wir sitzen an einem Tisch und gehen jede Region durch: Was steht wo an, welche Probleme gibt es? Wenn irgendwo der Hut brennt, fahre ich persönlich hin.“
„Unlängst habe ich in Wien auf Englisch einen Kaffee bestellt. Das kann passieren, wenn man so viel unterwegs ist“, schmunzelt der Wolfsberger. Englisch, Italienisch und Spanisch spricht er mittlerweile fließend, Russisch macht ihm noch zu schaffen. Welche Skills braucht also ein Weltbetriebsrat? Wie aus der Pistole geschossen antwortet Knes: „Weitblick, Verständnis für andere Länder und ein gutes Netzwerk.“
Die Antworten fallen knapp aus, auch mit Reden ist keine Zeit zu verlieren. „In anderen Ländern sind nicht nur die Gesetze anders, auch die Kulturen. Das muss man berücksichtigen, sonst kommt man nicht weiter.“ In Russland zum Beispiel badeten Kinder der Beschäftigten in einem reißenden Fluss hinter dem Betriebsgelände. Das sei viel zu gefährlich, befand Knes und ließ kurz darauf einen Sicherheitszaun um den Fluss und einen riesigen Swimmingpool für die Kinder bauen. Manchmal sind es auch solche Themen, mit denen sich ein globaler Betriebsrat herumschlägt. Auch wenn der Weltbetriebsrat keine gesetzliche Grundlage hat, sei durch seine Arbeit nun vieles einfacher als früher. Bislang war es immer ein Goodwill der Geschäftsleitung, ihn zu empfangen, vor allem an Standorten, an denen kein Betriebsrat installiert ist. Wenn er heute vor verschlossenen Toren steht, wie kürzlich in der Türkei, reicht ein Anruf beim Konzernchef und schon wird er freundlich ins Werk gebeten. „Dafür braucht es eben auch Vertrauen und sehr gute Zusammenarbeit mit dem Topmanagement.“

Entspannung auf Knopfdruck
16.30 Uhr. Der nächste Termin wartet bereits. Die Woche darauf geht es für den Betriebsrat wieder nach Wien und St. Pölten. Neben seinen vielen gewerkschaftlichen Funktionen sitzt Knes auch im Nationalrat. „Manche meinen, ich bin ein Postenschacherer. Aber das stimmt so nicht.“ Er sei ja nicht nur anwesend, sondern lege sich immer ins Zeug, rund um die Uhr. Wie es mit kürzeren Arbeitszeiten für den Betriebsrat aussieht? Knes lacht. „Das geht nicht. Für die Kollegen ja, aber als Betriebsrat musst du immer erreichbar sein.“ Abschalten ist da nur schwer vorstellbar. Das sei aber kein Problem, meint Knes. Mittlerweile geht das auf Knopfdruck, am besten beim Wandern oder zu Hause. Dort ist er dann auch voll und ganz Familienmensch. „Natürlich braucht man eine Frau, die da mitspielt.“
Seine Frau hat sich an die vielen Reisen ihres Mannes gewöhnt. Sie packt sogar die Koffer, wenn auch mit Bauchweh. Denn ab und zu kann es richtig brenzlig werden. Zum Beispiel vor einigen Jahren in Russland:  Nur dem Zufall einer kurzfristigen Flug-Umbuchung ist es zu verdanken, dass der Betriebsrat zwei Stunden vor den tödlichen Anschlägen bereits auf dem Heimweg war. Bei den Anschlägen in Brüssel heuer saß er eine Stunde zuvor im Flieger. Ob er da selbst nie Angst habe? „Angst?“, fragt Knes erstaunt. „Nein. Wer Angst hat, hat in diesem Job verloren.“

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