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Symbolbild zu Coverstory: Internationale Solidarität In Afghanistan legen die älteren Menschen ihre gesamten Ersparnisse zusammen, damit ihre Kinder oder Enkel in eine bessere Welt flüchten können: Afghanistan ist das einzige Land der Erde, in dem fast zwei Drittel unter 25 Jahre alt sind.
Symbolbild zu Coverstory: Von Berlin nach Kabul In einer normalen afghanischen Familie müssen sieben Menschen mit dem monatlichen Durchschnittslohn von 5.000 Afghani ernährt werden. Rund 64 Euro sind das umgerechnet. Pro Person und Tag bleiben somit rund 24 Afghani bzw. 30 Cent.
Buchtipp

Coverstory: Von Berlin nach Kabul

Schwerpunkt Internationale Solidarität

Gewerkschaften füllen den Begriff internationale Solidarität in vielfältiger Weise mit Leben. Die IG Metall etwa engagiert sich in Afghanistan.

Dass es im von Dekaden des Krieges geplagten Afghanistan eine aktive Gewerkschaft gibt, ist wohl vielen nicht bewusst. Dabei wurde die Nationale Union der Afghanischen Arbeiter und Angestellten (NUAWE) bereits im Jahr 1967 gegründet. Erst wenige Jahre zuvor, genauer gesagt 1964, war die konstitutionelle Monarchie eingeführt worden. Heute ist die NUAWE in 25 von 34 Provinzen mit einem Büro vertreten und kann die meisten AfghanInnen erreichen. Als im Jahr 2014 ein Mitarbeiter in seinem Büro von Taliban-Kämpfern enthauptet wurde, führte das zu einer großen spontanen Demonstration – Tausende Menschen schlossen sich an. „Das hat den Leuten Mut gemacht, wieder auf die Straße zu gehen“, weiß Tom Kehrbaum, 45, Projektleiter der internationalen gewerkschaftlichen Bildungsarbeit der IG Metall in Frankfurt (www.igmetall.de). Ausreichend Kraft, um auch gleich die alte Tradition des Maiaufmarsches wiederzubeleben – ebenfalls seit 2014 findet deshalb in der Hauptstadt Kabul am 1. Mai wieder eine Kundgebung statt. Lautstark wird für Arbeit, Bildung und Frieden demonstriert. Die IG Metall unterhält zahlreiche Bildungsarbeits-Projekte für BetriebsrätInnen und Vertrauensleute unter anderem in Lateinamerika, Tunesien, Ungarn und den USA. Kehrbaum: „Die gewerkschaftliche Bildungsarbeit spielt bei internationalen Kooperationen eine wichtige Rolle. Von vielen Gewerkschaften wird sie als Chance gesehen, innerorganisatorische Reformen mit anzustoßen.“ Die NUAWE wird seit zwei Jahren intensiv unterstützt. Projekte wie diese sind konkrete Beispiele dafür, wie internationale Solidarität in der Praxis konkret aussehen kann.

Grundgedanke
Solidarität: Sie ist der Grundgedanke von Gewerkschaften. Die internationale Dimension war und ist ein wichtiger Teil gewerkschaftlichen Engagements. Die Entstehung moderner Gewerkschaften etwa ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Reaktion auf die globale Durchsetzung des Kapitalismus sowie der damit verbundenen (und bis heute) wachsenden Ungleichheit in und zwischen Klassen, aber auch Staaten und Regionen. Bereits um 1900 existierten in allen Industriestaaten starke, branchenübergreifende Gewerkschaftsbewegungen.
Am Beginn standen ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst exklusive Fachorganisationen, die mit dem Mittel des Streiks ihre Interessen durchzusetzen versuchten. Zeitgleich häufte sich bemerkenswerterweise der Begriff Solidarität im allgemeinen Sprachgebrauch. Für diese Vorläufer moderner Gewerkschaften bedeutete diese Parole vor allem die gegenseitige Unterstützung bei Arbeitskämpfen bzw. insbesondere die Abwehr von Streikbrechern, welche die Arbeitgeber aus unterschiedlichen Regionen Europas herbeischafften. Solidaritätsarbeit musste sich demnach überregional entwickeln, zumindest wenn sie effizient sein sollte. Es waren sozialistische Kräfte wie die Erste Internationale (IAA), die das erkannten und durch ihre Strukturen einen organisatorischen Rahmen anbieten wollten.
Die IAA leistete aber noch mehr für die Gewerkschaftsbewegung im Hinblick auf die internationale Solidarität. Sie beobachtete nämlich genau die Entwicklungen der Gewerkschaften in unterschiedlichen Ländern, insbesondere in Britannien. Im Mutterland der Industrialisierung war der Einfluss der IAA (und später der Sozialdemokratie) aus historischen Gründen zwar schwach, aber die Entwicklung der Gewerkschaften schon weit fortgeschritten. Bereits im Jahr 1868 wurde hier ein branchenübergreifender und gleichzeitig überregionaler, also im Gesamtstaat wirksamer und daher erfolgreicher Gewerkschaftsdachverband gegründet. Erfolgsmodelle wie dieses wurden von der IAA aufgegriffen, beworben und schließlich von der (zweiten) Sozialistischen Internationale ab 1889 auf dem europäischen Festland konsequent umgesetzt. In vielen Staaten konzipierten sozialistische GewerkschaftsaktivistInnen Dachverbände, die sich in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg mit Leben und Mitgliedern füllten.

Inhaltliche und praktische Impulse
Weitere wichtige inhaltliche und praktische Impulse der Sozialdemokratie für diese wachsende Bewegung betrafen ebenfalls Fragen der internationalen Solidarität. Dazu gehörte beispielsweise der Beschluss der Zweiten Internationale, ArbeitsmigrantInnen überall zu organisieren und ihre Interessen gewerkschaftlich vertreten zu wollen, oder auch jener, am 1. Mai einen internationalen Streik- und Kampftag für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung durchzuführen. Insbesondere für die Gewerkschaften im Habsburgerstaat hatte die Umsetzung des „Ersten Mai“ eine hohe symbolische Bedeutung, weil hier immer wieder im tobenden Nationalitätenstreit ein gemeinsames Zeichen der ArbeiterInnenschaft gezeigt wurde. Ebenfalls bemerkenswert: Pro Kopf gerechnet leisteten die sozialistisch geprägten Freien Gewerkschaften der Monarchie die höchsten Geldbeiträge für die branchenübergreifenden Gewerkschaftsgremien auf internationaler Ebene, die ab 1902 entstanden.
So wichtig die internationale Solidarität den Gewerkschaften auch schien, so schwierig sollte es sich gestalten, diese mit Leben zu erfüllen. Denn die weitere Entwicklung der Gewerkschaften sollte auf nationalstaatlicher Ebene stattfinden. Alle wichtigen Entscheidungen sowie der überwältigende Anteil der Verfügungsgewalt über die gewerkschaftlichen Ressourcen blieben bei den nationalstaatlichen Verbänden. Explizit wurde von den internationalen Gremien sogar festgehalten, nicht über Unterstützungszahlungen bei Arbeitskämpfen entscheiden zu dürfen. Gegenüber dem Import von Streikbrechern konnte sich eine internationale Konferenz 1907 lediglich auf eine öffentliche Namensliste entsprechender Personen einigen. Angesichts der Globalisierung und der starken Machtposition des Kapitals wäre eine starke internationale Vernetzung umso wichtiger. Die Dominanz der nationalstaatlichen Verbände aber ist bis heute erhalten geblieben. Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hält in seiner Satzung sogar fest: „Die Mitgliedsorganisationen bleiben auf nationaler Ebene uneingeschränkt autonom.“ Die Mitgliedsbeiträge und damit die Schlagkraft der internationalen Strukturen sind gering. Politisch verstehen sich diese Gremien vor allem als (Gegen-)Lobby in verschiedenen internationalen Organisationen. So pflegt der IGB Beziehungen zur Internationalen Arbeitsorganisation, UNO-Sonderorganisationen, OECD oder den G20, um dort die Interessen der ArbeitnehmerInnen voranzutreiben.

Voneinander lernen
Konkrete Solidaritätsarbeit wird vor allem von nationalen Verbänden, Fachgewerkschaften bzw. – grenzüberschreitend – durch interregionale Gewerkschaftsräte (IGR) geleistet. Aber auch hier sind strukturelle Probleme erkennbar. So räumte Marcus Strohmeier, der Leiter des Internationalen Referats des ÖGB, bei einer Buchpräsentation im Jahr 2015 ein, dass die Ansätze des ÖGB aufgrund mangelnder Finanzmittel begrenzt seien. Hinsichtlich der internationalen Zusammenarbeit bestünden die Aufgaben des ÖGB vor allem in der Reaktion auf dringende Notrufe und der Organisation von Seminaren für KollegInnen aus dem sogenannten Süden. Sepp Wall-Strasser ergänzte, dass die Arbeit des ÖGB darauf abziele, AkteurInnen unterschiedlicher Länder zusammenzuführen, damit diese voneinander lernen.
Bemerkenswert sind in diesem Kontext gewerkschaftliche Basisinitiativen wie die Unterstützung streikender BergarbeiterInnen in Südafrika (2012) oder die „Klinik der Solidarität“ in Griechenland. Ein Beispiel für transnationale Kooperationen ist eben die Zusammenarbeit der IG Metall mit der afghanischen Gewerkschaft NUAWE. Diese ist Mitglied im Welt-Gewerkschaftsdachverband und hat Frauen- wie Jugendorganisationen – nicht selbstverständlich in dieser Gegend. Zusätzlich wurde vor einem Jahr die Abteilung für gewerkschaftliche Bildung organisiert. „Wir unterstützen sie bei der Organisationsentwicklung, der politisch strategischen Entwicklung und bei der Ausbildung der BildungsreferentInnen“, erklärt Kehrbaum von der IG Metall. Eigens dafür wurden sechs junge Studierende – fünf Männer und eine Frau – eingestellt und von der IG Metall als TrainerInnen, etwa in Methodik oder Didaktik, ausgebildet. Die Ausbildungsmodule für GewerkschafterInnen finden in Indien (meist Neu Delhi) statt, denn in Kabul mit einem Alltag aus Anschlägen ist es zu gefährlich.

Ausbeutung und Missbrauch
Bildungsexperte Kehrbaum reiste öfters nach Afghanistan, spricht schon ein paar Brocken Dari und ist Referent bei allen drei Modulen des ersten Ausbildungsgangs in Indien. Die Module dauern je eine Woche und behandeln die Themen Kommunikation, Methodik und Didaktik. Der gelernte Mechaniker kam mit 18 Jahren zur IG Metall, arbeitet seit 1999 hauptberuflich dort und ist heute im Vorstand für die internationale Bildung zuständig. Kehrbaum hat dazwischen sogar ein Studium der Pädagogik und Philosophie abgeschlossen und promoviert nun. Welche immense Bedeutung gewerkschaftliche Bildungsarbeit und damit internationale Solidarität haben kann, zeigt sich auch durch die Altersstruktur der afghanischen Bevölkerung. „Afghanistan ist das einzige Land der Erde, in dem 65 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind“, sagt Tom Kehrbaum.
Der Krieg hat vielen Älteren und Männern das Leben gekostet – Frauen sind gezwungen, ihre Familien allein zu ernähren. „Dadurch sind sie absoluten Ausbeutungsverhältnissen und zum Teil Missbrauch ausgesetzt.“ Wenig verwunderlich: Familien, gerade die verbliebenen älteren Menschen, legen ihre gesamten Ersparnisse aus dem Verkauf letzter veräußerbarer Habseligkeiten zusammen, damit ihre Kinder oder Enkel in eine bessere Welt flüchten können. Diese Mütter und Großmütter rechnen nicht damit, die jungen Leute jemals wiederzusehen.

Fluchtursachen bekämpfen
Die sogenannte Willkommenskultur und das Begrüßen ankommender Flüchtlinge verschafften den Angehörigen etwas Seelenfrieden: „Die Menschen hören Wochen oder Monate nichts von ihren Kindern. Wenn sie dann sehen, dass sie begrüßt werden, und dann erhalten sie auch noch einen Anruf, ist das für sie das Wichtigste auf der Welt.“ Doch NUAWE versucht freilich gegenzusteuern und die Zukunft Afghanistans im Land zu halten. „Sie organisiert Demos gegen die Flucht und beschwört die Jungen: Bleibt hier, baut gemeinsam das Land auf und engagiert euch auch politisch!“
Die überwiegende Armut der Bevölkerung macht es der NUAWE allerdings nicht leichter. Manche Provinz bietet Bedingungen, die mittelalterlich anmuten. Anders verhält es sich rund um Kabul und die großen Städte der Provinzen – dort ist die Wirtschaft nach den Grundbedürfnissen ausgerichtet. Kehrbaum: „Der Mensch muss essen, er muss Kleidung haben und irgendwo wohnen. Industrie kann man es nicht nennen, aber es gibt eine nicht unerhebliche Agrarwirtschaft, eine Textilwirtschaft und die Herstellung von Baumaterialien.“

Koran und Mindestlohn
Die Verarbeitung der Wolle zu Textilien ist zumeist Frauensache, in der Herstellung von Ziegeln wiederum grassiert die Kinderarbeit – die Jüngsten müssen mitarbeiten, um die Familien zu ernähren. „Die Gewerkschaften fahren mehrgleisig. Sie wollen gegen absolute Ausbeutung vorgehen – Übergriffe und Missbrauch werden thematisiert“, weiß der Projektleiter der internationalen Bildungsarbeit. Auf politischer Ebene ist gerade eine Kampagne für den Mindestlohn von 10.000 Afghani gestartet worden.
„Bezahle deinen Arbeiter, solange sein Schweiß noch nass ist“ – so ähnlich besagt es eine Regel im Koran. „Die Taliban haben grundsätzlich nichts gegen Gewerkschaften. Im Koran wird auch Grundsätzliches wie gerechter Tausch und kein Mehrwert wie Zinsen angesprochen. Es gibt Regeln, die Gewerkschafter verwenden können, und sie arbeiten auch auf den Prinzipien der Religion“, erzählt Kehrbaum. Der NUAWE-Modernisierungskurs mit Forderungen nach Bildung und Gleichstellung wird in Kreisen der Taliban und des IS naturgemäß nicht gutgeheißen. Modernisierung heißt in einem Land wie Afghanistan auch Mut.
Sind die gewerkschaftlichen Vertreter derzeit noch mehrheitlich ältere Männer, liegt der Fokus auf den jungen Menschen und Nachwuchskräften. Kehrbaum: „Wir haben sie darin bestärkt, dass sie in Zukunft auf die Jungen setzen. Auch im Vorstand arbeiten schon viele junge Leute. Die sind auf Zack, wenn es um Computer geht, und sprechen auch gut Englisch.“ An ihrer Seite steht während der Ausbildung auch Kehrbaums junger Kollege Sultan Amini, der mit 17 Jahren von Afghanistan nach Deutschland geflohen ist und ebenfalls beim Vorstand der IG Metall arbeitet. Ende Juli und Ende August finden das zweite und das dritte Modul statt. „Gerade wird ein Seminarkonzept entwickelt, um im nächsten Jahr wieder drei Module anbieten zu können. Es wird verstärkt um Arbeitsrecht, politisches Campaigning und Kommunikationstraining gehen.“
Zurück zum Thema internationale Solidarität. Aus globaler Perspektive spiegelt sich in den Schwerpunkten der Solidaritätsarbeit letztlich die reale Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung wider: Im Süden bzw. teilweise wieder im Osten Europas liegen auch jetzt die Wachstumsregionen der Gewerkschaften. Beispielsweise haben einige Organisationen in Indien ihre Mitgliedsstärke in den letzten 20 Jahren verdoppelt oder sogar verdreifacht. In einzelnen Staaten – wie etwa Afghanistan – mussten Gewerkschaften überhaupt erst (wieder) aufgebaut werden. Umgekehrt bläst diesen KollegInnen seit jeher jener raue Wind entgegen, der auch in (West-)Europa inzwischen zu spüren ist. Eben aufgrund dieses rauen Windes bedarf es einer starken wie grenzüberschreitenden Organisierung der ArbeitnehmerInnen, auf dass deren Interessen wieder mehr Gewicht bekommen.

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