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Symbolbild zum Bericht: Neues aus der SOZAK
Neues aus der SOZAK
Buchtipp

Gekommen, um zu bleiben

Neues aus der SOZAK

Kulturelle Vielfalt bereichert unsere Arbeitswelt - sind wir jedoch wirklich alle in Arbeit geeint? Oder überschatten doch noch Vorurteile die Vorteile der Diversität?

Die Diskussion um die Flüchtlingswelle hat sich in den vergangenen Monaten immer emotionaler gestaltet. Wie oft ist in der Asylfrage das Argument gefallen: „Das sind noch Wirtschaftsflüchtlinge, die haben doch gar kein Recht auf Asyl!“ Während das Wort heute wie eine despektierliche Bezeichnung klingt, wird oft vergessen, dass bereits eine Welle von sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“ über Österreich und Deutschland schwappte. In den 1960ern hießen sie jedoch noch Gastarbeiter.

Österreich wesentlich geprägt
Sie stammten damals aus der Türkei, aus Italien, aus Kroatien. Sie sind gekommen, um zu bleiben, und haben Österreich wesentlich geprägt – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Sie haben zum Wirtschaftsboom in den 1960er- und 1970er-Jahren beigetragen und auch zu einem wesentlichen demografischen Wandel. 2015 stammten 20 Prozent der ÖsterreicherInnen aus dem Ausland – dies bedeutet, dass jede/r Fünfte einen Migrationshintergrund hat.
Wie hat sich jedoch die Integration der „GastarbeiterInnen“ in der österreichischen Arbeitswelt gestaltet? Mit welchen Vorurteilen hatten und haben sie zu kämpfen, welche Rolle spielen sie in der Arbeitswelt? Wie werden ihre Interessen in den ArbeitnehmerInnenvertretungen repräsentiert? Fühlen sie sich überhaupt vertreten?
Diesen und noch mehr Fragen gingen vier TeilnehmerInnen der SOZAK auf den Grund, um das Ergebnis im Buch „In Arbeit geeint“ festzuhalten. Thom Kinberger, Robert Könitzer, Malgorzata Peterseil und Mehmet Soytürk haben sich im Rahmen ihrer Projektarbeit auf die türkischstämmigen ArbeitnehmerInnen fokussiert, und ausgewählte KollegInnen und Kollegen interviewt. Mit spezifischen Fragestellungen und der Darstellung der einzelnen subjektiven Ansichten und Erfahrungen möchten sie einen Beitrag zum zielgruppenorientierten Dialog leisten. „In diesem Buch kommen die Betroffenen selbst zu Wort und liefern interessante, einfache wie bestechende Einblicke und Lösungsansätze für den Umgang mit dem Thema Migrantinnen und Migranten im Arbeitsleben“, sagt Co-Autor Robert Könitzer.

Auf Vorurteile reduziert
Die InterviewpartnerInnen der vier SOZAK-TeilnehmerInnen waren unter anderem BetriebsrätInnen von Coca-Cola und der Post, Arbeiter bei Opel und Siemens und Mitarbeiter des ÖGB. Das Ergebnis war ernüchternd. Denn ArbeitnehmerInnen mit Migrationshintergrund werden nicht mehr in ihrer Vielfalt wahrgenommen. Sie werden nach wie vor nicht als Bereicherung gesehen, sondern vielmehr auf Vorurteile reduziert. Die Befragten stellen einen fortwährenden Graben zwischen österreichischen und türkischen ArbeitnehmerInnen fest und kritisieren die nach wie vor fehlende Gleichberechtigung. „Eine Abgrenzung gibt es sehr wohl“, sagt Nicholas Hauser von der GPA-djp, er ist als Betreuer der IG
work@migration tätig. „Beide Seiten müssen sich aneinander anpassen. Hier stellt sich die Frage: Was bin ich bereit, für diesen Prozess zu tun?“ Türkischstämmige Menschen werden immer noch als „BürgerInnen zweiter Klasse“ wahrgenommen und sehen sich weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt. „Man spürt schon manchmal, dass ausländische Kollegen etwas unterhalb des Ansehens sind als Österreicher“, bestätigt Yücel Eser, ArbeiterInnenbetriebsrat bei Coca-Cola.
Dabei haben türkischstämmige ArbeitnehmerInnen die gleichen Probleme und Schwierigkeiten wie andere MigrantInnen auch – und auch wie die KollegInnen ohne Migrationshintergrund. „Ich wüsste nicht, welchen besonderen Status türkische Migranten haben sollten. Sie haben die gleichen Bedürfnisse wie andere Arbeitnehmer“, sagt Dursun Altun, Arbeiter bei Opel. Mit einem kleinen Unterschied, denn laut Altun würden sie im Gegenzug zu ihren österreichischen KollegInnen gar nicht auf ihre Rechte pochen. Altun ist nicht der Einzige, der dies behauptet, auch die anderen Interviewten stellten fest, dass die türkischen KollegInnen sich nicht trauen, ihre Stimme zu erheben.

KandidatInnen gesucht
Die Gründe erklärt Altun ganz lapidar: „Erstens aus dem Bewusstsein heraus, ein Ausländer zu sein, zweitens hat er Angst, die Stelle zu verlieren, und davor, eine Arbeit machen zu müssen, die noch schlechter ist.“ Die Befragten, auch Dursun Altun, plädieren dafür, dass mehr MigrantInnen zur Betriebsratswahl kandidieren. Es würden sich zu wenige ArbeitnehmerInnen mit Migrationshintergrund als BetriebsrätInnen aufstellen lassen: „Die Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund werden aber in der letzten Zeit wieder mehr, auch durch die Leiharbeiter. Deshalb wäre das wichtig, solche Leute im Betriebsrat zu haben, auch den türkischen Arbeitnehmern eine Bestätigung zu geben, dass die Entscheidungen objektiv sind und sie beteiligt sind“, sagt er. Yücel Eser vertritt die ArbeiterInnen bei Coca-Cola, seine türkischstämmigen KollegInnen wenden sich mit ihren Problemen und Fragen gerne direkt an ihn: „Sie vertrauen mir, weil ich auch Türke bin. Speziell wenn es um wichtige Dinge geht, wie die Angst vor Kündigung. Dabei geht es besonders stark um Vertrauen, und deshalb kommen sie dann zu mir. Wichtig ist natürlich auch die Sprache.“

Mehr Sensibilisierung
Aber auch die eigenen, gewerkschaftlichen Reihen werden in den Interviews kritisch beäugt. Denn die Haltung des ÖGB gegenüber ArbeitnehmerInnen aus dem Süden war früher nicht so positiv. „Ich würde sagen, dass die Gruppe der Migrantinnen und Migranten innerhalb der Gewerkschaft keine vorrangige Gruppe war“, meint Nicholas Hauser. „Mittlerweile sind viele politische Akteure draufgekommen, dass das eine demografisch wachsende Gruppe ist, die mittlerweile die Staatsbürgerschaft besitzt und auch bei Wahlen aktiv ist und die man nicht mehr vernachlässigen kann.“ Die Gewerkschaften bemühen sich jetzt auch um die KollegInnen aus der Türkei, trotzdem gibt es viel zu tun, vor allem im Bereich des Personals – der BetreuerInnen und BeraterInnen. „Dieses gehört sensibilisiert und geschult und muss sich interkulturelle Kompetenzen aneignen können“, sagt Azem Olcay, Rechtsberater beim ÖGB. „Weiters gehören interkulturelle Bildungsmethoden und Didaktik in die Ausbildung der Ausbildnerinnen und Ausbildner aufgenommen. Jene also, die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter ausbilden, gehören zuerst selbst sensibilisiert und ausgebildet.“
Eine oft genannte und hier bereits mehrfach erwähnte Herausforderung im (Arbeits-)Alltag stellt die Sprache dar. Die jüngeren Interviewten beherrschen die deutsche Sprache und sehen keinen Bedarf an muttersprachlicher Beratung oder Broschüren. So wie Yildiz Can, Arbeiterin bei Siemens: „Für mich ist es wirklich egal. Aber es gibt schon Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, und für die wäre es natürlich ein Vorteil.“ Für Aydin Sari, den Betriebsratsvorsitzenden des Cafés Schwarzenberg, ist die muttersprachliche Beratung sehr wichtig: „Als Arbeitnehmer ist es so: Wenn ich etwas gebraucht habe und ich mich artikulieren konnte, ist auf meine Bedürfnisse eingegangen worden. Es gibt aber auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich nicht so artikulieren können.“

Teil der Gesellschaft
Auch Hasan Tanyeli, Betriebsrat im Bundesrechenzentrum, spricht sich für fremdsprachige Beratung aus, damit die Betroffenen sich besser ausdrücken, aber auch besser verstehen können. „Aber nicht dafür, um in einer Parallelgesellschaft zu bleiben. Ich will, dass wir gemeinsam agieren, denn wir sind ein Teil dieser Gesellschaft.“ Und in der Arbeit sind alle ArbeitnehmerInnen geeint – dies lässt auch der Titel des Buches vermuten – und gemeinsam natürlich stärker. Egal, ob österreichischer, tschechischer, türkischer oder bosnischer Herkunft. „Die Zeiten werden immer härter“, sagt Aydin Sari. „Deshalb sollten wir uns als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht gegeneinander ausspielen lassen.“

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin maja.nizamov@gmx.net oder die Redaktion aw@oegb.at

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