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Symbolbild zum Bericht: Integration macht Schule In den jungen Flüchtlingen schlummern sehr viele Talente. Damit diese auch gefördert werden, muss noch mehr getan werden, nicht zuletzt brauchen LehrerInnen Unterstützung.

Integration macht Schule

Schwerpunkt

Tausende Flüchtlinge drücken die Schulbank in Österreich. Wenn Integration gelingen soll, müssen alle ihre Hausaufgaben machen. Nicht nur Flüchtlinge.

Sie heißen Mohammed, Nubia oder Nadim, sie sind minderjährig und aus Krisengebieten nach Österreich geflohen, vor allem aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Hier besuchen sie gemeinsam mit österreichischen Kindern und Jugendlichen die Schule und lernen neben Deutsch-Vokabeln, Multiplizieren und Neuen Medien vor allem eines: einen geregelten Tagesablauf. Denn in Österreich sind alle jungen Flüchtlinge bis zum 15. Lebensjahr berechtigt und verpflichtet, die Schule zu besuchen – unabhängig von ihrem aufenthaltsrechtlichen Status. Derzeit sind das laut Innenministerium rund 12.000 Flüchtlingskinder.
Österreichs Schulsystem muss rasch lernen, mit dem massiven Zustrom junger Flüchtlinge in Schulen umzugehen, und die Weichen für ein neues schulisches Grundverständnis stellen. Denn fest steht: Dieser Ausnahmezustand wird Normalzustand sein.

Integration als Regel
In den Wiener Pflichtschulen werden derzeit fast 2.000 Flüchtlingskinder unterrichtet, mehr als 300 zusätzlich in diversen Formen der Oberstufe – wobei AHS keine Flüchtlinge aufnehmen müssen. Bildungsministerium und Schulleitungen möchten Flüchtlingskindern so rasch wie möglich einen Platz in der Schule bieten, um den Weg der Integration von klein auf vorzubereiten. Im besten Fall und überwiegend geschieht das in Regelklassen, also durch die Integration in bestehende Schulklassen. Wie viele Flüchtlinge das pro Schule und Klasse sind, ist völlig unterschiedlich.
Einige Schulen haben ein bis zwei Kinder aufgenommen, in anderen Schulen ist der Zulauf so groß, dass eigene Flüchtlingsklassen installiert wurden. Zehn solcher Klassen gibt es derzeit in Wien. Das sollen jedoch Ausnahmen bleiben. Nach spätestens einem Jahr und intensiven Sprachförderkursen werden die Jugendlichen in Regelklassen integriert.
Wer in welche Schule kommt, entscheidet der Landesschulrat. Ausschlaggebend dafür ist der Ort, an dem die Flüchtlinge untergebracht sind. Je besser also die Verteilung der Flüchtlingsquartiere, umso besser die Verteilung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen in Schulen.

Ein paar Stunden Alltag
Viele junge Flüchtlinge sind durch die Fluchterfahrungen traumatisiert. 2015 stellten mehr als 9.000 Minderjährige einen Asylantrag in Österreich, die ohne ihre Eltern oder Begleitung nach Österreich geflohen sind.
Diese unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge (UMF) sind oft besonders traumatisiert. Einige waren mehrere Jahre auf der Flucht, wurden misshandelt, haben ihre Eltern verloren. Die Schule bietet ihnen einen „geschützten Raum“ und einen geregelten Tagesablauf. „In der Schule lernen sie Verbindlichkeiten kennen wie Pünktlichkeit oder Aufgaben machen und sie lernen, Verantwortung zu tragen“, so Renate Belschan-Casagrande, Expertin für berufliche und pädagogische Bildung in der AK Wien. Das läuft natürlich nicht immer wie am Schnürchen: Manchmal kommen einige zu spät oder gar nicht in die Schule.

Herausforderungen
„Für Flüchtlingskinder ist das ja zum Teil auch eine völlig neue Situation“, weiß die Bildungsexpertin. Zahlreiche derer, die jetzt auf der Schulbank sitzen, haben noch nie zuvor eine Schule besucht – wegen Krieg, Armut oder fehlender Infrastrukturen. „Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Schulen Werte vermitteln“, so Belschan-Casagrande. Werte, das sei so ein strapazierter Begriff, meint die Bildungsexpertin. Und dennoch trifft es den Kern: Schule vermittelt wie sonst kaum im Leben soziale Kompetenzen, etwa das Miteinander.
Die traumatischen Fluchterfahrungen können zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Einige SchülerInnen sind gewaltbereit, andere verschließen sich völlig. Etliche Flüchtlinge können weder lesen noch schreiben, andere sind schulisch gut vorgebildet.
Das heißt: Lehrende sind seit 2015 vermehrt mit immens heterogenen Klassen und zum Teil traumatisierten Jugendlichen konfrontiert. „Viele LehrerInnen sind unglaublich engagiert, aber auch überfordert und ausgelaugt“, so Belschan-Casagrande.
Wie soll man denn mit Kindern umgehen, die depressiv sind oder plötzlich ausrasten?

Die Arbeiterkammer Wien und die Kompetenzstelle für Mehrsprachigkeit und Migration (K.o.M.M.) der Pädagogischen Hochschule Wien haben sich darüber Gedanken gemacht, welches Wissen Lehrkräfte nun am dringendsten brauchen. Das sind vor allem Kenntnisse in Traumapädagogik und Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Aus diesen Überlegungen ist die Veranstaltungsreihe „Migrations- und Fluchtbewegungen und deren Auswirkungen auf den Schulalltag“ entstanden.
In mehreren Modulen erhalten LehrerInnen seit Februar 2016 Hilfestellungen für den Unterricht, von „Anfangsunterricht konkret“ über „Fluchterfahrung und Trauma bei Kindern“ bis zu schulrechtlichen Grundlagen. „Das große Interesse zeigt uns den enormen Bedarf“, so Belschan-Casagrande. LehrerInnen müssen dringend entlastet werden – durch Supervision und durch zusätzliches Personal, etwa SozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen und DaZ-TrainerInnen. Vor allem braucht es LehrerInnen, die die Erstsprache der SchülerInnen sprechen. „Klar kostet das alles eine Menge Geld“, so die Bildungsexpertin. Noch mehr Geld koste es aber langfristig, die Kinder sich selbst zu überlassen.

Ende der Schulpflicht: und dann?
Knapp 90 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge, die in Österreich leben, sind älter als 15 Jahre und somit nicht mehr schulpflichtig. Sie können weiter in Schulen gehen, müssen aber nicht. Ebensowenig müssen Schulen sie aufnehmen. Um eine weiterführende Schule in Österreich besuchen zu können, bedarf es zumindest eines Pflichtschulabschlusses – den viele junge Flüchtlinge nicht haben.
Für Jugendliche, die wenig oder geringe Schulbildung mitbringen, ist der Besuch von Basisbildungskursen möglich. Genau daran spießt es sich aber. Denn die Angebote an Basisbildungskursen sind ein Tropfen auf den heißen Stein, wie der Verein PROSA – Bildung für alle! kritisiert. PROSA ist österreichweit einer der wenigen Anbieter von Pflichtschulabschlüssen und Basisbildungskursen für Flüchtlinge. Derzeit besuchen rund 160 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren die bis zu zweijährigen Lehrgänge des Vereins, 700 stehen auf der Warteliste.
„Unter den jungen Flüchtlingen sind sehr viele Talente“, so PROSA-Geschäftsführer Sina Farahmandnia. Aber die Motiviation sinkt, wenn sie nichts zu tun und keine Ausbildungsmöglichkeiten haben. Einerseits wird ihnen enormer Druck gemacht, Deutsch lernen zu müssen, gleichzeitig gibt es viel zu wenige Angebote für Deutschkurse. Das ist so, als würde man ein Kind zwingen, mit dem Löffel zu essen, und ihm diesen gleichzeitig wegnehmen. Im Frühjahr 2017 wird daher in Wien ein Jugendcollege für 1.000 AsylwerberInnen und Asylberechtige zwischen 15 und 21 Jahren seine Pforten öffnen. In manchen Bundesländern fehlen Angebote völlig.
„Schule spiegelt im Kleinen das öffentliche Leben wider. In der Schule vorbereitet zu sein heißt, in der Gesellschaft vorbereitet zu sein“, so Belschan-Casagrande. „Wir können noch so oft bedauern, dass Jugendliche schlecht ausgebildet sind – das wird an der Situation nichts ändern. Wir müssen also besser ausbilden.“

Bessere Vorbereitung
Dazu braucht es Unterstützung der LehrerInnen. Außerdem müsse bereits im Curriculum verankert werden, wie man mit kultureller und sprachlicher Diversität umgeht. „Lehrkräfte müssen darauf vorbereitet werden. Denn die Situation jetzt ist kein Phänomen, das kurz auftaucht und wieder verschwindet. Die Situation wird so bleiben“, meint die Bildungsexpertin. Wer für junge Flüchtlinge heute keine Ausbildungsmöglichkeiten schafft, darf sich morgen nicht über Integrationsprobleme wundern. Denn darin sind sich alle einig: Nirgends gelingt Integration besser als in der Schule.

Linktipps:
„Migrations- und Fluchtbewegungen und deren Auswirkung auf den Schulalltag“. Veranstaltungsreihe von AK und K.o.M.M.:
podcampus.phwien.ac.at/komm
„Flüchtlingskinder und -jugendliche an österreichischen Schulen“ – Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Frauen (2015):
tinyurl.com/gu4stx2

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin info@schmierfinkin.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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