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Amela Muratovic ist Autorin der Arbeit&Wirtschaft und arbeitet in der ÷GB Kommunikation. "Ich bin einer dieser FlŁchtlinge, die bis heute in ÷sterreich leben", schreibt Amela Muratovic. Mit acht Jahren floh sie vor dem Krieg, heute arbeitet sie in der ÷GB Kommunikation und ist treue Autorin der Arbeit&Wirtschaft.

Als die BosnierInnen kamen

Schwerpunkt

Die Erfahrung aus den 1990er-Jahren zeigt: Es kann auch ohne Grenzzšune und Obergrenzen funktionieren. Eine ehemalige FlŁchtende blickt zurŁck.

Ich war acht Jahre alt, als der Krieg in Bosnien ausbrach, und ich bin einer dieser Flüchtlinge, die bis heute in Österreich leben. Wenn ich die aktuellen Bilder sehe, erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich an meine eigene Flucht denke.
Obwohl viele Jahre vergangen sind, ist es unmöglich, Bilder und Erlebnisse vor, während und nach der Flucht aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Es sind Bilder weinender Mütter, die keine Medikamente für kranke und kein Essen für hungrige Kinder haben, emotionale Worte wie „Geht, überall ist es sicherer als hier“. Es sind auch Bilder von hilfsbereiten Menschen, die mit Händen und Füßen versuchen, zu erklären, man brauche keine Angst mehr zu haben. Sie alle haben sich ins Gedächtnis eingebrannt
.
Tausende Menschen fliehen vor Krieg, Zerstörung, Verfolgung und Gewalt nach Europa. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia oder dem Irak. Es sind junge Frauen und Männer, Kinder, ältere Personen und Verletzte, die sich mit dem nötigsten Hab und Gut auf den Weg nach Europa gemacht haben – in der Hoffnung auf ein sorgenfreies, vor allem aber gewaltfreies Leben.

Realität für wenige
Dass diese Hoffnung nur für wenige Realität wird, zeigen all jene Maßnahmen der Flüchtlingspolitik, die seit den letzten Wochen beschlossen und umgesetzt werden. Den Anfang machten in Österreich Obergrenzen, gefolgt von verschärften Grenzkontrollen und Tageskontingenten. Mittlerweile sind die Grenzen dicht, und wegen dieser europäischen Abschottungspolitik riskieren viele Menschen ihr Leben.
Die dramatischen Bilder der Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze, die eiskalte Flüsse überqueren oder in provisorischen Zelten mitten im Winter auf die Weiterreise hoffen, wecken bei vielen Erinnerungen: Im Jahr 1992 flohen rund 90.000 Menschen vor dem Krieg in Bosnien und Herzegowina nach Österreich, mehr als 60.000 blieben hier und fanden ein neues Zuhause.
Unsere Flucht hat rund zwei Wochen gedauert, die Reise heutiger Flüchtlinge ist viel anstrengender und länger. Daher stellt sich für mich die Frage: Hatte ich einfach nur das Glück, auf dem „richtigen“ Kontinent auf die Welt gekommen zu sein, damit mir geholfen wird?

Erfolgsbeispiel
Der Tonfall gegenüber Flüchtlingen hat sich geändert. „Die Balkanroute bleibt geschlossen, und das dauerhaft.“ Mit diesem Satz bestätigt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die neue, raue Abschottungskultur. Zu glauben, dass Menschen in ein Kriegsgebiet zurückkehren werden, wo sie so viel Leid, Elend und Tod gesehen und am eigenen Leib erfahren haben, ist naiv und enorm gefühllos. Für viele ehemalige Flüchtlinge, aber auch für ÖsterreicherInnen ist die aktuelle Flüchtlingspolitik absolut unverständlich, zeigt doch die Erfahrung aus Zeiten des Balkankriegs, dass auch menschenwürdige Lösungen zum Ziel führen.
Bosnische Flüchtlinge wurden großteils als „De-facto-Flüchtlinge“ betreut, sie galten nicht als Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention. Ihnen wurde ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht gewährt, durch den „Bosnien-Erlass“ erhielten sie leichter Beschäftigungsbewilligungen.

Vorteile für beide Seiten
Die 60.000 BosnierInnen, die hier eine neue Heimat gefunden haben, sind ein Beispiel dafür, dass es für beide Seiten Vorteile hat, flüchtenden Menschen offener gegenüberzustehen. Im Vergleich zu anderen MigrantInnengruppen haben sie sich viel besser in den Arbeitsmarkt integriert. Das bestätigte eine Statistik-Austria-Studie über die Arbeitsmarktsituation von MigrantInnen. Demnach liegt die Arbeitslosigkeit unter BosnierInnen bei 6,7 Prozent, bei TürkInnen sind es mehr als 15 Prozent. Rund 65 Prozent der TürkInnen und 55 Prozent der SerbInnen im arbeitsfähigen Alter haben einen Job – bei BosnierInnen sind es über 70 Prozent.
Ein Grund für die gelungene Arbeitsmarktintegration liegt im positiven Umgang mit den Flüchtlin-gen, aber auch in der Arbeitsmarktöffnung, die relativ rasch beschlossen wurde. Damit wurde es Frauen und Männern aus Bosnien ermöglicht, ihr eigenes Geld zu verdienen und sich ein neues Leben aufzubauen. Besonders die jüngere Generation profitierte, denn die gute Ausbildung, die sie in Bosnien genossen hatte, half bei der Jobsuche – auch wenn die meisten nach wie vor in Jobs arbeiten, die ihren Qualifikationen nicht entsprechen.

Flucht als letzter Ausweg
Vor dem Krieg hatte ich eine unbeschwerte Kindheit, meine Eltern eine solide Ausbildung und gute Jobs, die uns ein unbeschwertes Leben ermöglichten. Feiertage wurden gefeiert, Konzerte besucht und Urlaube am Meer gemacht. Das alles lässt man nicht freiwillig zurück.
Die endgültige Entscheidung, das Land zu verlassen und die Kinder in Sicherheit zu bringen, fiel nicht von heute auf morgen, sondern erst, als jede Hoffnung verloren war, die Lage vor Ort würde sich beruhigen. Fabriken und Schulen wurden geschlossen, auf die Straße traute sich kaum jemand, Keller wurden zu Schutzbunkern, Augenzeugen berichteten von Massenmorden, Vergewaltigungen und Verschleppungen.
Auf der Flucht zu sein ist mit Abstand eines der schrecklichsten Erlebnisse, die ein Mensch durchleben kann. Vor allem bei Erwachsenen – so auch bei meiner Mutter – verursacht es ein Ohnmachtsgefühl: Einerseits verlässt du dein Zuhause und deine Familie, ohne zu wissen, ob du sie jemals wiedersehen wirst. Auf der anderen Seite wissen die meisten nicht, ob die Flucht gelingen, das Geld ausreichen und wie das Leben – wo auch immer – aussehen wird, ohne Sprachkenntnisse, Job und finanzielle Mittel.
Obwohl sich die Situation der Bevölkerung in Syrien laut dem Bericht „Fuelling the Fire“ im vergangenen Jahr dramatisch verschlechtert hat, die Kriegsparteien Nothilfe verhindert und ganze Städte von jeglicher Versorgung abgeschnitten haben, fürchtet sich Europa vor den Flüchtlingen, vor allem vor den muslimischen. Auch der Großteil der bosnischen Flüchtlinge waren MuslimInnen. Und auch sie mussten hasserfüllte Kommentare über sich ergehen lassen, jedoch nicht aufgrund ihrer Religion und schon gar nicht im heutigen Ausmaß – und das, obwohl es auch nicht möglich war, abzuschätzen, ob und wie viele von ihnen in Österreich bleiben werden. Im direkten Vergleich zu heute wurden keine Debatten um Obergrenzen und Grenzschließungen geführt. Flüchtlingsunterkünfte wurden nicht geschlossen – schon gar nicht in Brand gesetzt, niemand musste im Freien am Boden schlafen.

Damals und heute
Da mein Bruder gleich bei der Ankunft in Österreich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, entschied sich eine Familie aus Wien, uns bei sich aufzunehmen. Trotzdem war ich oft in Flüchtlingsunterkünften, um Familienangehörige zu besuchen. Ich kann mich erinnern, wie mein Opa erzählte, dass es nicht immer sehr einfach wäre, mit 500 anderen Menschen unter einem Dach zu leben. Jeder von ihnen hätte seine eigene Last zu tragen und Erinnerungen, mit denen er leben muss. Vor allem am Anfang war es nicht immer einfach, die Emotionen zu kontrollieren. Die Menschen hatten keine Arbeit, hatten alles verloren und mussten sich an das neue Leben gewöhnen.
Ein weiterer großer Unterschied zwischen der Flüchtlingskrise heute und der aus dem Jahr 1992 ist die Medienberichterstattung. Über die Kriegsgebiete wurde 1992 berichtet, die österreichische Bevölkerung konnte sich ein Bild von den Schrecken des Krieges machen. Die Solidarität war groß. Viele Freiwillige brachten Essen, Kleidung und Schulutensilien, gaben Deutschkurse und halfen bei der Jobsuche. Auf diese Art wurden gleich zu Beginn Barrieren abgebaut, ÖsterreicherInnen und BosnierInnen lernten einander kennen. Auch heute ist die Zivilgesellschaft wieder aktiv.
Inzwischen finden die unzähligen Aktivitäten nicht mehr im Scheinwerferlicht der Medien statt wie noch im Sommer des vergangenen Jahres. Doch weiterhin sind viele Menschen darum bemüht, auch den heutigen Flüchtlingen die Ankunft in Österreich zu erleichtern und sie in ihrer Mitte aufzunehmen.
Es scheint, als würde sich die Gesellschaft immer schneller radikalisieren und die Stimmen jener, die Hass, Feindbilder und Ängste schüren, immer mehr werden. Doch die ÖsterreicherInnen haben in den vergangenen Monaten bewiesen, dass sie Menschen in Not helfen und keine Abschreckungspolitik unterstützen – etwa am Westbahnhof, als Tausende Flüchtlinge aus Ungarn ankamen. Als ehemaliger Flüchtling sage ich DANKE!

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin amela.muratovic@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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