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Sonja Fercher Sonja Fercher, Chefin vom Dienst

Standpunkt | Empathie im Sinne der Integration

Meinung

Es ist noch gar nicht so lange her. Noch nicht einmal 50 Jahre sind vergangen, seitdem meine Eltern Österreich verlassen haben und nach Deutschland gezogen sind, weshalb ich dort geboren wurde. Als Kind war es für mich völlig normal, dass der Alltag in Deutschland stattfand und der Urlaub in Kärnten. Und doch war es ein einschneidendes Erlebnis für mich, als wir nach Wien umzogen. Ich war damals zehn Jahre alt. Warum erzähle ich das? Weil mir in letzter Zeit eines fast schon schmerzlich fehlt: Einfühlungsvermögen. Genau daran möchte ich nun appellieren. Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, die wohlvertraute Umgebung zu verlassen. Ich habe selbst erlebt, wie sehr das einen Menschen aus der Bahn werfen kann. Wie schwer es fallen kann, in einer neuen „Heimat“ Fuß zu fassen. Bis mir dies gelungen ist, hat es eine ganze Weile gedauert – dabei musste ich fast keine sprachlichen Hürden überwinden, wenn auch einige kulturelle.

Erinnerungen
Nun würde ich nie behaupten, dass ich wüsste, was die Flüchtenden mitgemacht haben, die es in den vergangenen Monaten nach Österreich geschafft haben. Aber ich kann mich ein bisschen in ihre Situation hineinversetzen. Bis heute erinnere ich mich an den Moment, als ich zum letzten Mal mit meinen SchulfreundInnen die Stiege vor der Volksschule hinunterging – wissend, dass ich nun in eine fremde Stadt gehen würde (damals habe ich „Treppe“ vor der „Grundschule“ gesagt, die ich „runtergegangen bin“). Woran ich mich auch noch sehr deutlich erinnere, ist der Schmerz, den ich in meinem neuen Zuhause fühlte. Wie sehr mir meine FreundInnen fehlten, wie sehr mir der Spielplatz fehlte, wie sehr die Natur, in der ich als Kind so viel Glück empfunden habe, wie sehr mir so manches Essen und auch so manche Gerüche fehlten. Ich erinnere mich wieder an den Schmerz, den ich empfand, weil ich auf einmal anders sprechen musste, anders schreiben, weil ich auf einmal anders war. Dieser Schmerz steigerte sich geradezu ins Unerträgliche, wenn mir wieder einmal gesagt wurde, dass ich doch bitte zurückgehen solle, wenn es mir hier nicht passt. „Wenn ich nur könnte!“, schrie ich innerlich lautstark.
An all das muss ich heute zurückdenken. Zugleich weiß ich, dass all das nicht mit den Erlebnissen der heutigen Flüchtenden vergleichbar ist. Menschen, die vor fallenden Bomben fliehen mussten. Die vielleicht gerade noch ein bisschen Hab und Gut zusammenkratzen konnten. Die es rechtzeitig geschafft haben, sich und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Die sich danach erst recht wieder in Lebensgefahr begeben mussten, um übers Meer in Richtung sicheres Europa zu kommen. Die auch ihre Kinder diesem Risiko aussetzen mussten. Und die nun vor verschlossenen Grenzen stehen und in Elendslagern leben müssen.

Dialog in Ruhe
Zu viel Tränendrüse? Möglich, dabei ist die Stimmung eh schon so aufgeheizt. Genau deshalb aber halte ich es für hilfreich, wieder einmal einen Schritt zurückzugehen und sich in die Lage dieser Menschen hineinzuversetzen. Dazu muss man nicht Ähnliches erlebt haben und schon gar nicht muss man deshalb am Ende eine andere Position vertreten. Nur weil man sich in die Situation von Flüchtenden hineinversetzt, heißt das nämlich noch lange nicht, dass man deren Wahrheit als einzige Wahrheit ansieht. Es bedeutet aber, dass man auch die eigene Wahrheit nicht als einzige Wahrheit ansieht. Es bedeutet, offen auf Menschen zuzugehen und mit ihnen einen Dialog zu führen – mit dem bei diesem Thema nötigen Respekt. Dieser gebietet überdies, dass man dieses Thema in all seinen Facetten und in Ruhe diskutiert. Dazu gehört mehr Nachdenklichkeit statt markiger Sprüche. Letztlich ist ein solcher Dialog auch die Voraussetzung dafür, dass Integration überhaupt erst beginnen und hoffentlich auch gelingen kann.

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