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Symbolbild zum Bericht: Von GegnerInnen zu PartnerInnen Der erste Durchgang der Zentralmatura war für die SchülerInnen mit viel Stress verbunden.
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Von GegnerInnen zu PartnerInnen

Schwerpunkt

Rund 26.000 SchülerInnen haben den ersten Durchgang der Zentralmatura überstanden. Wir haben bei AbsolventInnen nachgefragt, wie es gelaufen ist.

Wenn Hannah Lintner an ihre Matura zurückdenkt, hat sie gemischte Gefühle. Sie war eine von rund 26.000 SchülerInnen, die an der ersten standardisierten Reife- und Diplomprüfung in Österreich, der Zentralmatura, teilgenommen haben.

Lintner, die am Bundesoberstufenrealgymnasium (BORG) in Spittal an der Drau maturiert hat, hat alle Fächer gemeistert und sogar Mathematik, die nie ihr Steckenpferd war, gut geschafft. Doch das Drumherum, die Unklarheit über Termine, die Unsicherheit der LehrerInnen und die teils schlechte Organisation mit kurzfristigen Änderungen haben viel Unruhe reingebracht: „Ich denke, die Zentralmatura hätte viel gechillter ablaufen können, wenn man erst ein paar Klassen später angefangen hätte, sodass die Schüler schon früher darauf vorbereitet worden wären.“ Ihre Erfahrung war unter anderem, dass LehrerInnen verzweifelt waren, weil sie selbst nicht wussten, was sie tun sollten, und ihren Frust an der Klasse ausgelassen haben.

Server überlastet

Wenige Monate nach Runde eins ist vor allem die Panne mit den Vorwissenschaftlichen Arbeiten (VWA) gut in Erinnerung: Der Server, auf den die SchülerInnen ihre Arbeiten hochladen mussten, war überlastet und fiel aus, was dazu führte, dass die Arbeiten nicht fristgerecht abgegeben werden konnten. Davon waren nicht nur eine Handvoll MaturantInnen betroffen: Im Gegensatz zu früher, wo man freiwillig eine Fachbereichsarbeit schreiben konnte, muss jetzt jede/r SchülerIn eine VWA im Umfang von 40.000 bis 60.000 Zeichen schreiben. Natürlich fiel wegen des Serverausfalls niemand durch, aber der angesichts der Matura ohnehin schon erhebliche Stresspegel wurde noch mehr in die Höhe getrieben. Aufreibend war auch, dass Prüfungsfragen in manchen Klassen verspätet ankamen, sodass sich Prüfungen verzögerten, und dass Beurteilungsschlüssel bis kurz vor der Matura geändert wurden.

Stressige VWA

Das Schreiben der VWA hat bei vielen SchülerInnen für Stress gesorgt. Die meisten haben zuvor noch nie eine Arbeit in so großem Umfang verfasst, in der noch dazu zitiert werden muss. Selbst einer Plagiatsprüfung werden die Arbeiten unterzogen. Gerade bei der VWA zeigte sich, dass die Vorbereitung durch LehrerInnen entscheidend ist. Julia Steiner, die vergangenen Sommer im BRG/BORG in Kirchdorf an der Krems maturiert hat, fand die VWA super: „Sie ist der einzige Teil bei der Zentralmatura, wo du individuell über das schreiben kannst, was dich interessiert. Und sie ist eine super Vorbereitung für die Uni.“ Steiner erzählt, dass „relativ viel Stress“ um die VWA gemacht wurde, obwohl diese „eine an sich doch relativ einfache Sache“ sei.
Hannah Lintner hat nicht so positive Erinnerungen: Sie schrieb über Tattoos und Piercings – ein Thema, für das sich kein/e LehrerIn interessierte. Deshalb wurde sie nicht von einem oder einer von ihr gewünschten LehrerIn betreut, sondern der Gitarrenlehrerin zugeordnet. Die Vorbereitung auf die VWA war ebenfalls enttäuschend: „Wir hatten in der sechsten Klasse das Fach VWA und haben ein Buch bekommen – und dann nichts mehr.“ Zudem hätten LehrerInnen einander etwa bei den Zitierregeln widersprochen bzw. waren selbst unsicher. „Ich habe viel dafür tun müssen, aber die VWA ist keine wissenschaftliche Arbeit. Das Einzige, was man dabei lernt, ist, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen und ein paar Seiten darüber zu schreiben.“ Immerhin: Lintner erntete am Ende Lob für ihre VWA.

Diverse Meinungen

Zur Mathematik-Zentralmatura gibt es ebenso diverse Meinungen. Grob gesprochen lautete die Kritik: Die neue Matura kommt jenen entgegen, die in Mathe Schwächen haben, unterfordert aber die anderen. Mit den Vorbereitungsmaterialien des Bifie konnten sich SchülerInnen gut wappnen, allerdings mussten sie nicht unbedingt verstehen, was sie tun, weil es teilweise reichte, sich an das Übungsbeispiel zu erinnern und das richtige Ergebnis anzukreuzen. Dass es mit der Vergleichbarkeit nicht weit her ist, zeigte sich daran, dass an manchen Schulen Taschenrechner verwendet werden durften, die Grafiken wie den Verlauf einer Kurve anzeigen, an anderen aber nicht. Aber immerhin schafften bereits 90 Prozent der SchülerInnen bei der schriftlichen Mathe-Matura eine positive Note.

Vergeudete Chancen

Die Arbeiterkammer zählt zu den BefürworterInnen der Zentralmatura. Der erste Durchgang verlief aus ihrer Sicht mit Ausnahme von wenigen Punkten reibungslos. Laut Martina Laux, Expertin in der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien, ist die Zentralmatura „ein guter Schritt, der das österreichische Schulsystem voranbringt“. Es sei fair und gerecht, dass alle SchülerInnen die gleiche Schwierigkeit vorfinden. Positiv sei auch, dass sich die Rolle der LehrerInnen im Unterricht ändere: Waren sie früher „im schlechtesten Fall strafende, prüfende GegnerInnen“ der SchülerInnen, würden sie durch die Zentralmatura zu „PartnerInnen, die wie TrainerInnen im Sport die SchülerInnen bei ihrer Zielerreichung unterstützen“, meint Laux. SchülerInnen würden zur Zielerreichung „mal mehr, mal weniger“ Förderung benötigen. Daher fordert die AK die indizierte Mittelverteilung, also dass „bei der Ressoucenverteilung zwischen den Schulen berücksichtigt wird, welche Voraussetzungen die SchülerInnen mitbringen“, sagt Laux. Viel zu tun sei noch bei der Nachbereitung der Prüfungsergebnisse: „Profi-SkifahrerInnen analysieren ihre Trainingsläufe, um besser zu werden – in der Schule passiert das aktuell nicht.“
Derzeit gebe es keine offizielle Strategie, was passieren soll, wenn die Prüfungsergebnisse an einem Schulstandort unterdurchschnittlich sind. Wie diese Schule unterstützt werden soll, ist für Laux eine sehr wichtige Frage: „Das Ministerium vergeudet eine große Chance, wenn die Ergebnisse quasi in den Aktenschrank gepackt und versperrt werden.“

Bildung als Armutsvermeidung

Rainer Bölling, Bildungsforscher und Autor des Buchs „Kleine Geschichte des Abiturs“, wirft einen kritischen Blick auf den Trend, Reifeprüfungen zu zentralisieren: „Die Erfahrungen mit dem Zentralabitur deuten darauf hin, dass ein mittleres Level angesteuert wird und starke Schüler nicht so sehr gefordert werden.“
In den vergangenen zehn Jahren, seit das Zentralabitur in Deutschland breit angewendet wird, sei das Prüfungsniveau „sehr offensichtlich“ gesunken – und die Noten seien viel besser geworden. Aber ist eine steigende Anzahl an jungen Menschen mit Matura etwas Schlechtes? Schließlich erhöht hohe Bildung die Chancen auf beruflichen Erfolg und verringert die Armutsgefahr. Die EU strebt sogar bis 2020 an, dass mindestens 40 Prozent der Jugendlichen einen Hochschulabschluss haben. „Die europäische Bildungspolitik ist auf dem falschen Weg“, warnt Bölling. In Frankreich etwa produziere man viele MaturantInnen, aber: „Ein großer Teil geht in die Jugendarbeitslosigkeit.“ Schwierig sei auch die Situation in den USA, wo viele das Studium abbrechen. Bewährt hätten sich dagegen Schulsysteme mit Berufsbildung wie in Österreich. Außerdem: „Wenn die Abiturientenquoten erhöht werden, gibt es mehr Konkurrenz an den Universitäten.“ Keinesfalls für sinnvoll hält Bölling es, die Erlaubnis zu studieren allein von der Performance der SchülerInnen während weniger Tage im Frühling abhängig zu machen. Die Bildungsministerin zeigte sich mit dem ersten Durchgang „sehr zufrieden“. Große Änderungen für das kommende Jahr seien nicht notwendig. Dann gilt die Zentralmatura flächendeckend für die berufsbildenden Schulen. Dann heißt es für 43.000 SchülerInnen, den Reifetest zu bestehen. 

Linktipps

Übersicht über die Zentralmatura:
www.bifie.at/srdp
AK: Förderung von Schulen in sozial
benachteiligten Bezirken:
tinyurl.com/powju9e
Gastbeitrag in der FAZ von Rainer Bölling:
tinyurl.com/lac6sur

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