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Symbolbild zum Bericht: Anderssein als Normalität Neben Kindern mit Behinderung landen vor allem Buben und SchülerInnen mit Migrationshintergrund in Sonderschulen - Anzahl steigend.

Anderssein als Normalität

Schwerpunkt

Viele halten noch an der Sonderschule fest. Dabei würde die inklusive Schule die viel gewünschten sozialen Kompetenzen besser vermitteln.

Klassengesellschaft, Leistungsmaschinerie und Ausschluss von nicht normgetreuen Kindern: Diese Schlagworte scheinen den Schulalltag weiterhin zu bestimmen. Zu Recht? „Bei Kindern verwirklichen Eltern gerne ihre eigenen Ansprüche und Träume. Sie wollen ihr Kind auf eine – vermeintlich klare – Zukunft vorbereiten“, erklärt Maria Beham. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jasmin Mandler betreibt die Psychologin eine Praxis mit dem Namen „die Entwicklungshelferinnen“. Ihrer Ansicht nach werden die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen „oft aus den Augen verloren“.

Das einzelne Kind sehen

Wie lassen sich die  gestiegenen Ansprüche an die Schule mit der Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen  – ein gesellschaftlicher wie bildungspolitischer Anspruch – miteinander vereinbaren? Notwendig dafür ist eine individuell adäquate Lernumgebung. Das Ziel: Alle Kinder sollen in gleicher Würde leben können, das einzelne Kind soll gesehen werden. Das aktuelle, äußerst strukturierte Regelschulsystem stellt jedoch zumeist die Wissensvermittlung in den Mittelpunkt – und von den SchülerInnen wird erwartet, sich in dieses System einzufügen. „Der Fokus liegt oft nicht auf den individuellen Bedürfnissen des Kindes. Vielmehr geht es darum, wie Kinder es schaffen, die Lernziele zu erreichen“, weiß Beham. „Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen da erst ihren Platz finden. Bisher galt, dass in Sonderschulen oder Integrationsklassen beschult wird“, erklärt Mandler. „Jetzt gibt es den Anspruch, dass sie inklusiv mit allen anderen Kids unterrichtet werden. Das stellt sehr hohe Anforderungen an das Schulsystem.“ Die Vorteile: Schüler, die altersentsprechend entwickelt sind, erleben, dass es auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen gibt, die ebenso ihre Persönlichkeit und einen Platz in unserer Gesellschaft haben.
Von sich aus sind die Jungen unvoreingenommen, aber sie übernehmen oft Vorurteile der Erwachsenen – vor allem die Defizitorientierung. Psychologin Beham: „Es ist aber wichtig, dass Anderssein Teil der Normalität wird. Inklusion ist ein wichtiges Ziel im derzeitigen Schulsystem. Wie gehen Lehrer mit Kindern um, wie fördern sie Anerkennung? Es muss weniger um Lob und Tadel gehen, sondern um einen würdevollen Umgang miteinander.“ Eine Schule, die für alle perfekt ist, gibt es aber eben auch nicht. „Ich glaube an die Individualität und Persönlichkeit. Es sollte unterschiedliche Unterrichtsformen geben, und es wird immer Kinder geben, die einen speziellen Förderbedarf haben“, erklärt Beham.
Grundsätzlich obliegt den Eltern die Entscheidung, ob das Kind in eine Sonderschule oder Integrationsklasse geht. Vielen Eltern aus bildungsfernen Haushalten wird nicht genug erklärt, welche Tragweite ihre Entscheidung für die langfristige Bildungszukunft ihrer Kinder haben kann. Neben Kindern mit Behinderung landen vor allem Mädchen und Burschen mit Migrationshintergrund in Sonderschulen, oder sie werden mit dem Begriff „sonderpädagogischer Förderbedarf“ (SPF) bezeichnet.
Ihre Anzahl steigt: Im Schuljahr 2000/01 besuchten laut Statistik Austria 1,71 Prozent aller PflichtschülerInnen eine Sonderschule, im Schuljahr 2010/11 waren es bundesweit 1,98 Prozent. Dabei sollte ein solches Attest nur mit äußerster Zurückhaltung ausgestellt werden, immerhin verschlechtert es die Chancen am Arbeitsmarkt erheblich.

Eingeschränktes Angebot

Grundsätzlich beruht das Sonderschulsystem darauf, dass Kinder, die dem Unterricht in der Volks-, Haupt- oder Polytechnischen Schule wegen körperlicher oder geistiger Behinderung nicht folgen können, in eine Sonderschule überwiesen werden. Seit 1993 dürfen die Eltern entscheiden, ihre Auswahl wird allerdings vom konkreten schulischen Angebot eingeschränkt. In der Steiermark etwa werden mehr als 80 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf integriert, in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg liegt der Anteil bei nur knapp über 30 Prozent.
Im August 2014 forderte der Monitoringausschuss die Abschaffung der Sonderschule bis September 2015, da diese Schulform der UN-Behindertenrechtskonvention widerspreche. Der Ausschuss argumentiert, dass die Sonderschule diskriminierend ist, weil sie einzig auf das Merkmal der Beeinträchtigung abstellt. Sonderschulen waren bereits im Jahr 2008 vom Ausschuss als menschenrechtswidrig kritisiert worden. Das Ziel auch damals: eine inklusiv geführte gemeinsame Schule aller Kinder bis 14 Jahre, die auf individuelle Bedürfnisse eingeht.

Gescheite Rahmenbedingungen

Kurt Kremzar, Bildungsexperte der AK Wien, ist  für die inklusive Schule: „Das Problem ist, dass es nicht alle Eltern so sehen. Gerade bei den Sinnesbehinderungen gibt es Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder nicht gut betreut werden, wenn sie in eine normale Schule gehen. Es ist auch eine Frage der Ressourcen.“ Grundsätzlich müsse das Ziel eine inklusive Schule sein. „Eine allgemeine Sonderschule werden wir nicht mehr brauchen. Wenn man gescheite Rahmenbedingungen hat, könnte die Sonderschule abgeschafft werden“, findet Kremzar.
Dass viele Eltern gegen ein Selektieren von SchülerInnen sind, bei ihrem eigenen Kind aber primär auf Leistung setzen, macht die gemeinsame Schule zu einem schwierigen Vorhaben. Noch dazu fehlt es an geeigneten Lehrkräften, denn ein inklusives Schulsystem verlangt auch LehrerInnen, die entsprechend in Pädagogik geschult sind. Selbst die neue LehrerInnenausbildung leistet dies nicht. Ob für jedes Kind mit besonderen Bedürfnissen Platz in einer Regelschule sein wird, darüber streiten ExpertInnen.
Dabei bereichern gerade Kinder mit besonderen Bedürfnissen eine Klasse und entsprechen damit sogar den heutigen Ansprüchen des Arbeitsmarkts, denn durch sie erwerben MitschülerInnen ganz selbstverständlich soziale Kompetenzen. „Kinder können dann vieles erlernen, was sie sonst vielleicht versäumen – sehr viel an sozialer Kompetenz, Rücksichtnahme und Toleranz. Sie können sich als kompetent erleben, weil sie etwa anderen dabei helfen, im Unterricht mitzukommen“, weiß Kinder- und Jugendpsychologin Mandler.
SchülerInnen können sich in diesen sozialen Gruppen als wertvoll erleben, was eine zusätzliche soziale Kompetenz ist. Manch skeptischen Eltern ist diese Bereicherung durchaus vermittelbar. „Besser sein, jemanden unterstützen, auch einmal auf jemanden Rücksicht nehmen. Und die Möglichkeit, jemanden zu beschützen.“ SchülerInnen entwickeln in Integrationsklassen oft eine schöne Gemeinschaft. „Sie leben gemeinsame Werte, sehen Kinder mit besonderen Bedürfnissen als vollwertige Mitglieder, sind gemeinsam auf ihre Leistungen stolz.“

Extreme Leistungsorientierung

In der Praxis „die Entwicklungshelferinnen“ machen Maria Beham und Jasmin Mandler die Erfahrung: „Eltern glauben, dass Kinder zu wenig in der Schule lernen. Und wenn dann noch ein behindertes Kind in der Klasse ist, dann würde womöglich noch weniger gelernt. Es gibt eine extreme Leistungsorientierung.“ Die Psychologinnen sind überzeugt, dass Anerkennung und würdevolles Miteinander im schulischen Bereich auf allen Ebenen ein Teil der Zukunft sein müssen. Jasmin Mandler äußert noch einen anderen Wunsch: „Neben der Schule, die strukturiert ist, sollte dazu übergegangen werden, in der Freizeit einen Ausgleich für die Kinder zu finden. Einen, der möglichst unstrukturiert ist.“ Im Vordergrund sollten vielmehr Entschleunigung und Entspannung stehen.
All das setzt natürlich voraus, dass man sich vom alleinigen Leistungsanspruch verabschiedet und sich stattdessen Gedanken darüber macht, wie grundlegendere Kompetenzen vermittelt werden können, die junge oder möglicherweise auch ältere Menschen in die Lage versetzen, mit Veränderungen in der Gesellschaft zurechtzukommen. Von daher könnten sowohl LehrerInnen wie SchülerInnen von Sonder- und inklusiven Schulen wichtige Erfahrungen beisteuern. Immerhin vermitteln sie den Umgang mit einer vielfältigen Gesellschaft – eine Kompetenz, die sich als wertvoller herausstellen könnte als das pure Faktenwissen.

Linktipps

www.die-entwicklungshelferinnen.at
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation:
tinyurl.com/ogoymu4
www.oear.or.at
monitoringausschuss.at
www.bmbf.gv.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorinnen sophia.fielhauer@chello.at
resei@gmx.de oder die Redaktion aw@oegb.at

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