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Christiane Spiel Vor allem der niedrige sozioökonomische Status führt zu Benachteiligungen in der Schule, hält Bildungspsychologin Christiane Spiel fest.
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Chancen für Bildung!

Interview

Bildungspsychologin Christiane Spiel über zu frühe Entscheidungen, weitergegebene Stereotypen und darüber, warum manche Schulen mehr Geld bekommen sollten.

Zur Person
Christiane Spiel begann ihre Berufslaufbahn als Gymnasiallehrerin für Mathematik und Geschichte. Danach studierte sie Psychologie an der Universität Wien und war als Wissenschafterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und an der Universität Graz tätig. Sie hat die Bildungspsychologie als wissenschaftliche Disziplin begründet und ein Strukturmodell konzipiert, das die Bildungskarriere und lebenslanges Lernen ins Zentrum stellt. Sie ist unter anderem Mitglied der Zukunftskommission für das Österreichische Schulwesen und des Entwicklungsrats für die PädagogInnenbildung NEU in Österreich.

 

Arbeit&Wirtschaft: Es heißt immer, Bildung ist eine Chance und deshalb müssen wir mehr für unsere Bildung tun. Stimmt das?

Christiane Spiel: Studien zeigen eindeutig über sehr viele Länder hinweg: Je höher die Bildung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein höheres Einkommen hat, dass jemand gesünder ist und länger lebt. Natürlich hängt das auch davon ab, in welche Berufssparten man geht, weil das Einkommen, die Chancen am Arbeitsmarkt und die Aufstiegschancen sehr unterschiedlich sein können. Aber in Summe kann man das sehr wohl so sagen. Krankheiten wie Alzheimer treten zum Beispiel bei Personen mit höherer Bildung im Mittel um bis zu fünf Jahre später auf. Das hat damit zu tun, dass eine höhere Bildung meist auch bedeutet, mehr über einen gesunden Lebensstil zu wissen, mehr Bewegung zu machen, eher zum Arzt zu gehen, den passenden Arzt zu wählen und so weiter.

Bildung wirkt sich also auf das ganze Leben aus?

Ja, und es ist vor allem so, dass die Personen, die von Anfang an gerne und viel gelernt haben, das ihr Leben lang aufrechterhalten. Damit ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, dass sie sich selbst versorgen können und dass sie mehr Interessen haben. Denn plötzlich zu sagen „So, und jetzt fange ich an zu lernen“, wenn man es in früheren Jahren nicht getan hat – das fällt sehr schwer.

Seit Jahren spricht man vom „lebenslangen Lernen“. Manche sagen, das klingt ein bisschen wie „Lebenslänglich“ beim Gefängnis.

Lebenslanges Lernen als bedrohlich zu empfinden, basiert auf einem Missverständnis. Denn das heißt ja nicht, dass ich ununterbrochen lerne. Es heißt nur, dass ich offen bin für Neues, dass ich es interessant finde, neue Dinge zu lernen und zu erfahren. Es geht darum, dass ich Gelegenheiten zum Lernen aufgreife und es nicht als Bedrohung sehe, wenn ich mich im Beruf weiterbilden soll. Weiterbildung schafft mir ja mehr Optionen, zum Beispiel für einen Aufstieg.
Wenn ich mich während meiner Berufstätigkeit öfter weiterbilde, werde ich das nach der Pensionierung auch eher beibehalten. Wenn wir uns die Alterspyramide anschauen, wird das immer notwendiger werden, weil immer mehr Menschen älter werden, und es immer weniger Junge gibt, die die Älteren erhalten können. Eine höhere Bildung, ein Interesse an Neuem, erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich gut selbst organisieren und selbst erhalten kann. Weiterbildung im hohen Alter hat noch etwas Positives: Sie schafft die Basis für soziale Beziehungen. Je älter ich werde, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, sterben. Das bedeutet, dass ich vereinsame. Wenn ich in die Volkshochschule gehe, einen Sprachkurs mache oder Reisen unternehme, dann lerne ich dort Menschen kennen, die gleiche Interessen haben. Damit habe ich die Möglichkeit, auf Basis dieser gemeinsamen Interessen neue soziale Beziehungen einzugehen.

Viele Menschen haben Angst, dass sie sich mit steigendem Alter nichts mehr merken.

Die gute Nachricht ist, und das belegt die Forschung: Lernen ist in jedem Lebensalter möglich. Natürlich ist es so, dass gewisse Dinge im Alter schwerer gehen, aber nicht alles. Wichtig ist dabei die Basis, das heißt, dass ich bereits in jungen Jahren neugierig auf Neues bin und mir das erhalte. Eigentlich sollte die Schule den Grundstein dafür legen und auch vermitteln, wie man lernt.
Lernen ist ja ein Prozess: Ich überlege mir, was ich lernen möchte und welche Ziele ich mir setze. Ich brauche das Selbstvertrauen, dass ich es schaffen werde. Und ich brauche Lernstrategien: Wie teile ich mir die Zeit ein, brauche ich jemanden als Unterstützung, brauche ich Materialien dazu und so weiter. Und zum Schluss reflektiere ich, wie der Lernprozess gelaufen ist und was ich daraus für das nächste Mal lernen kann.
Es kommt noch etwas dazu in höherem Alter: Wir haben zwei grobe Bereiche der Kognition. Der eine hat zu tun mit dem Arbeitsgedächtnis und der Konzentrationsfähigkeit, wir nennen das die Mechanik. Da haben wir schon relativ früh eine Abnahme, die beginnt schon um das Alter von 20 Jahren. Der zweite Bereich, die Pragmatik, ist das erworbene Wissen, das ich weiter aufbauen und vernetzen kann. Das Schöne ist, da sind die älteren Personen besser, weil die jungen noch nicht so viele Wissensbestände haben. Über etwas drüber schauen, etwas Größeres organisieren und vieles dabei im Blick zu haben, das ist etwas, was wir bis ins hohe Alter relativ gut aufrechterhalten können. Wir sollten deshalb nicht nur auf die Verluste achten, sondern auf das, was wir gut können. Dann macht das Lernen mehr Freude.

Wenn man über Chancen durch Bildung spricht, muss man auch schauen, ob man überhaupt die Chance zur Bildung hat. Da steht ja Österreich nicht so gut da. Wo liegen da die Probleme?

Die Statistiken zeigen, dass in erster Linie niedriger sozioökonomischer Status zu Benachteiligungen führt. Das zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Es beginnt schon vor Schuleintritt, weil Kinder aus solchen Haushalten oft weniger gefördert werden, sodass der Start in der Schule schwerfällt. Das heißt, man sollte zu dem einen verpflichtenden Kindergartenjahr und dem Sprachscreening am besten ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr einführen und auch ein breiteres Entwicklungsscreening machen. Denn es geht nicht nur um Sprache, sondern auch um Instruktionsverständnis, Empathie, Regelverständnis, Umgang mit Rückmeldungen oder auch Frustrationstoleranz, also ob ein Kind, wenn etwas nicht klappt, gleich verzweifelt.
Eine weitere schwierige Situation ist der Übergang von der Volksschule in die weiterführende Schule. Die Volksschullehrerin bzw. der Volksschullehrer ist die Person, die mit ihrer Benotung die Entscheidung über den Zugang zum Gymnasium trifft. Von höher gebildeten Eltern wird oft Druck ausgeübt, dass ihr Kind unbedingt ins Gymnasium gehen muss. Nicht jede Lehrerin, jeder Lehrer kann diesem Druck standhalten – und gibt dann bessere Noten, als gerechtfertigt wäre. Die Übergangsentscheidung hängt nur zu 30 Prozent mit den Leistungen der Kinder zusammen und zu 70 Prozent mit dem Wunsch der Eltern.
Diese frühe Entscheidung für einen Schultyp bedingt dann spätere Entscheidungen. Nach der 8. Schulstufe besuchen viel mehr Kinder, die schon in der Unterstufe im Gymnasium waren, eine Schule, die zur Matura führt, als Kinder, die aus der Neuen Mittelschule kommen. Auch das Milieu in einer Schule spielt eine große Rolle. Bei den neuesten Analysen der Standarderhebungen – das sind die ersten Erhebungen in Österreich, an denen alle Kinder teilnehmen – zeigt sich ganz stark, dass nicht nur der eigene sozioökonomische Hintergrund oder ein Migrationshintergrund eine Rolle spielt, sondern auch, wie eine Klasse zusammengesetzt ist. Wenn in einer Klasse viele Kinder sind, die ebenfalls keine gute Ausgangssituation haben, steigt das Risiko für das individuelle Kind deutlich an, die geforderten Leistungen nicht zu erbringen.

Wie könnte man das vermeiden?

Im nächsten Nationalen Bildungsbericht, dessen Mitherausgeberin ich bin, gibt es ein eigenes Kapitel dazu. Danach sollten alle Klassen hinsichtlich des sozioökonomischen und des Migrationshintergrundes der Kinder eine Mischung aufweisen. Davon profitieren alle, da dann auch der Konkurrenzdruck nicht so groß ist. Hilfreich wäre ein Sozialindex, das heißt, dass die Schulen nicht pro Kind einen bestimmten Betrag bekommen, sondern auf den sozioökonomischen Status und den Migrationshintergrund Rücksicht genommen wird, und Schulen, die hier höhere Anteile haben, auch mehr Geld bekommen.
Die Schulen bräuchten auch mehr Autonomie, damit sie das Geld je nach Bedarf für zusätzliche Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder mehr Sprachlehrer und Sprachlehrerinnen oder kleinere Gruppen einsetzen können. Wien ist da übrigens am meisten benachteiligt, weil immer mehr Menschen in die Städte ziehen und deshalb in Wien fast alle Klassen die Höchstzahl an Schülerinnen und Schülern haben und gleichzeitig den höchsten Anteil an Migrantinnen und Migranten.

Hat die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen auch etwas mit dem Bildungssystem zu tun?

Geschlechtsstereotype, also die Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen zu Buben und Männern oder Mädchen und Frauen und die Erwartung, dass sich diese auch so verhalten, sind in unserer Gesellschaft stark verankert. Es wird zum Beispiel angenommen, dass Mädchen eher fleißig sind, aber für gewisse Fächer nicht so begabt, während es heißt, Knaben seien faul, in gewissen Fächern aber begabter. Wenn diese Stereotype immer wieder transportiert werden, führt das dazu, dass sie von den Mädchen und Buben angenommen werden. Das führt dazu, dass die Mädchen meistens bessere Noten haben und „braver“ sind. Auch das gehört zum weiblichen Stereotyp. Als Konsequenz schließen die Mädchen häufiger die Schule positiv ab.
Es gibt viel mehr Knaben, die die Pflichtschule nicht positiv abschließen, dann keinen Lehrplatz finden und arbeitslos sind als junge Frauen. Das hat mit dem männlichen Stereotyp zu tun, denn ein Streber zu sein ist ein Schimpfwort für einen Knaben in der Pubertät. Es ist viel cooler zu sagen, die Schule ist furchtbar, ich lehne sie ab und lerne nichts. Aber dann besteht die Gefahr, arbeitslos zu werden.
Mädchen haben wieder den Nachteil, dass man sie mit gewissen Berufen und Fächern verbindet, die meist weniger anerkannt sind, und das bedeutet meist weniger Einkommen. Nach wie vor wählen Mädchen zu einem hohen Prozentsatz als Lehrberuf Friseurin und Knaben eine technische Lehre. Eine Friseurin verdient viel weniger als jemand in einem technischen Bereich. Eine aktuelle Studie, die wir gemacht haben, hat außerdem gezeigt: Lehrerinnen und Lehrer würden den begabtesten Mädchen empfehlen, Lehrerin zu werden, während sie den begabtesten Knaben empfehlen würden, Techniker zu werden. Techniker verdienen auch mehr als Lehrerinnen.

Machen Lehrerinnen und Lehrer das absichtlich, dass sie Buben und Mädchen anders behandeln?

Nein, überhaupt nicht. Ein großer Teil der Menschen ist sich der Geschlechtsstereotype überhaupt nicht bewusst. Kindern wird auch nach wie vor häufiger ein Spielzeug gekauft, das geschlechtsstereotyp ist: Mädchen bekommen Barbiepuppen, die Knaben Autos. Die Kinder spielen dann natürlich auch eher mit den geschlechtsstereotypen Spielsachen und Eltern spielen mit ihren Kindern auch häufiger mit diesen Spielsachen als mit anderen. Die Kinder freuen sich, wenn die Eltern mit ihnen spielen, daher wird das noch verstärkt. Je älter die Kinder werden, desto mehr verhalten sie sich so, wie die Stereotype es vorhersagen. Damit schließt sich der Kreis.

Was müsste getan werden, um Chancengleichheit zu schaffen?

Das Wichtigste ist der Elementarbereich, denn je früher ich Benachteiligungen ausgleiche, desto weniger Probleme gibt es nachher, und desto weniger Geld muss ich in Relation in die Hand nehmen. Das spart auch Frustrationen, denn wenn man über eine längere Schulkarriere ständig Misserfolgserlebnisse hat, wird man frustriert. Es gibt viele Studien, die klar zeigen, dass der Besuch eines Kindergartens mit hoher Qualität dazu führt, dass die Personen später mehr verdienen, es weniger Delinquenz gibt und so weiter. Der zweite Schritt ist, dass man die Einrichtungen nicht im Gießkannenprinzip mit Finanzen versorgt, sondern in Abhängigkeit von der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft. Das gilt für alle Bildungsinstitutionen.
Wichtig ist auch, dass die Autonomie der Bildungseinrichtungen erhöht wird, damit man schnell und standortspezifisch Maßnahmen setzen kann, um die Kinder bestmöglich zu unterstützen. Man muss auch viel mehr auf Vielfalt achten, auf die Vermeidung von Stereotypen. Das wird mit der neuen Ausbildung für Pädagoginnen und Pädagogen versucht, die jetzt begonnen hat. Aber bis das wirkt, dauert es viele Jahre. Deshalb muss man sofort auch andere Maßnahmen setzen.
Ein ganz kritischer Punkt sind die frühen Schnittstellen im Bildungssystem. Über die muss man sehr gut nachdenken. Ich persönlich bin für die Gesamtschule, aber sie muss gut sein, denn wenn man nur das Schild austauscht und sonst nichts ändert, bringt es nichts. Man muss das sehr gut vorbereiten. Die Schule müsste innen differenziert sein, damit man individuell fördern kann und natürlich auch die fördern kann, die in manchen Bereichen sehr begabt sind. Es geht ja nicht nur darum, Benachteiligungen auszugleichen, sondern darum, jedes einzelne Kind nach seinen Möglichkeiten und Potenzialen zu fördern.
Wir sollten außerdem über ein Bildungsminimum nachdenken, damit jeder Bürger, jede Bürgerin die Möglichkeit hat, sich selbst wirtschaftlich zu erhalten und am kulturellen und politischen Leben teilzunehmen. Die Schulbildung sollte nicht enden, wenn jemand 15 Jahre alt geworden ist, sondern wenn er oder sie das Bildungsminimum erreicht hat. Dafür bräuchte es eine grundlegende Änderung.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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