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Symbolbild zum Bericht Arbeit an frei gewählten Orten, zu selbst bestimmten Zeiten und auch noch gut bezahlt: Wer träumt nicht davon?

Einfach mal raus

Schwerpunkt

Durchatmen und Perspektiven zurechtrücken können: Bildungskarenz ist dafür eine Möglichkeit, sie ist aber oft eine Frage des Geldes.

Ja, eine Weltreise hätte sie auch gerne gemacht, sagt Sonja Buch. Ihre Reise raus aus dem Berufsalltag führte sie – zumindest vorerst – nicht ganz so weit weg. Seit mehr als einem Jahr hat die Wienerin hauptsächlich in Kärnten ihr „Zuhause“. Der Anlass war ursprünglich ein trauriger. „Meine Taufpatin hat vom Arzt die Diagnose Lungenkrebs bekommen mit dem Hinweis, dass sie nur mehr ein Jahr zu leben hat“, erzählt Buch. Daraufhin wollte sie möglichst viel Zeit mit ihrer Tante erleben, die in einem kleinen Dorf in Kärnten lebt.

Exotisches Land
Buch verabschiedete sich von ihrem LehrerInnenjob in die unbezahlte Karenz: „Ich dachte mir, ich verdiene ohnehin keine Millionen, und ich wollte noch möglichst viel Zeit mit meiner Tante – die zum Glück entgegen der Arztprognose noch lebt – verbringen und auch meine über 95-jährige Oma besser kennenlernen.“ Und auch das österreichische Land kann so manche Überraschung bereithalten. „Das hier ist für mich eine exotischere Erfahrung als mein Auslandsaufenthalt in Barcelona. Hier komme ich mir in gewisser Weise fremder vor: Jeder kennt jeden, und das seit mindestens vier Generationen“, erzählt sie.  Raus aus dem beruflichen Laufrad, durchatmen und Perspektiven zurechtrücken können: Sehnsüchte wie diese haben viele ArbeitnehmerInnen. Im Jahr 1998 wurde mit der Bildungskarenz die Möglichkeit geschaffen, immerhin zum Zwecke der Weiterbildung aus dem viel zitierten Hamsterrad im Job auszusteigen. Die Maßnahme erfreut sich großer Beliebtheit. Andere wiederum sehen sie skeptisch: Die Leute gingen auf Weltreise, statt sich weiterzubilden, wird behauptet. Doch so einfach ist das nicht, denn Studierende in Bildungskarenz müssen dem AMS Nachweise über bestandene Prüfungen vorlegen. Andere kritisieren, dass hauptsächlich jene in Bildungskarenz gehen, die ohnehin schon hohe Bildungsabschlüsse haben. Die Bildungskarenz reihe sich damit in die sozial ungerechte Systematik vieler anderer beruflicher Weiterbildungsmaßnahmen ein, in denen jene zu kurz kommen, die von vornherein eher niedrige Abschlüsse haben.
Der unterstellte Missbrauch der Bildungskarenz für Weltreisen ist Michael Tölle ein Dorn im Auge. Immerhin lässt sich dies weder be- noch widerlegen. „Dazu gibt es keine Daten“, hält der Bildungsexperte der AK fest. „Es wäre jetzt auch schwieriger mit dem strengeren Leistungsnachweis.“ Richtig sei allerdings, dass „anteilsmäßig mehr AkademikerInnen die Bildungskarenz in Anspruch nehmen, als in der Gesamtbevölkerung vertreten sind“.
Um den Zugang zur Weiterbildung weiter zu öffnen, wurde die Teilzeit-Bildungskarenz eingeführt. Diese sollte es WenigverdienerInnen leichter machen, nur einige Stunden pro Woche bis halbtags aus dem Job auszusteigen und die so gewonnene Zeit der Weiterbildung zu widmen. Außerdem wurde im Juli 2013 das Fachkräfte-Stipendium eingeführt, das es Erwachsenen ermöglichen soll, eine Fachkräfte-Ausbildung in Mangelberufen zu machen. Trotz des großen Erfolges wird es ab 2016 allerdings wieder eingestellt.
Unterm Strich bleibt die altbekannte Ungleichbehandlung: Wer bereits ein Studium hinter sich gebracht hat, kommt öfter in den Genuss von Weiterbildungsmöglichkeiten – „das gilt besonders für die betriebliche Weiterbildung“, betont Tölle – bzw. kann leichter per Bildungskarenz aussteigen.

Burn-out-Prävention
AK-Experte Tölle bringt bei allen Vorbehalten einen wichtigen Aspekt ins Spiel: Die Bildungskarenz kann man auch als wichtige Maßnahme zur Burn-out-Prävention ansehen. Auf der anderen Seite wisse auch die Wirtschaft die Bildungskarenz zu ihren Zwecken einzusetzen. Als Beispiel nennt Tölle die vor dem Hintergrund der Krise beschlossene „Bildungskarenz plus“: Unter der Voraussetzung, dass das Unternehmen 50 Prozent der Kosten der Weiterbildung übernimmt, zahlte das Land bzw. das AMS die andere Hälfte der Kosten für den oder die ArbeitnehmerIn. „Das war sozusagen eine Alternative zur Kurzarbeit“, erklärt Tölle.  „So haben sie Produktionsrückgänge ausgleichen und am Ende sogar noch weiter gebildete Arbeitskräfte zurücknehmen können.“
Aber warum nehmen hauptsächlich AkademikerInnen diese Möglichkeit in Anspruch? Für Michael Tölle gibt es darauf eine einfache Antwort: „Es gehen eher Leute in Bildungskarenz, die es sich leisten können, eine Zeit lang nur vom Arbeitslosengeld zu leben. Für viele ist Bildungskarenz schlichtweg nicht leistbar.“ Nicht jede/r verfügt über die entsprechenden finanziellen Mittel oder kann einfach einmal so raus aus dem Alltag oder Familienzusammenhang.
Eine Auszeit: Dafür hat sich die freie Journalistin Doris Neubauer nach jahrelanger Vollzeitanstellung in der Kommunikationsabteilung der APA und bei einer NGO entschieden. Finanziert hat sie es durch Erspartes. Zunächst reiste sie nach Australien und in die USA. Nach ihrer Rückkehr hielt es sie nicht lange in Wien, sondern sie fing ein Leben als „digitale Nomadin“ an. „Was ich für meine Arbeit brauche, ist ein Laptop und ein funktionierendes Internet. Ob ich in einem Kaffeehaus in Tansania sitze und per Skype versuche, Interviews zu machen, oder hier, spielt dabei keine Rolle“, sagt sie.

Arbeit und Urlaub auf einmal
In Amerika wurde für dieses Arbeitsmodell der Begriff „Workation“ geprägt, die Verbindung aus Arbeit und Urlaub. „Sogenannte Coworking Camps oder Workation Retreats sprießen anscheinend gerade wie die sprichwörtlichen Schwammerln aus dem Boden, und zwar inmitten herrlicher Landschaften in Gran Canaria, in der Türkei oder auch außerhalb von Berlin oder Paris, um nur einige zu nennen“, sagt Christa Langheiter, die regelmäßig an Interessierte Auszeit-Newsletter mit interessanten Neuigkeiten rund um das Thema verschickt. „An inspirierenden Orten steht Infrastruktur zum Arbeiten zur Verfügung, ebenso wie Menschen zum Austauschen. Und Ruhe, um abzuschalten und sich zu entspannen“, schwärmt die ehemalige ORF-Redakteurin.

Entfremdung
Arbeit als Erfüllung, bei der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, weil das Hobby zum Beruf wurde – und das auch noch um einen Lohn oder ein Gehalt, von dem man nicht nur leben, sondern zwischendurch sogar ausspannen kann: Wer träumt nicht davon? Und ist es nicht genau das Gegenkonzept zur Entfremdung in der Arbeit? Immer öfter ist zu hören, dass das Leben zu kostbar sei, um es mit kraftraubendem Alltagstrott und ungelebten Träumen zu verbringen. Wie groß das Interesse an „Sabbaticals und Auszeiten“ ist, merkt man auch an den zahlreichen Büchern, die dazu erscheinen. Umfragen zufolge würden drei Viertel aller ArbeitnehmerInnen in Österreich und Deutschland gerne eine längere Auszeit vom Job nehmen. Diese Vorstellung eines Lebens jenseits der Entfremdung stößt allerdings auf die Realitäten der Beschleunigung am Arbeitsplatz und die Ansprüche der Wirtschaft.
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast anachronistisch, wenn man den Ratschlag hört: „Es hilft, einen Schritt zurückzutreten und einmal in Ruhe darüber nachzudenken, was Zeit eigentlich für uns ist.“ Dennoch hat der Philosoph und Ökonom Karlheinz Geißler recht: „Wann immer wir im Alltag über Zeit reden, sprechen wir letztlich über unser Leben. Wenn wir unzufrieden sind und sagen: ‚Ich habe keine Zeit‘, meinen wir oft ‚Ich habe kein Leben‘“, so Geißler. Er beschäftigt sich seit Langem mit der Frage, wieso wir uns so gehetzt fühlen. „In allen Hochkulturen waren Geduld, Gelassenheit und Langsamkeit ein Zeichen von Würde, Klugheit und Selbstachtung“, erinnert er. Bei manchen Arbeitgebern spricht sich inzwischen herum, dass sie nichts davon haben, ihre MitarbeiterInnen wie Zitronen auszupressen.

Zufriedenheit
Wie es weitergeht, steht für Sonja Buch nicht wirklich fest. Ihren Lebensunterhalt verdient sie derweil mit einem geringfügigen Kellnerjob in der Gastwirtschaft der Tante. In Sachen Lebensstandard musste sie Abstriche machen. Auch wenn sie hinter dem Konzept des einfachen Lebens stehe, vermisse sie natürlich manchmal den Luxus, gesteht sie ein. Derweil aber ist sie zufrieden mit dem, was sie hat: „Ganz ehrlich gesagt ist es mir persönlich momentan wichtiger, mit der Tante Schwammerl suchen zu gehen und der Oma bei der kleinen Landwirtschaft zu helfen, wo die Tiere noch alle einen Namen haben.“

Linktipp
Informationen rund um Bildungsförderungen:
tinyurl.com/o428c8f

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorinnen irene_mayer@hotmail.com und sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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