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Symbolbild zum Bericht Frauen erbringen vier von zehn Stunden ohne Bezahlung, bei Männern sind es nur 2,5.

Die Zeitspende macht Pause

Schwerpunkt

Privat spenden vor allem Frauen ihren Familien kräftig Stunden - und das nicht gerade stressfrei.

Im Arbeitsrecht sind Pausen klar geregelt. Diese Regelungen gelten für bezahlte Erwerbsarbeit. Aber wer will schon solche Vorschriften für die unbezahlte Arbeit zu Hause? Wenn es weder Chef noch Chefin gibt, kann man doch eh Pause machen, wann immer man will. Oder etwa nicht? Für Menschen, die sich ausschließlich der Hausarbeit widmen, mag das stimmen. Aber die Spezies der Hausfrau ist eine vom Aussterben bedrohte Gattung, während die der Hausmänner noch immer eine vernachlässigbar winzige Nische der sozialen Evolution ist. Trotzdem – oder vielleicht deswegen – sieht die Journalistin Sabine Rückert in der Hausfrau eine „Entschleunigungsfigur von einer fast philosophischen Dimension“. Der Grund: Sie hat Zeit.

Stressfaktoren
Was sie aber in der Regel nicht hat, ist Geld. Zumindest kein eigenes. Es sei denn, sie hat reich geerbt oder den Lotto-Jackpot geknackt. Anderen Menschen bleibt für die Beschaffung von Geld nur, die eigene Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, wenn der Job Spaß macht, anständig bezahlt ist und unter zumutbaren Bedingungen stattfindet. Die Crux daran ist, dass selbst ein solcher Job ganz schön Stress machen kann – wenn zu dieser bezahlten Arbeit auch noch unbezahlte dazukommt. Das ist erst recht dann der Fall, wenn diese nicht in Gestalt vergleichsweise geduldiger Schmutzwäsche oder eines stillen staubigen Bodens daherkommt, sondern als sehr viel nachdrücklichere und aufgeweckte Dreijährige oder als mit den Aufgaben überfordertes Schulkind. Oder aber auf möglicherweise leisere, aber nicht weniger dringliche Art als pflegebedürftige Mutter.

Zauberwort
Dann kommt das Zauberwort der Vereinbarkeit ins Spiel. Und spätestens dann wird es bisweilen richtig schwierig. Denn Pausen sind bei allen Tätigkeiten unerlässlich. Beziehungen machen aber keine Pause. Trotzdem braucht die Beziehungsarbeit sehr wohl Unterbrechungen. Niemand kann 24 Stunden am Tag liebevoll und fürsorglich sein. Wenn diese 24 Stunden außerdem noch gut gefüllt sind mit Erwerbsarbeit, Wegzeiten, Hausarbeit und Alltagsorganisation, kann der Schalter für den Fürsorgemodus auch schon einmal ein wenig klemmen. Vor allem dann, wenn zwischen all diesen Dingen keine Pausen mehr sind, keine Zeit zum Durchschnaufen und auch kein Augenblick, um sich einfach einmal auf sich selbst zu konzentrieren.
Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Marketagent.com ist nur jede oder jeder Siebente der Meinung, dass sich Familie und Beruf (eher) gut miteinander vereinbaren lassen. Andere sehen das noch drastischer. Die beiden Väter und Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing sagen schlicht: „Es ist die Hölle.“ Und der Berliner Soziologe Hans Bertram nennt uns „die überforderte Generation“.
Da ist vielleicht etwas dran, denn in Summe wird ganz schön viel gearbeitet: Erwerbstätige Frauen bringen es insgesamt auf 66 Stunden in der Woche, erwerbstätige Männer liegen mit 64 Stunden nur knapp darunter – Wegzeiten nicht eingerechnet. Die Aufteilung zwischen bezahlt und unbezahlt variiert zwischen den beiden Geschlechtern allerdings beträchtlich. Während Frauen vier von zehn Stunden ohne Bezahlung erbringen, sind es bei Männern nur 2,5. Im Freiwilligenbereich läuft unbezahlte Arbeit für andere oft unter dem Titel „Zeitspende“. Frauen sind in diesem Sinne sogar großzügige Zeitspenderinnen. Zudem zeigen Studien, dass sich Männer im Konfliktfall für die bezahlte Erwerbsarbeit entscheiden, Frauen für die „Familienarbeit“. Der Spagat zwischen den beiden Arbeitswelten ist also noch immer eine weibliche Domäne.

Ausbildung „umsonst“?
Frauen bleiben in der radikalen Variante zwei Möglichkeiten: sich als revolutionäre Hausfrau und Mutter die Zeit für Muße zu verschaffen – allerdings um den Preis, die eigene, oft hervorragende Ausbildung „umsonst“ gemacht zu haben und sich in die wirtschaftliche Abhängigkeit zum Partner zu begeben. Der sollte dabei auch mitspielen, genug verdienen, nicht länger krank oder arbeitslos werden und sich bitte auch nicht trennen. Sonst wird es nämlich auch für diese Frauen ungemütlich. Theoretisch hätten Männer diese Option auch, in der Praxis findet sie aber kaum Anwendung.
Die andere Variante ist, auf Kinder zu verzichten und möglichst auch auf pflegebedürftige Verwandte. Wer sich in keinem der beiden Modelle wiederfindet, dem bleibt nur noch, es – allen Unkenrufen zum Trotz – doch mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu versuchen. Dabei ist es kaum hilfreich, dass nicht nur die Zeit mit immer mehr Aktivitäten gefüllt wird und das Einfach-einmal-Nichtstun zunehmend verschwindet. Noch dazu wird das Tun selbst immer schneller. Dabei kann ein einzelner Bereich nicht losgelöst vom sonstigen Umfeld betrachtet werden. Gesellschaften haben ihre eigene Grundgeschwindigkeit – und die ist in einem modernen, hoch technologisierten Umfeld viel schneller als in einem landwirtschaftlich geprägten Land, wie es Österreich vor nicht allzu langer Zeit war.

Steigender Arbeitsdruck
Vor rund 150 Jahren war Österreich ein Agrarland, in dem 75 Prozent der Bevölkerung dem Bauernstand (Bauern) angehörten; heute sind es magere drei Prozent. Stattdessen sind zwei Drittel der Männer und vier Fünftel der Frauen im Dienstleistungsbereich beschäftigt. Als KundInnen wollen wir dort prompten Service, kurze Reaktionszeiten auf unsere Anfragen und möglichst spontan entscheiden, wann wir einen Service in Anspruch nehmen. Für Beschäftigte bringt das – verknüpft mit immer mehr Aufgaben für immer weniger Personal – steigenden Arbeitsdruck. Das betrifft fast alle Bereiche der bezahlten Arbeit. Unter dem Titel Wettbewerbsfähigkeit sind immer stärkere Rationalisierungen verbunden mit einer Flexibilisierung der Arbeitszeit an der Tagesordnung. Für die Beschäftigten erhöht sich damit die Geschwindigkeit, mit der Tätigkeiten erfüllt werden müssen, immer weiter.

Schnelleres Privatleben
Das beschleunigt auch unser Privatleben, weil es fast unmöglich ist, das Arbeitstempo vor der Wohnungstür abzugeben. Nur wenige beherrschen die Kunst, aus der Taktung, in der sie den ganzen Tag gearbeitet haben, am Abend einfach auszusteigen. Darüber hinaus verändern sich auch die Erwartungen an unbezahlte Arbeit. Die Kriterien der Effizienz, die den Erwerbsalltag beherrschen, sickern so tief ins Bewusstsein, dass sie auch unsere Vorstellungen über unbezahlte Arbeit beeinflussen. Dann gießt auch noch die Technisierung zusätzlich Öl ins Beschleunigungsfeuer, weil zwingende Wartezeiten wegfallen. Stundenlanges Kochen? Fertigprodukte und Mikrowelle machen das nicht mehr notwendig. Warten, bis die Wäsche trocken ist? Der Trockner regelt das zeitlich punktgenau. Dinge, die Entlastung versprochen haben, treiben die Spirale eigentlich noch ein wenig weiter.
Zumeist wollen wir das auch so. Warten ist eine Zumutung. So empfinden wir es jedenfalls. Dass es eine Pause sein kann, können wir kaum noch wahrnehmen. Aber der Stress versickert nicht auf Kommando, wenn es gerade einmal ein paar Sekunden ruhiger wird. Es braucht insgesamt eine Entschleunigung und echte Pausen, aus denen man Erholung schöpfen kann.
Was also tun? Es nützt alles nichts: Die alten Forderungen gelten noch immer. Notwendig ist eine Entlastung von unbezahlter Arbeit – und eine fairere Aufteilung zwischen Frauen und Männern. Also wieder: Ausbau von Elementarbildung und Kinderbetreuung, mobiler und stationärer Pflege und Anreize für partnerschaftliche Teilung von Familienarbeit. Es wird aber auch nicht ohne Entlastung von bezahlter Arbeit gehen, sprich ohne eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit.
Für uns selbst können wir inzwischen über Entschleunigung durch unbezahlte Arbeit nachdenken und uns Dinge ins Leben holen, die einfach Zeit brauchen: Pflanzen im Garten wachsen lassen, richtig kochen ohne Mikrowelle und Fertigprodukte, Wäsche in der Sonne trocknen statt in der Metalltrommel. Zum Greißler spazieren statt mit dem Auto zum Hypermarkt zu stauen. Kleine stille Revolutionen im Alltag. Unter dem Motto: Der Stress hat jetzt Pause.

Blogtipp
http://blog.arbeit-wirtschaft.at/gesucht-frau-mit-kind-in-vollzeit/

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sybille.pirklbauer@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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