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Symbolbild zum Bericht Die Arbeitsbedingungen im Tourismus sind schlecht - paradoxerweise. Denn im Tourismus zählt die zwischenmenschliche Ebene.

Zum Davonlaufen

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Sie arbeiten da, wo andere Entspannung suchen. Arbeitsbedingungen und Bezahlung im Tourismus gehören allerdings dringend verbessert.

Geiz und Gier an oberster Stelle: Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man sich das Verhalten so mancher GastronomInnen ansieht. Ein Promi-Wirt und Hobby-Rennfahrer kündigt einen Mitarbeiter, weil dieser selbst erworbene Erdbeeren mit rund 50 Gramm Betriebs-Zucker bestreut. Ein ebenso unter Prominenten beliebter Gastronom und Unternehmer bezahlt MitarbeiterInnen seiner Bahn-Catering-Firma nach dem ungarischen Lohnsystem – allerdings legt der betreffende Zug den überwiegenden Teil der Fahrstrecke in Österreich und Deutschland zurück.

Schlechter Ruf
„Unsere Branche hat einen schlechten Ruf“, weiß Berend Tusch, Vorsitzender des Fachbereichs Tourismus in der Gewerkschaft vida. Er kennt die schwierigen Arbeitsbedingungen, die oftmals dem Anspruch Österreichs als Qualitätstourismusland – und den dafür verlangten Preisen – diametral entgegenstehen. Neben schlechten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen ist ein Job in der Gastronomiebranche obendrein ein Freizeit- und Familienkiller. Dienste wie freie Tage werden von manchen Chefs willkürlich festgelegt und wieder verschoben – eine Absprache mit den MitarbeiterInnen findet kaum statt.
„Unter den Betrieben gibt es schwarze Schafe, die das schnelle Geld wittern, aber nicht an die Zukunft denken“, kritisiert Gewerkschafter Berend Tusch. Bei manchen Unternehmen ist die Ausbeutung von Personal bereits System. Gerne werden Menschen eingestellt, die von Personalbereitstellungsfirmen an die Unternehmen verwiesen werden. Viele von ihnen sind ArbeitnehmerInnen aus dem osteuropäischen Raum. Sie sind bereit, Extremes zu leisten, nur selten hinterfragen sie, was ihnen tatsächlich zusteht. Besonders trifft es etwa Frauen in der Zimmerreinigung. „Durch die Personaldienstleister trägt das Hotel kein Risiko. Es ist egal, ob jemand krank oder schwanger ist oder sonst etwas nicht passt – die betreffende Mitarbeiterin wird einfach wieder zurückgeschickt“, ärgert sich Tusch. Sehr ähnlich verhält es sich in den Hotelküchen und mit dem Frühstücksservice-Personal. Auch hier werden die ArbeitnehmerInnen von Firmen bereitgestellt.
Ein Viersternehotel nahe der Innenstadt verlangt stolze Preise, lässt aber zugleich Küchen-, Servier- und Reinigungskräfte billig schuften. Bewusstes Hotel hat einige Standorte in Österreich und auch im Ausland. Hotel- und Gastronomiebetriebe können Beschäftigte punktgenau nach ihrer Belegung einsetzen – wer nur im Bereitschaftsdienst ist, hat es auch deshalb schwer. Zu Recht ist die Gastronomie als sogenannte Fluchtbranche bekannt. Ein Großteil der ArbeitnehmerInnen nutzt sie als Übergang und versucht, so schnell wie möglich in anderen Branchen unterzukommen. Derzeit gilt: In der Branche ist ein hoher Anteil an Hilfskräften beschäftigt.
Der Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus will jedoch den Ruf der Gastronomie und Hotellerie entscheidend verbessern. „Über kurz oder lang hilft nur eine bessere Ausbildung, ordentliche Bezahlung und Wertschätzung“, ist Tusch überzeugt. Nur durch Loyalität können MitarbeiterInnen länger in dieser Branche gehalten werden. Kein einseitiges Ausnutzen, sondern eine Balance von Geben und Nehmen müsse verankert werden. Das Personal in der Gastronomie und Hotellerie agiert äußert flexibel, dasselbe wäre auch von den jeweiligen Unternehmen zu erwarten, meint Tusch: „Wenn man einen überdurchschnittlichen Einsatz erwartet, dann muss es auch eine entsprechende Abgeltung geben. Es muss nicht unbedingt Geld sein, die Leistung könnte auch in Freizeit abgegolten werden.“

Alternative
Anstelle des Garantielohnsystems, das zu einem großen Teil vom Nettoumsatz abhängig ist, fordert die vida schon lange das Festlohnsystem. Nun ist es endlich in Kraft getreten. „Das Festlohnsystem garantiert den Beschäftigten einen höheren Grundlohn. Sie sind nicht länger vom Umsatz abhängig, der mit dem Verkauf von Speisen und Getränken erzielt wird – und damit auch nicht mehr von Gegebenheiten wie dem Wetter.“ Die grundlegende Veränderung für die MitarbeiterInnen lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Sicherheit. Denn endlich wissen sie zu Beginn des Monats, womit sie am Monatsende rechnen können. Zudem bedeutet das Festlohnsystem ein planbares Urlaubsgeld, finanzielles Überleben während eines Krankenstandes und auch einen Fixbetrag für die Pensionskasse. Ein weiterer Nachteil des bisherigen Garantielohnsystems: Es ist für Firmen mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden – die Einstufung der MitarbeiterInnen war teilweise kaum nachvollziehbar.

Überholte Hierarchien
Auch im Kollektivvertrag wurden die Beschäftigungsgruppen neu definiert. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren auch die Arbeitsaufteilung stark verändert. „Klassische Hierarchien, wo es einen Oberkellner gibt, der nur für das Kassieren zuständig ist, und Zuträger und Abservierer im Dienst sind, gibt es kaum mehr“, so Tusch. Heute gibt es vor allem gleichrangige ServicemitarbeiterInnen. Ebenso haben sich die Rollen in der Hotellerie verändert. Frühstück wird nicht mehr serviert, sondern die Gäste bedienen sich selbst. Berend Tusch: „Dafür werden allerdings weniger qualifizierte Kräfte gebraucht.“ Die Neuerung im Kollektivvertrag sieht vor, dass es nun fünf Beschäftigungsgruppen gibt, die allein durch ihre Tätigkeit und nicht durch ihre Bezeichnung definiert sind. Fachkräfte werden im Kollektivvertrag deutlich von Hilfskräften unterschieden.
Der neue Festlohn gilt immerhin bereits in den Bundesländern Wien, Niederösterreich und seit Kurzem auch wahlweise in der Steiermark. Die anderen Bundesländer, allen voran die Tourismushochburgen wie Salzburg, Kärnten, Tirol und Vorarlberg, fehlen noch. Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Bezahlung. Die Kollektivverträge haben bisher auf bundesländerspezifische Eigenheiten Rücksicht genommen. Etwa, dass der Westen sehr von der Sommer- und Winter-Tourismus-Saison abhängig ist. „Die Bundesländer müssen langsam angeglichen werden“, führt Tusch aus. Kurios ist auch die Situation am Semmering. Wer dort auf der steirischen Seite mit dem Kellnern anfängt, verdient 1.400 Euro brutto. Wird der Dienst auf der niederösterreichischen Seite ausgeübt, starten Betroffene hingegen mit einem Gehalt von 1.620 Euro brutto.
Ebenfalls geändert wurde der Durchrechnungszeitraum, für Vollzeitkräfte wurde er von 13 auf 26 Wochen erhöht. Darüber hinausgehende Überstunden müssen finanziell abgegolten werden, auch ist ein Zeitausgleich nur innerhalb eines Durchrechnungszeitraumes möglich. Es bleibt Unternehmern weiterhin überlassen, ob sie ihre MitarbeiterInnen am Umsatz beteiligen, doch die untersten Lohngruppen sind nunmehr abgesichert. „Das ist uns ganz wichtig“, sagt Tusch. Bis 2018 soll der Mindestlohn von derzeitig 1.400 Euro auf 1.500 Euro erhöht werden.

Alltäglicher Stress
Trotz allem ist es nicht leicht, in dieser Branche zu arbeiten. Stress ist alltäglich, gleichzeitig ist es besonders wichtig, freundlich zu den Gäste zu sein. Das kann auf Dauer schwierig werden. „Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit“, ist sich Tusch sicher und fordert die Betriebe auf, mehr Beschäftigte einzustellen. Die Weltwirtschaftskrise hat die Gastronomie empfindlich getroffen – aus einem Übergangszustand, als zahlreiche Unternehmen in Bedrängnis waren und von ihrem Personal durch finanziellen Verzicht unterstützt wurden, ist eine Dauerlösung geworden.
Einerseits gibt es im Tourismus mittlerweile Nächtigungsrekorde und Österreichs Stellenwert als Tourismusland ist weltweit hoch – die Arbeitsbedingungen aber haben sich dem ganz und gar nicht angepasst. „Was vor der Krise zwei bis drei Menschen erledigt haben, das macht jetzt einer“, erklärt der Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus. Vergessen werde gerne, dass Gäste vor allem Aufmerksamkeit benötigen. Gut betreute Menschen, perfekter Gastgeber mit Charme – diese Arbeit ist in Zeiteinheiten schwierig zu definieren.
Unternehmen versuchen allerdings, die aufgewendete Betreuungszeit zu begrenzen – einerlei, ob im Hotel-Check-in oder bei der Kommunikation mit Gästen. „Wir sind aber kein Produktionsgewerbe, wo Maschinen auf- und abgedreht werden. Bei uns im Tourismus zählt die zwischenmenschliche Ebene – und die nimmt nun einmal mehr und einmal weniger Zeit in Anspruch. Das kann nicht einfach durch eine Kalkulation berechnet werden.“

Linktipp
vida-Umfrage:
tinyurl.com/ojn83q2

Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen resei@gmx.de und sophia.fielhauer@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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