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Symbolbild zum Bericht Schläft der Koala weniger als 18 Stunden am Tag, stirbt er an Erschöpfung. Der Mensch zieht es vor, 18 Stunden am Tag zu malochen.
Buchtipp

Recht auf Faulheit?

Schwerpunkt

Während Gewerkschaften gerade in der Krise für das Grundrecht auf Arbeit kämpfen, häuft sich auch die Kritik am "Arbeitsfetisch".

Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik“ lautet der Titel eines brandneuen Sammelbandes, der die Leistungsgesellschaft aufs Korn nimmt. Pikanterweise im Karriereteil des renommierten Wochenblatts „Die Zeit“ präsentierte der Philosoph und Co-Autor des Werks Patrick Spät seine Ideen auch einer breiteren LeserInnenschaft. Das Credo des Aufsatzes: totale Entschleunigung, am besten nach dem Muster der Koalabären.

Der Koalabär als Vorbild
„Er isst ein paar Eukalyptusblätter und döst dann einfach; schläft der Koala weniger als 18 Stunden am Tag, stirbt er an Erschöpfung. Nicht so der Mensch, der es vorzieht, 18 Stunden am Tag zu malochen“, kritisiert Spät in seinem Beitrag die Fixierung der Gesellschaft auf Arbeit. Auch wenn der Autor den hier mitschwingenden Biologismus sowie das komplexe soziale System der Koalas nicht weiter diskutiert, meint er das Beispiel im Kern durchaus ernst: zurück zur Natur, zurück zum Ursprung. „Zieleinkommen“: So lautet das wirtschaftliche Leitmodell dieser anderen Gesellschaft. Produziert wird nur, was unmittelbar ge- und verbraucht werden kann. Ein Fischer, der sich täglich mit einem kleinen Fang begnügt, um dann im Hier und Jetzt (und nicht erst in der Pension) das zu tun, was er am liebsten tut, zum Beispiel in der Sonne zu dösen, orientiert sich an diesem Modell. Ähnliches gelte für bestimmte, noch „ursprünglich“ lebende Gesellschaften wie beispielsweise den afrikanischen Stamm der !Kung (!Xun).
Dass Menschen derartige soziale Strukturen „entdecken“, ist in der Menschheitsentwicklung allerdings nicht neu. Schon in der Formierungsphase der modernen ArbeiterInnenorganisationen und Gewerkschaften war dies fester Bestandteil der Ideenwelt. „Urkommunistische“ Zustände wurden hier aber auch – beispielsweise von Friedrich Engels – wenig romantisierend als Periode der „Wildheit“ beschrieben. Solche frühen Gesellschaften bedeuteten oft Mangel, weil die Menschen völlig abhängig von Wind und Wetter waren. Der US-Forscher Jared Diamond hat vor einigen Jahren in seinem Werk „Arm und Reich“ sehr überzeugend dargestellt, wie diese klimatischen Faktoren die Entwicklung sowie vor allem die soziale Differenzierung der Menschheit vorantrieben. Damit widerlegte Diamond im Übrigen auch die These einer (angeblich) „natürlichen sozialen Ungleichheit“ von Menschen und Gesellschaften. Er verstand sein Werk auch als Beitrag im Kampf gegen den Rassismus.

Paul Lafargue: So lautet der Name eines kritischen Denkers des 19. Jahrhunderts, auf den in Debatten um Arbeitsethos, Leistungsgesellschaft, aber auch Grundeinkommen von vielen Seiten gerne Bezug genommen wird – nicht immer zu Recht. Der Schwiegersohn von Karl Marx war ein bedeutender Aktivist der internationalen ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung. Sein bekanntestes Werk trägt einen bis heute provozierenden Titel, nämlich „Das Recht auf Faulheit“ – es erschien im Jahre 1880.
„Eine seltsame Sucht“, heißt es in den Einleitungsworten dieses Pamphlets, „beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.“
Lafargue beschreibt zunächst die Entwicklung des Arbeitsbegriffs im Kapitalismus, die Auffassung von Arbeit als Erziehungs- und Disziplinierungsmittel, zumindest für den Großteil der Bevölkerung. Durchgesetzt wurde und werde dies mit Zwang, nämlich durch Arbeitshäuser, oder wesentlich effizienter durch Hunger – aber nicht nur. Wie schon in den Einleitungssätzen angedeutet, kritisiert Lafargue vor allem die Übernahme einer mächtigen bürgerlichen Ideologie der „Arbeitssucht“ durch die ArbeiterInnenparteien und Gewerkschaften selbst sowie die Vorstellung, dass wirtschaftliches Wachstum automatisch das Elend reduziere. Er wiederum vertrat die Ansicht, dass die „Arbeitssucht“ der ArbeiterInnenschaft strukturell sogar zur eigenen Verelendung beiträgt – insbesondere im Falle eines Überangebots von Arbeitskräften. In seinem Gegenentwurf legt er der ArbeiterInnenbewegung eine völlig andere Strategie nahe, die tatsächlich stark an aktuelle Debatten erinnert: Wie sehen Alternativen für ein gutes Leben aus? Was braucht es dafür? Diese zentralen Fragen beantwortet er mit dem Konzept einer radikalen Arbeitszeitverkürzung sowie „der Verpflichtung der Arbeiter, ihre Produkte auch zu verzehren“. Durch die entsprechende Balance von moderaten Arbeitszeiten von täglich nur drei Stunden, sinnvoller gesellschaftlicher Nutzung der Technik und Umverteilung sei eine Welt möglich, in der jeder und jede auch ausreichend das Recht auf Faulheit in Anspruch nehmen könnte. Dieses „Recht auf Faulheit“ ist für den Sozialisten Lafargue, im Gegensatz zu DenkerInnen wie Spät, kein individuell umsetzbares Recht. Es ist ein Ansatz, um (geistige) Gegenmacht aufzubauen, um die Gesellschaft in der Folge kollektiv verändern zu können. Mit diesen Vorstellungen können auch GewerkschafterInnen durchaus etwas anfangen, ebenso wie mit den stets modernen Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung.

Die Arbeit hoch?
Fritz Keller, Historiker und ehemaliger Personalvertreter (Zentralvorstand GdG), beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Paul Lafargue und ist auch Mitherausgeber seiner Werke. Bereits angesichts der Hymne der österreichischen ArbeiterInnenbewegung „Die Arbeit hoch“ (Lied der Arbeit) hält er als Gewerkschafter eine kritische Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff für unumgänglich.

Visionär
Für Keller ist Paul Lafargue ein Visionär, der aktuelle Probleme wie die wachsende Zahl von Burn-outs, das neoliberale Prinzip „Wachstum und Produktion um jeden Preis“ und damit nicht zuletzt auch ökologische Fragen bereits in den 1880ern erkannt hat. Der Historiker versuchte, Lafargues Ideen daher auch in Gewerkschaftskreisen bekannt zu machen. In einer Debatte mit dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich auf dem 14. ÖGB-Kongress im Jahr 1999 meinte Keller: „Ich hatte den Eindruck, dass Sie den Wirtschaftsprozess als unveränderlich, als eine wirtschaftliche Notwendigkeit darstellen, die man als solche akzeptieren muss. Ich glaube, dass Wirtschaft ein Produkt von Menschen ist und durch Menschen verändert werden kann. Die Globalisierung ist nicht nur Realität, sondern auch ein Kampfslogan der Kapitalisten (…) Wenn zum Beispiel in Osteuropa nicht dieser Zusammenbruch erfolgt wäre, hätten wir vielleicht heute nicht diese Wirtschaftssituation. (…) Zusammenfassend: Ich glaube, wir sollten nach wie vor dafür einstehen, dass es in einer Gesellschaft die Möglichkeit gibt, dass Männer und Frauen nicht Produkte des Marktes sind, dass wir nicht ohne Sinn und Zweck produzieren, sondern letztendlich das Recht auf Arbeit proklamieren und auch damit beginnen können, das Recht auf Faulheit zu verlangen.“
Dass die Umsetzung dieses Rechts letztlich vor allem eine Geld- und damit auch eine Machtfrage ist, scheint auch dem eingangs zitierten Patrick Spät bewusst zu sein. So fordert er nicht nur, die Füße hochzulegen und „Pippis Lied“ zu trällern („Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“). Er räumt auch ein, dass Pippi Langstrumpf einen Goldkoffer brauchte, um den leeren Kühlschrank zu füllen. Was jene ohne einen solchen Koffer tun müssen, zum Beispiel um gegen das Ungleichgewicht von (oft unbezahlten) Überstunden und steigender Arbeitslosigkeit vorzugehen, beantwortet ein anderer Beitrag aus dem Buch „Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik“. Die Berliner Aktivistin Lucy Redler fordert „Gegenwehr statt Yogi-Tee“ und ruft dazu auf, sich zu organisieren. Von den Gewerkschaften wünscht sie sich eine breite Kampagne für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich, nicht zuletzt, um mehr „Zeit zum Leben, Lieben, Lachen, Sich-politisch-Engagieren und von mir aus Yogi-Tee-Trinken für alle“ zu haben.

Linktipps
Recht auf Faulheit, gesamter Text auf
tinyurl.com/2m46oe
Fritz Keller über Paul Lafargue:
tinyurl.com/opj765j

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor johnevers@gmx.net oder die Redaktion aw@oegb.at

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