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Symbolbild zum Bericht Ist man zur Pause gezwungen, setzt man meist alles daran, diese wieder zu beenden. Dabei werden nicht selten Grenzen ignoriert.
Buchtipp

Wenn die Pause erzwungen wird

Schwerpunkt

Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Pension: Die unfreiwillige Auszeit wird für viele zur Qual. Arbeitslose sind sogar gestresster als ManagerInnen.

Zwei Jahre lang war Arno S. arbeitslos, und diese Zeit hat den 45-Jährigen nachhaltig geprägt. Äußerlich deutet heute nichts darauf hin, dass den WU-Absolventen, der inzwischen eine tolle Karriere im Event-Management gemacht hat, diese Erfahrung schwer erschüttert hat. Arno S. spricht offen darüber, wie er diese Zeit erlebt hat: „Ich wurde depressiv und pessimistisch, zog mich von meinen Freunden mehr und mehr zurück. Ich dachte permanent über meine missliche Lage nach und bekam immer mehr Angst vor der Zukunft. Ich zweifelte an einer positiven Wende.“

Ratlosigkeit
Arbeitslosigkeit ist kein Einzelphänomen, und doch scheint es, als gäbe es im menschlichen Umgang damit eine gewisse Ratlosigkeit. Natürlich können Umbrüche im Leben auch eine Chance bedeuten, etwas „Neues“ zu machen oder sich einer Sache hinzugeben, die man schon immer machen wollte. Gleichzeitig sind erzwungene Pausen aber fragile Zeiten: Sich plötzlich in einer ungewollten und ungewohnten Lebenssituation wiederzufinden kann zu einer weitreichenden Destabilisierung führen, die erschütternde finanzielle, soziale und gesundheitliche Folgen haben kann.
Zahlreiche Studien belegen: Arbeitslosigkeit ist ein massiver Stressfaktor. Das hat eine große Bandbreite an Ursachen, denn der Verlust des Jobs ist oft mit einer ganzen Reihe anderer Verluste verbunden: Einkommen, Status, soziale Kontakte, Anerkennung, um nur einzelne zu nennen. Herkömmlich wird Stress mit Termindruck und hoher Leistungsanforderung verbunden, massive Stressoren sind jedoch auch die genannten Belastungen von Arbeitslosen und die damit einhergehenden Sorgen. Besonders eindrücklich belegt das eine Studie der deutschen Krankenkassa DAK, die besagt, dass Arbeitslose sogar unter mehr Stress leiden als Manager.

Gesundheit leidet mit
Stress hat bekanntlich auch Folgen für die Gesundheit. So leiden Betroffene häufig unter psychischen und physischen Folgeerscheinungen. Auch Arno S. hatte nicht nur mit einer allgemeinen Verschlechterung der Stimmung zu kämpfen, sondern litt außerdem unter massiven Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Wie eine deutsche Erhebung gezeigt hat, nehmen fast alle Erkrankungen bei Arbeitslosigkeit zu. Zudem gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass der Verlust von Erwerbstätigkeit eine Reihe von negativen Auswirkungen hat, und zwar in vielen Lebensbereichen der Betroffenen.
Beispielsweise beeinflusst Arbeitslosigkeit die Familienplanung negativ und nicht positiv, wie häufig dargestellt wird. Eine Studie der Universität Linz besagt, dass bei Betriebsschließungen sich die betroffenen Frauen seltener für Nachwuchs entscheiden. Wirtschaftswissenschafter Mario Schnalzenberger erklärt das so: „Bei Betriebsschließungen werden nicht selektiv bestimmte Frauen gekündigt – sondern alle. Das sind Frauen, die sozusagen in Summe dem Durchschnitt entsprechen und deren Verhalten sich explizit aufgrund der Arbeitslosigkeit verändert. Hier ist also ein direkter Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Unsicherheit und der verringerten Geburtenrate herstellbar.“

Schwierige Umstellung
Auch in fortgeschrittenem Alter bringt der Wegfall der Arbeit große Veränderungen mit sich. Obwohl sich die überwiegende Mehrheit freut, besteht bei rund einem Viertel die Gefahr eines „Pensionsschocks“. Dieser beeinträchtigt das allgemeine Wohlbefinden und ist beispielsweise gekennzeichnet von schlechter Stimmung, Depression oder Stressempfinden. Hinzu kommt, dass Stress und Depression Risikofaktoren für Demenz sind. Die Umstellung fällt oft besonders schwer, wenn die Arbeit bisher der zentrale Lebensmittelpunkt war. Daher ist es wichtig, sich ein soziales Netz außerhalb der Arbeit zu gestalten, Interessengemeinschaften zu pflegen und Hobbys zu kultivieren. Es ist für viele auch die Chance, die bestehende Partnerschaft neu zu definieren, schließlich verändert sich die bisherige Routine und Zeitgestaltung. Soziales Engagement hilft mitunter ebenfalls, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wieder positiv zu erleben. Es gilt, die passende Rolle – abseits der beruflichen – für sich selbst zu finden.

Mythos Leistungsfähigkeit
Die Idee, dass das Menschsein auch Phasen der Erwerbslosigkeit, Krankheit und Hilfsbedürftigkeit beinhaltet, passt so gar nicht zum allseits suggerierten Gesellschafts- und Medienbild. Dieses entspricht vielmehr dem autonomen, ewig fitten und agilen Menschen. Hilfsbedürftigkeit ist meist nur in sehr jungen Jahren – beispielsweise beim Säugling – ein toleriertes Merkmal. Diesen dominanten Diskursen kann man sich nicht so einfach entziehen, und so setzt man meist alles daran, diese Phasen zu bekämpfen. Dabei werden nicht selten physische und psychische Grenzen ignoriert, was die Menschen erst recht wieder krank machen kann – sei es, dass sie an Depression oder auch an Bluthochdruck erkranken. Die Ambivalenz zwischen Erleben und Ideal ist oft schwer zu ertragen. Dabei ist es ein offenkundiger Unsinn, dass Lebensverläufe linear und frei von Krisen sind. So gesehen können Krankheitsbilder wie Burn-out in dem Kontext als Folgeerscheinung gedeutet werden: Gesellschaftlicher Druck und Angst, gepaart mit dem kollektiven Hang, Leistung sehr eng zu fassen, erzeugen ein Klima, das die Missachtung eigener Grenzen fördert.

Veränderung als Herausforderung
Auch für Arno S. wurde die unfreiwillige Auszeit zur persönlichen Herausforderung, er selbst spricht von einer „Abwärtsspirale“. Es war für ihn ein langer Prozess, aus dieser wieder herauszukommen und beruflich wie privat wieder Fuß zu fassen. Noch lange wirkten die Erlebnisse nach, die inzwischen mehr als zehn Jahre zurückliegen. „Mich haben noch Jahre später Zukunftsängste gequält. Ich hatte kein Vertrauen in mich, solch eine Situation zu meistern, sollte ich wieder arbeitslos werden“, erzählt er. Er habe sich immer mehr von seinen FreundInnen zurückgezogen, bis sein Freundeskreis fast nicht mehr existent war, auch die Beziehung ging in die Brüche. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder Spaß am sozialen Umgang mit Menschen hatte und wieder einige Freunde hatte, die ich auch gerne traf.“ Rückblickend sieht er aber auch positive Effekte: „Ich lernte zu sparen, mich zu organisieren und mich in der Arbeit zu konzentrieren. Ich war dabei erstaunt über die positiven Ergebnisse, die ich erzielte, wenn ich meine Energien fokussierte und alle Schritte konsequent durchzog. Allerdings war meine Motivation die Angst, meinen Job wieder zu verlieren, obwohl diese Angst eher unbegründet und irrational war.“ Jahre später begann er eine Psychotherapie: „Ich setzte mich dabei ernsthaft mit mir und meiner Gefühlswelt auseinander und tue es noch heute, was ich durchwegs als positiv bewerte.“

Trotzdem bestehen
Äußere Einwirkungen lassen sich oft nur schwer beeinflussen, zudem treffen sie meist unvorbereitet und somit hart. Der Mensch ist zudem nicht so einfach „gestrickt“ und berechenbar, dass für jede Situation eine passende Strategie im Vorfeld entwickelt werden kann. Einen Garanten für ein krisenfreies Leben gibt es somit nicht. Im besten Fall schärfen Krisen unser Wertesystem und unseren Blick dafür, was uns wirklich wichtig ist. Prioritäten können frisch angeordnet und der Fokus neu ausgerichtet werden.

Linktipps
Gesamtes Interview von Arno S. nachlesbar:
www.elkeradhuber.at/#neuigkeiten
Emilia Del Bono, Andrea Weber and Rudolf Winter-Ebmer (2014): „Fertility and economic instability: the role of unemployment and job displacement“, Journal of Population Economics, September 2014:
www.labornrn.at
Soziales Engagement Informationen für Wien:
www.gesund.at/a/aufgaben-im-alter
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen:
tinyurl.com/pqvozj2

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin kontakt@elkeradhuber.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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