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Symbolbild zum Bericht Bis auf raschelndes Papier und flüsternde Menschen ist es mucksmäuschenstill. Bibliotheken sind Oasen der Entschleunigung.
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Snail City

Schwerpunkt

Der öffentliche Raum ist das erweiterte Wohnzimmer der Bevölkerung. Er soll Platz für Begegnungen bieten und zum Durchatmen einladen.

Nico schlürft an seiner Melange, während er gemächlich die Tageszeitung in einem Couchsessel der Stadtbücherei durchblättert. Bis auf das Rascheln von Papier und das Flüstern der SitznachbarInnen ist es mucksmäuschenstill. Keine Musik, keine hastigen Bewegungen. Der 37-jährige Sozialarbeiter kommt häufig hierher, wenn ihn das Wetter vom Spaziergang entlang des Donaukanals abhält. Beide Orte haben eines gemeinsam: Sie sind Oasen der Entschleunigung – das, wonach sich immer mehr Menschen sehnen, und das, worauf die Wiener Stadtentwicklung mit ihren Konzepten zur Gestaltung des öffentlichen Raums hinarbeitet.

Das erweiterte Wohnzimmer
Entschleunigung heißt für Nico, sich innerlich verlieren zu können, sich unter anderen Leuten unsichtbar zu machen, an Orten zu verweilen, die nicht unbedingt Konsum erfordern. Das können Büchereien, Parkanlagen oder einfache Sitzgelegenheiten in der Innenstadt sein. Diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen sieht Andreas Baur, Mediensprecher für die Abteilung Stadtentwicklung und Verkehr der Stadt Wien, als Aufgabe einer Großstadt. „Der öffentliche Raum ist das erweiterte Wohnzimmer der Bevölkerung, das Angebote zur Erholung schafft“, so Baur. Er soll Platz für Begegnungen bieten und zum Verweilen und Durchatmen einladen. Seine Gestaltung sei daher wesentlich für die Lebensqualität von Menschen. Diesen Standard zu halten ist nicht einfach, denn Wien hat einen Zuwachs von knapp 30.000 Menschen jährlich. Da stellt sich die Frage, wie man angesichts dieser Entwicklung den öffentlichen Raum attraktiv gestaltet.

Flächen zum Verweilen
Die Ideen der Stadt Wien dazu sind im Stadtentwicklungsplan 2025 (STEP 2025) festgeschrieben. So sollen etwa bis 2025 80 Prozent der Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt werden. Heute sind es knapp 73 Prozent. Neben Mobilität bildet die Schaffung von urbanen Frei- und Grünräumen einen Schwerpunkt des Stadtentwicklungskonzepts. Zum Beispiel, indem in dicht verbauten Teilen der Stadt neue Flächen zum Verweilen im Freien geschaffen werden. Mit der ersten Wiental-Terrasse wurde am 1. September ein solches Konzept umgesetzt. Auf 1.000 Quadratmetern können BesucherInnen auf Sitzbänken das Treiben des vorbeiziehenden Radverkehrs und den Durchzug der darunterliegenden U-Bahn verfolgen und sich dabei selbst treiben lassen. Die Wiental-Terrasse sei laut Baur kein Ort, an dem Ruhe herrsche, aber einer, an dem man in einem schönen Ambiente zur Ruhe kommen könne. Etwas, nach dem sich auch Nico sehnt. Wenn es nach ihm ginge, müsste die Stadt viel mehr konsumfreie Verweilorte zur Verfügung stellen. Zum Beispiel am Wiener Naschmarkt, wo es abgesehen von den Lokalen keine einzige Sitzgelegenheit gibt.
Woher kommt die Sehnsucht nach Entschleunigung im öffentlichen Raum? Menschen haben immer weniger Zeit und wollen diese sinnvoll nutzen. In der Stadt zur Ruhe zu kommen ist ein Ausgleich zum beschleunigten Alltag, zur Hektik, die sich durch viele Lebensbereiche zieht. Dort noch schnell etwas erledigen, da noch schnell einkaufen: Für Baur bedeutet Entschleunigung im öffentlichen Raum weniger Stress, mehr Platzangebote zum konsumfreien Verweilen, weniger Lärm und weniger erzwungene Achtsamkeit – dass man also nicht ständig darauf achten muss, ob im nächsten Moment ein Auto um die Ecke rast. Nico geht einen Schritt weiter, für ihn ist die Frage nach Entschleunigung im öffentlichen Raum zugleich eine Frage der Aneignung – eine Art Rückeroberung des von Autoverkehr und Wirtschaft eingenommenen Raumes, der eigentlich jedem und jeder gehört.

Tatsächlich verwandelte die Massenproduktion von Autos seit den 1920er-Jahren öffentliche Ruheorte in lärmende Verkehrsknotenpunkte. Die Zentren wurden zu Orten der Beschleunigung, mit dem Ziel, Straßenräume möglichst autogerecht zu erschließen. Immer mehr Menschen suchten die verloren gegangene Behaglichkeit in der Peripherie. Erst in den 1970er-Jahren begegnete die Stadt Wien den negativen Auswirkungen der Industrialisierung: Die erste Fußgängerzone wurde 1974 auf der Kärntner Straße als Protagonistin der Entschleunigung im öffentlichen Raum eröffnet. Binnen weniger Jahre entwickelte sie sich zur bekanntesten Einkaufs- und Flaniermeile Wiens. Fußgängerzonen waren erste Anzeichen der Rückeroberung eines beschleunigten Raumes mit dem Zweck des gemütlichen Flanierens. Weitere Fußgängerzonen folgten, etwa die Meidlinger Hauptstraße oder die Favoritenstraße. Mit der Fertigstellung der Fußgänger- und Begegnungszone Mariahilfer Straße im August 2015 setzt sich der Trend der Rückeroberung weiter fort. „Dabei wurde mit den Begegnungszonen eine geniale Form geschaffen, wie Straßenräume fair organisiert werden können“, so Baur. „FußgängerInnen und RadfahrerInnen haben mehr Freiraum, die Tempolimits für den Auto- und Radverkehr sorgen für Entschleunigung und höhere Aufenthaltsqualität.“

Die Rückeroberung des öffentlichen Raums, der Straßen und Räume fordert auch die Agenda-Gruppe „Öffentlicher Raum“ des achten Wiener Gemeindebezirks Josefstadt. Sie wünscht sich eine „Slow City“, die mehr Platz zum Ruhen, zum Bewegen und Genießen bietet. Die Agenda-Gruppe will öffentliche Räume so gestalten, dass sie eine hohe Lebens- und Wohnqualität sowie Überschaubarkeit aufweisen. Das heißt kurze und einfache Wege zwischen Erholung, Leben und Arbeiten. Die Gruppe wird dabei selbst aktiv, zum Beispiel indem sie während der Sommermonate an drei Samstagen parkende und fahrende Autos aus einigen Straßen verbannt und stattdessen die AnrainerInnen mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Rasenteppichen zur Gemütlichkeit animiert. „Slow City“ geht auf das Konzept der „città slow“ (italienisch/englisch: langsame Stadt) zurück, das 1999 in der toskanischen Stadt Greve gegründet wurde. Bei città slow geht es darum, die vorhandenen Werte einer Stadt zu erkennen und sie zu Orten des Genusses, der Entschleunigung und der Nachhaltigkeit auszubauen. Mittlerweile sind über 190 Städte weltweit mit der orangefarbenen Schnecke von città slow zertifiziert. Fastfood-Ketten oder Autos in der Innenstadt sind in den meisten dieser Kleinstädte tabu. Für Großstädte wie Wien kommen solche Zertifizierungen nicht infrage, da sie die Grenze von maximal 50.000 EinwohnerInnen überschreiten. Aber warum eigentlich nicht ein „Slow Grätzel“ schaffen?

Begehrte Grätzeloasen
Die Maßnahmen zur Gestaltung eines erholungsreichen Stadtraumes basieren alle auf demselben Prinzip: der Einbeziehung der BürgerInnen. „Die Planungsprozesse sind heute völlig anders als noch vor zwanzig Jahren“, so Andreas Baur. Die Entwicklung des Stadtraumes sei nicht „Good Will von irgendjemandem“, sondern Resultat von Befragungen und Miteinbindung von BürgerInnen. Sie sind die Fachleute ihrer Wohngebiete und können selbst Forderungen und Wünsche zur Verbesserung ihres Lebensraumes an die Stadt stellen, zum Beispiel im Rahmen der Grätzeloasen. Bei dieser Initiative können einzelne BürgerInnen Maßnahmen vorschlagen, die sie mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wien im eigenen Grätzel umsetzen. Die Grätzeloasen finden regen Zulauf. Kleine Gärten und Sitzgelegenheiten werden am meisten gewünscht, aber auch Maßnahmen wie öffentliche Bücherschränke, gemeinsames Frühstück an verschiedenen Orten im Grätzel oder regelmäßige Singtreffs in Parks wurden bereits realisiert.

Öffentliches Schlafzimmer
Nico, der junge Sozialarbeiter, möchte in der Stadt lieber nicht selbst aktiv werden. Diese Aufgabe überlässt er der Stadt. Wenn er sich aber etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein öffentliches Schlafzimmer, in dem er sich für ein bis zwei Stunden inmitten der Innenstadt hinlegen könnte. Andreas Baur bleibt lieber aktiv. Er wünscht sich, dass alle Parks in Wien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. So wie unlängst der kleine Liechtensteinpark im neunten Bezirk, den er wegen des alten Baumbestandes zu seinem liebsten Ort der Erholung nominiert.

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin steindlirene@gmail.com  oder die Redaktion aw@oegb.at

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