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Symbolbild zum Bericht Kinder werden in Zukunft mit Computern arbeiten. In der Schule spielen aber Tafel und Kreide oft eine größere Rolle als digitale Medien.

Mind the Gap!

Schwerpunkt

Um eine digitale Spaltung zwischen den Jugendlichen zu vermeiden, ist ein Update von Lehr- und Lernmethoden dringend nötig.

Zwei Drittel aller Jugendlichen ab 15 Jahren besitzen ein eigenes Smartphone mit Internetzugang. So lautet ein Ergebnis der oberösterreichischen Jugend-Medien-Studie. Die Jugendlichen können damit auf immense Wissensdatenbanken zugreifen, Lernerfolge multimedial dokumentieren und kollaborativ tätig sein. Während Smartphones den Alltag von Teenagern beherrschen, sind in der Schule die Lernmittel der Wahl noch immer Tafel, Kreide, Heft und Stift. Die Lehrpläne sehen sogar noch vor, dass in Volksschulen die Kunst des Schreibens mit der Füllfeder erlernt wird.
Die Schule als Lernort konnte sich der Digitalisierung von Wissen und dessen Vermittlung natürlich nicht völlig verschließen. Viele VorkämpferInnen arbeiten Schritt für Schritt an einem Update für die Schulen. Eine neue Generation von LehrerInnen ist bereits selbst mit der Allgegenwärtigkeit von digitalen Medien aufgewachsen. Der „Gap“ zwischen lehrenden Digital Immigrants und lernenden Digital Natives schließt sich immer mehr. Die Unterrichtsvorbereitung erfolgt meist digital, viele Schulen bieten Lernplattformen und Internet. In höheren Schulen gibt es immer mehr Laptop- oder Tablet-Klassen.

Digital-Gap 2.0
Dieser Prozess ist jedoch nicht flächendeckend, er erfasst nicht alle Teile des Schulsystems und nicht alle Schulen gleichermaßen. Zudem droht ein neuer Spalt zu entstehen, und zwar innerhalb der Jugendlichen, wie immer mehr ExpertInnen warnen.
Auf der einen Seite stehen jene Jugendlichen, die es schaffen, die neuen digitalen Möglichkeiten produktiv zu nutzen, um ihr Umfeld zu gestalten und sich online künstlerisch und politisch auszudrücken. Auf der anderen Seite stehen jene, die zwar Zugang zu digitalen Informationen und Netzwerken haben, diese aber fast ausschließlich für Konsum zu nutzen wissen.

Klare Vermittlungsziele nötig
Um diesem Trend entgegenzuwirken, braucht es neben einem möglichst breiten Zugang zu Infrastruktur (Hard- und Software) auch klare Vermittlungsziele. Digitale Kompetenzen müssen Teil eines umfassenden Kanons an Basisqualifikationen, einer analogen und digitalen Alphabetisierung sein.
Die Grundlagen dafür wurden bereits für jede Schulstufe festgelegt. Unter dem Slogan „Kein Kind ohne digitale Kompetenzen“ wurde dazu vom Bildungsministerium auf
www.digikomp.at ein eigenes Portal mit Unterrichtsbeispielen, Kompetenzmodellen und Weiterbildungsmöglichkeiten für LehrerInnen eingerichtet.
Dabei muss jedoch klar sein, dass nicht jedes Kind Software-EntwicklerIn wird, sondern je Schultyp und Berufsausbildung unterschiedliche pädagogische Zielsetzungen benötigt werden. Christian Schrack, IT-Experte des Bildungsministeriums, unterscheidet in diesem Sinne zwischen IT als beruflichem Ausbildungsziel und IT als Lernwerkzeug. Nicht alle Kinder müssen Code programmieren können, aber fast alle werden in ihrem Berufsleben mit Computer und im Internet arbeiten sowie als KonsumentInnen oder aktive BürgerInnen die Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung und Informationsgestaltung nutzen. Das allgemeine Bildungssystem muss sich darauf vorbereiten.
Um diesem Bildungsauftrag nachzukommen, sind immense Investitionen vonnöten. Diese beginnen mit der Anbindung aller Schulen an leistungsfähiges Breitband-Internet und dem Ausbau von kabellosen Netzwerken (WLAN) an Schulen.
Die Verbreitung von Laptop-Klassen hat in den letzten 15 Jahren immer wieder Debatten über die soziale Verträglichkeit von verpflichtenden IT-Anschaffungen an öffentlichen Schulen provoziert. Gleichzeitig fürchteten viele Lehrkräfte, dass die mit Laptops und Kabeln vollgestopften Klassenzimmer die pädagogischen Möglichkeiten und Kooperation zwischen SchülerInnen einengen würden.

Vom Smartphone zum Smart-User
Aber auch diese Probleme haben sich durch den technischen Fortschritt abgeschwächt. Nicht nur sind die Preise für Laptops und Co im Sinkflug, die leistungsfähigen Tablets ermöglichen noch dazu interaktivere und kommunikativere Unterrichtsmethoden als starre Computersäle. Mit dem neuen BYOD-Zugang (Bring Your Own Device) machen sich viele Lehrkräfte die Tatsache zunutze, dass fast alle SchülerInnen in den Klassen bereits internetfähige Smartphones besitzen, und schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Es entfallen nicht nur die Kosten für Anschaffung und Verkabelung von PC oder Laptop. Die SchülerInnen lernen damit auch ihr eigenes Smartphone nicht nur für Selfies und Instagram, sondern auch für Wissensakquise, vernetzte Arbeit, Erfolgsdokumentation und Ergebnissicherung zu nutzen.

Leistbarkeit
Bei aller Euphorie für den BYOD-Trend darf nicht vergessen werden, dass sich nicht alle SchülerInnen, respektive ihre Eltern, ein Smartphone und entsprechende Internetpakete leisten können.
Ein weiterer Kostentreiber für Eltern und Lehrkräfte sind interaktive und digitale Unterrichtsmaterialien. Die Schulbuchaktion deckt bisher nur gedruckte Schulbücher ab.
Zwar können die SchülerInnen ab dem Sommersemester 2016 auf ein PDF ihrer Bücher zugreifen, interaktive oder multimediale Unterrichtsmaterialien müssen jedoch auch weiterhin über teure sogenannte SBX, Schulbuch-Extras, zugekauft werden. Darüber hinaus kommen Lehrkräfte bei der Zusammenstellung von digitalen Unterrichtsmaterialien schnell in Konflikt mit dem Urheberrecht und riskieren hohe Strafzahlungen.
Da die parallele öffentliche Finanzierung von gedruckten Schulbüchern und digitalen Unterrichtsmaterialien besonders teuer ist, gehen einige Länder der EU bereits einen radikalen neuen Weg. So plant beispielsweise Polen die völlige Abschaffung des gedruckten Schulbuchs für die Oberstufen, in den Grundschulen wird das gedruckte Materialien-Paket stark reduziert. Die damit frei werdenden Gelder werden in digitale Lernbegleiter (Tablets) und kostenlose, online verfügbare Unterrichtsmaterialien investiert.

Open Educational Ressources
Bemühungen für mehr dieser Open Educational Ressources (OER) gibt es jedoch nicht nur in Polen: In vielen europäischen Ländern, den USA sowie speziell in Entwicklungsländern (Stichwort: Khan Academy) wird das Potenzial von kostenlos zugängigen und erweiterbaren Lerninhalten bereits erkannt.
Die Grundidee besteht darin, den Lehrkräften durch offene, das heißt veränderbare und lizenzfreie Unterrichtsmaterialien jene individuelle Vorbereitung zu ermöglichen, die frühere Generationen aus der Arbeitsblättersammlung kannten.
Durch die Mobilisierung der kollektiven Intelligenz und Kreativität der Lehrkräfte könnte damit eine Sammlung an öffentlichem Vermittlungswissen entstehen, das jeder und jede anzapfen kann. Doch auch OER brauchen öffentliche Investitionen für die Anschubfinanzierung, Wartung und Qualitätssicherung der Lehr- und Lernmaterialien. Wie hochqualitative OER aussehen können, zeigen bereits einige engagierte österreichische Projekte wie das offene Lehrbuch für technisches Lernen (
www.l3t.eu) oder auch die steirische Lernplattform www.imoox.at (steirisch: i mogs = ich mag es).

Schritt für Schritt
Die vielen Beispiele aus Österreich und den europäischen Nachbarländern zeigen, wie sehr sich die Bildung Schritt für Schritt digitalisiert, wie versucht wird, die unfassbaren Möglichkeiten der digitalen Bildung zu nutzen und ihre didaktischen Vermittlungsziele im Schulalltag zu verankern.
Um die Spaltung in ProfiteurInnen und VerliererInnen der digitalen Lernkultur zu verhindern, müssen digitale Kompetenzen als Basisbildung in allen Schultypen verankert werden und der Zugang zu den neuen Lernressourcen ohne finanzielle Hürden für Lernende und deren Eltern gewährleistet sein.
 
Linktipps:
Offenes Lehrbuch für technische Bildung
www.l3t.eu
Online-Lernplattform aus der Steiermark
www.imoox.at
Informationsseite der virtuellen Pädagogischen Hochschule zu OER
www.virtuelle-ph.at/oer

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor andreas.kastner@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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