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Symbolbild zum Bericht Immer mehr Crowdworker erledigen für Cent-Beträge Aufträge - ohne Absicherung bei Krankheit, Unfall, Alter oder Mutterschutz.

Gute Arbeit gestalten

Schwerpunkt

Wie verändert Digitalisierung die Gesellschaft, das europäische Sozialmodell und die Arbeit?

Google, Apple, Microsoft, Facebook: Die vier großen Spieler stammen aus den USA. Während Microsoft und Apple auf dem Softwaremarkt ein Duopol bilden, ist die Suchmaschine mit einem Marktanteil von über 90 Prozent in allen europäischen Ländern nicht nur Platzhirsch, sondern bildet ähnlich wie die Internetplattform Facebook ein Quasi-Monopol. Die Macht der großen Player ist immens, sie sind Analytiker, Prognostiker, Torwächter und zugleich Führer durch die digitale Welt, die rasante Veränderungen von Arbeit bewirkt.

Daten-Kolonie Europa?
Die sozialen Auswirkungen sind immens: Auf der einen Seite stehen die ICT-ExpertInnen und Start-ups, die schnell reich werden, auf der anderen Seite eine wachsende Masse von Crowdworkern, die für Cent-Beträge Aufträge erledigen, ohne Absicherung gegen Krankheit, Unfall, Alter oder Mutterschutz – was einer Rückkehr ins 19. Jahrhundert gleichkommt. Und wo bleibt Europa: Wird es zu einer Daten-Kolonie, abhängig von Big Data aus den USA? Wie verändert Digitalisierung die Gesellschaft, das europäische Sozialmodell und die Arbeit?
Studien haben ergeben, dass Investitionen von 90 Milliarden jährlich notwendig sind, damit Europa seine Stellung behaupten kann. Um das ehrgeizige Ziel europäischer Industriepolitik, einen Anteil von 20 Prozent am BIP, zu erreichen, sind gewaltige Anstrengungen notwendig, auch und gerade im Bereich der Digitalisierung von Industrie und Dienstleistungen.

Auf dem digitalen Schachbrett agieren viele Spieler mit unterschiedlichen Interessen:

  • die Beschäftigten im Industrie- und Dienstleistungsbereich, die mit einer Digitalisierungsoffensive konfrontiert sind und den Übergang zu guter digitalisierter Arbeit bewältigen müssen, bei Mitarbeit der Gewerkschaften und Nutzung der geltenden Unterrichtungs- und Anhörungs- sowie Mitbestimmungsrechte;
  • ein zunehmendes digitales Prekariat der Crowdworker, die ohne Arbeitsvertrag zahllose Klein- und Kleinstaufträge übernehmen (müssen), ohne soziale Absicherung – durch simples Anklicken und damit Akzeptieren des Kleingedruckten, der Geschäftsbedingungen;
  • Roboter, die repetitive Arbeiten übernehmen können und das Schreckgespenst einer Verdrängung der Menschen durch Maschinen, also von menschenleeren Fabriken, heraufbeschworen haben, jedoch vor allem neue Herausforderungen der Maschine-Mensch-Kommunikation mit sich bringen;
  • nationale Regierungen, die sich bemühen, einen geeigneten Politikrahmen zu schaffen, und zu diesem Zwecke unter Beteiligung von Sozialpartnern wie WissenschafterInnen die digitalen Herausforderungen diskutieren, wie beispielsweise die Initiative „Grünbuch Arbeiten 4.0“ des deutschen Arbeitsministeriums, die zahlreiche richtige und wichtige Fragen aufwirft;
  • andere nationale Regierungen, die alles den Märkten überlassen und sich nur um die technologischen Herausforderungen (Ausbau von Breitbandnetzen usw.) kümmern, aber nicht die sozialen;
  • die Europäische Kommission, die sich laut einer Mitteilung zum digitalen Binnenmarkt auf die Beseitigung von Binnenmarkthindernissen kapriziert, ohne die Problematik „digitale Arbeit“ ins Blickfeld zu nehmen;
  • Arbeitgeber, die Unterrichtung-Anhörung-Mitbestimmung als „Verzögerungsfaktor“ angreifen und die Digitalisierung nutzen wollen, um die Flexibilisierung und Liberalisierung des Arbeitsmarkts voranzutreiben. Einige Arbeitgeber erhoffen sich eine „Befreiung“ aus Flächentarifverträgen und Mitbestimmungsstrukturen. Mehr Outsourcing, mehr Werkverträge …

So weit die Player und ihre Schwerpunkte. Die gewerkschaftlichen Herausforderungen sind schnell skizziert: Es geht um den Wert und Stellenwert von guter digitaler Arbeit, die mitbestimmt sein muss, ständige Weiterqualifizierung erfordert und tariflich zu gestalten ist. Das deutsche Arbeitsministerium ist vorgeprescht, um diese Fragen ins Blickfeld zu nehmen, aber was passiert in anderen Ländern Europas und warum greift die Kommission diese Steilvorlage, diesen holistischen Ansatz nicht auf, sondern verengt das Sichtfeld ohne Not auf „Binnenmarkthindernisse“?

Eine Studie der Universität Oxford verweist darauf, dass in den kommenden 20 Jahren rund die Hälfte der bestehenden Jobs in den USA durch Digitalisierung gefährdet ist. Eine Schätzung des Thinktanks Bruegel für Europa bewegt sich in gleicher Größenordnung. Auf der anderen Seite behauptet der zuständige Kommissar Andrus Ansip, dass allein in der App-Wirtschaft drei Millionen zusätzliche Jobs bis 2018 geschaffen würden. Gerade im Bereich der informationsbasierten industrienahen Dienstleistungen wie Programm-Updates, Fehlerdiagnose oder Fernwartung ist ein Aufschwung zu erwarten.
Klar ist, dass der Übergang zu digitaler Industrie und digitalen Dienstleistungen gestaltet werden muss – unter gleichzeitiger Sicherung des Beschäftigungsstands. Gute digitale Arbeit muss gefördert werden, wobei der Einsatz neuer Technologien mit neuen Arbeitserfordernissen mit den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen abzustimmen ist. Digitale Kompetenzen erfordern eine antizipative Qualifikationsstrategie unter Mitwirkung der Beschäftigten, die den Anforderungen von Frauen und Männern, Jugendlichen und Älteren gleichermaßen gerecht wird, etwa indem sie einen tarifvertraglichen Anspruch auf Bildungsteilzeit vorsieht. Die Vereinbarkeit von Privatleben und Arbeit wird umso wichtiger, als die Digitalisierung potenziell eine Entgrenzung der Betriebe und eine Entgrenzung von Arbeitszeit mit sich bringt. Eine Anpassung des ArbeitnehmerInnen- und Betriebsbegriffs, eine Erweiterung der Mitbestimmungsrechte und -möglichkeiten sind gerade bei vernetzten Formen der Arbeitsorganisation und mobilen Arbeitsformen unerlässlich.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Potenziale der Digitalisierung für flexible Arbeitsformen zu nutzen. Diese müssen so gestaltet werden, dass neue Freiräume und Selbstbestimmungsmöglichkeiten für die Beschäftigten entstehen. Neue Regeln sind nötig: Für Plattform-Arbeiten sollten Mindesthonorare und arbeitspolitische Standards geregelt werden. Micro-Jobber müssen als ArbeiterInnen betrachtet werden.

Digitalisierung erfordert weit mehr als Sozialpartnerverhandlungen über Weiterbildung – es ist eine Revolution: Die erste industrielle Revolution markierte den Übergang von Handarbeit zu Maschinen und beruhte auf Dampfkraft (ab 1800). Die zweite basierte auf Elektrifizierung und brachte Massenproduktion, bekannt als Fordismus (ab 1840/60). Die dritte beruhte auf Computerisierung und die neueste ist verbunden mit den Stichworten Industrie 4.0, „Smart Services“, „Crowdsourcing“ „Crowdworkers“.

Sonnen- und Schattenseiten
Disruption heißt das Stichwort, mit dem die quasirevolutionären Prozesse bezeichnet werden, in denen neue AkteurInnen gewohnte Praktiken und Regeln frontal infrage stellen und neue erzwingen. Da die Digitalisierung der Arbeit viele neue Fragen aufwirft und praxisrelevante Lösungen erfordert, ist ein Ausbau der Arbeitsforschung zum Thema „gute digitale Arbeit“ notwendig. Digitalisierung hat ihre Sonnen- und ihre Schattenseite. Aus progressiver Sicht muss das Hauptaugenmerk auf dem spektakulären Anstieg der Produktivität und dessen Auswirkungen auf Arbeit und Beschäftigung liegen. Die Auslagerung von Arbeit aus traditionellen Unternehmensstrukturen hat sich verdichtet zu einem sozioökonomischen Trend, erleichtert durch das Internet: Mechanical Turk ist ein Internet-Marktplatz des Versandhauses Amazon, auf dem sich Crowdworker („Turker“) um Aufträge bemühen können. Mittlerweile haben NutzerInnen ein Online-Forum gegründet, um sich abzusprechen: „Turker Nation“. Darüber hinaus haben WebarbeiterInnen ein digitales Werkzeug geschaffen, um Arbeitgeber zu bewerten: Turkopticon.

Der Megatrend bringt neue Risiken mit sich: Monopolbildung, Massenentlassungen, Überwachung und Kontrolle, mangelhaften Datenschutz, Industriespionage … Gleichzeitig bringt er neue Möglichkeiten: bessere Information, Kommunikation, Beteiligung, Networking ... Es ist nicht zu spät, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen, wie Digitalisierung so zu gestalten ist, dass gute Arbeit möglich bleibt und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu einer Stärkung und Europäisierung der Mitbestimmung beitragen. Der EGB hat daher vorgeschlagen, ein Europäisches Forum zu gründen, um die Herausforderungen auszudiskutieren und in den Griff zu bekommen.

Linktipp:
Homepage Social Europe
tinyurl.com/qhosxoq

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor wkowalsk@etuc.org oder die Redaktion aw@oegb.at

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