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Symbolbild zum Bericht Das Angebot, auch in den eigenen vier Wänden arbeiten zu können, haben viele Beschäftigte gerne angenommen - selbst wenn manche mit falschen Vorstellungen die Option Home-Office gewählt haben.

Kollege Computer

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Messenger, Intranet, Doodle-Termine, Home-Office, Videokonferenzen - kommt in der digitalisierten Arbeitswelt der persönliche Kontakt zu kurz?

Die Big Player der IT- und Kommunikationsbranche waren unter den ersten, die das Büro der Zukunft in die Gegenwart holten: Videokonferenzen sollten Dienstreisen ersetzen und dabei helfen, Zeit und Geld zu sparen. Flexibles Arbeiten etwa in Form von Home-Offices bot neue Chancen für junge Eltern und all jene, die sich nicht an Bürozeiten halten möchten oder nicht so mobil sind. Weniger Geschäftsreisen und weniger PendlerInnen, das bedeutet nicht zuletzt auch weniger Treibstoffverbrauch. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, sogar für die Umwelt.

Traditioneller Alltag
Doch obwohl es die technischen Voraussetzungen für modernste Kommunikationsmethoden schon lange gibt, hat sich bisher erstaunlich wenig verändert. 2012 etwa haben 1,3 Millionen ÖsterreicherInnen insgesamt 3,9 Millionen Dienstreisen unternommen.
Der persönliche Kontakt mit KundInnen und GeschäftspartnerInnen ist nach wie vor wichtig und macht belastbare Beziehungen überhaupt erst möglich. Sechs Milliarden Euro ließen sich die Unternehmen das kosten – die Reiseausgaben hatten damit wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht. Österreichweit werden, so meldete der „Kurier“ im April 2013, 82 Prozent aller Telefonkonferenzen und 48 Prozent aller Videokonferenzen für die interne Kommunikation genutzt.
Nur acht Prozent der Unternehmen nutzen Videokonferenzen häufig. „Bis heute sind selbst in der IT-Branche Videokonferenzen nur bei den Großunternehmen gang und gäbe“, erzählt Manuel Lehner, Sekretär der Interessengemeinschaften
work@professional, work@external und work@it der GPA-djp. „Meistens werden diese technischen Möglichkeiten für Gespräche mit MitarbeiterInnen im Ausland oder mit anderen Niederlassungen genutzt.“
Zeit ist Geld, das gilt auch für Videokonferenzen. Und daher werde, so Lehner, in diese Minuten möglichst viel an Inhalten hineingepackt. Zeit für Kreativität und das Entstehen neuer Ideen bleibt da meist nicht. Außerdem: Während Zweiergespräche über Skype noch relativ einfach sind, erfordert eine echte Konferenz per Video auch einiges an Organisation. Termine müssen koordiniert und entsprechende Räumlichkeiten für vertrauliche Gespräche reserviert werden. Immerhin hat sich die Technologie so weit weiterentwickelt, dass Wackelbilder, schlechte Tonqualität oder Asynchronität theoretisch vermeidbar sind.

Herausforderungen
Dass Distanz und die digitale
Kommunikation per Messenger, E-Mails und ähnlichen Tools zwar das Finden und Kontaktieren von Personen erleichtern, das Verständnis für das virtuelle Gegenüber aber nicht gerade verbessern, haben wohl viele Menschen schon selbst erfahren. Man muss nicht gleich Opfer eines Shitstorms gewesen sein, um zu bemerken, dass – sobald der direkte Kontakt fehlt – spontane Entgleisungen, aber auch Missverständnisse und Fehlinterpretationen häufiger werden.
Das Angebot, auch in den eigenen vier Wänden arbeiten zu können, haben viele Beschäftigte gerne angenom
men – selbst wenn manche mit falschen Vorstellungen die Option Home-Office gewählt haben. Denn tatsächlich kann man in der Regel eben nicht gleichzeitig Kinder beaufsichtigen oder Kranke pflegen und effizient arbeiten. Und sich den Weg zur Arbeit zu ersparen mag zwar angenehm sein und ermöglicht mehr Freizeit, aber irgendwann fehlt einem vielleicht der Kontakt zu den KollegInnen.

Empfehlungen
Die AUVA-Expertin Brigitte-Cornelia Eder empfiehlt im aktuellen Magazin „Sichere Arbeit“: „Für diejenigen Personen, die gerne ungestört arbeiten, bei denen eventuell Unstimmigkeiten im Kollegenkreis bestehen, die Sozialkontakte, vielleicht sogar aufgrund der eigenen psychischen Zustandslage, als Belastung erleben, kann ein Telearbeitsplatz befreiend wirken und die Freude an der Arbeit zurückbringen. Für andere dagegen kann der Telearbeitsplatz zur Zerreißprobe werden und sie in die Isolation führen. Vielleicht ist man abgeschnitten von Informationen, die, wie jeder weiß, ganz oft informell ‚zwischen Tür und Angel‘, beim Kaffee oder am Gang ausgetauscht werden. Vielleicht entfremdet man sich von seinen Kolleginnen und Kollegen und verliert trotz aller Besuche im Büro den ‚guten Draht‘, den man immer hatte. Hier ist sowohl Eigenverantwortung gefragt, die eigene Situation eventuell wieder zu verändern, als auch der Arbeitgeber in die Pflicht genommen, der hier ein feines Auge und Ohr für seine dann weit entfernten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sollte!“
Vor allem in der IT-Branche sind Home-Offices gut möglich und auch sehr verbreitet. Doch mittlerweile rudern manche Unternehmen wieder zurück und fordern mehr persönliche Präsenz am Arbeitsplatz. Schon 2013 schränkte das US-Internetunternehmen Yahoo die weitverbreitete Arbeit im eigenen Zuhause ein – zum Unmut vieler MitarbeiterInnen, die wieder pendeln mussten.
„Was soll ich denn in der Firma? Da kenn ich ja niemanden“, war die Reaktion bei manchen Beschäftigten bei Hewlett-Packard, erzählt Eva Angerler, Expertin für Arbeit und Technik in der GPA-djp. Doch für die Unternehmensleitung steht mittlerweile fest, dass ein gewisses Maß an altmodischen Face-to-face-Kontakten erforderlich ist, um ausreichend Kommunikation und Kreativität zu gewährleisten.

Big Boss is Watching
Mittlerweile gibt e
s vor allem bei den großen Softwareproduzenten schon ganz andere Entwicklungen, die teilweise in Richtung Überwachung gehen. Bei internationalen Konzernen wie IBM läuft die Kommunikation unter den auf der ganzen Welt verstreuten Beschäftigten über Social-Software-Plattformen ab. Vorgesetzte und Unternehmensleitung können über diese Software jederzeit sowohl den Vernetzungsstand als auch den Kommunikationslevel einzelner MitarbeiterInnen erheben. Auch die Arbeitsergebnisse bzw. -fortschritte sind abrufbar.
Außerdem im Angebot: Statusmeldungen mit verschiedenfarbigen Lämpchen-Symbolen, um festzustellen, wie lange und wann Mitarbeitende im Home-Office online sind. Manuel Lehner: „Das erzeugt Druck, obwohl jedem klar sein dürfte, dass länger online zu sein nicht unbedingt ein besseres Ergebnis bedeutet.“

Flexibles Arbeiten, das bedeutet nicht nur Gleit- oder Vertrauensarbeitszeit und Home-Office, sondern unter Umständen auch, dass man keinen fixen Schreibtisch mehr hat. Eva Angerler: „In Österreich beginnen jetzt die großen Banken mit der Einführung von Desk-sharing.“ Das soll nicht nur die interne Kommunikation verbessern – in manchen Unternehmen wurden auch die Chef-Büros gestrichen –, sondern ist außerdem platzsparend. Denn wer auf Urlaub oder im Krankenstand ist oder aber zu Hause arbeitet, braucht keinen Schreibtisch im Büro. Dabei hängt es von den aktuellen Tätigkeiten und Anforderungen ab, an welchem Platz und neben welchen KollegInnen man arbeitet. „Es gibt zwar so etwas wie eine Homebase, zu der man fix dazugehört, aber ansonsten ist alles flexibel. Hier stellt sich unter anderem die Frage: Wie findet man seine KollegInnen und Vorgesetzten, wenn man spontan etwas braucht? Der Lösungsmöglichkeit, die Beschäftigten per GPS orten zu können, können wir nichts abgewinnen.“

Eine FORBA-Studie mit Beschäftigten eines Technologiekonzerns in Wien, der ein Desk-sharing-Programm eingeführt hat, zeigte 2012 eher negative Auswirkungen auf die MitarbeiterInnen. Der Wegfall der gewohnten Arbeitsumgebung bzw. des zumindest in Maßen gestaltbaren eigenen „Territoriums“ sorgte für viel Kritik bei den Betroffenen. Im Vergleich mit anderen untersuchten Unternehmen war die Zufriedenheit mit den räumlichen Bedingungen in diesem topmodern ausgestatteten Bürogebäude mit Abstand am geringsten.

Linktipps:
Muster-Betriebsvereinbarung Telearbeit/Home-Office
tinyurl.com/opnabyj
Ausführliche Infos zu Telearbeit
tinyurl.com/p3txkt7
tinyurl.com/q9ed9u5

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