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Symbolbild zum Bericht Ein gern genanntes Beispiel für das Internet der Dinge ist der Kühlschrank, der selbst per Onlinedienst nachbestellt, wenn Milch, Butter und andere Lebensmittel zur Neige gehen.

Das Ding der Dinge

Schwerpunkt

Wird bald alles mit dem Internet verbunden sein, werden sich die Dinge "miteinander unterhalten"? Das "Internet der Dinge" schafft Hoffnungen wie Sorgen.

Jetzt haben wir uns gerade daran gewöhnt, dass wir mit Computern, Telefonen und Uhren immer und überall vernetzt sind, da rollt schon „das nächste große Ding“ auf uns zu. Das Ding der Dinge, wenn man so will: das Internet der Dinge nämlich. Was oft mit IoT (Internet of Things) abgekürzt wird, bedeutet, dass alles – meist kabellos – vernetzt wird. Ein gern genanntes Beispiel ist der Kühlschrank, der selbst per Onlinedienst nachbestellt, wenn Milch, Butter und andere Lebensmittel zur Neige gehen. Oder das selbstfahrende Auto, das Informationen mit der Fahrbahn und anderen Fahrzeugen austauscht und viel schneller als Menschen verarbeiten kann. Dadurch soll es nicht nur die schnellste Route wählen, sondern auch umweltschonender fahren und weniger Unfälle bauen. Auch in Kleidungsstücke könnten „Wearables“, also Mini-Computer, eingebaut werden und über Sensoren Daten sammeln. Vorstellbar wäre etwa, dass die Wanderkleidung die Körpertemperatur misst und einen Alarm an die nächstliegende Rettungsstation sendet, wenn die Temperatur des Trägers stark absinkt. Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt, denn prinzipiell kann jeder Gegenstand mit einem Computer und mit Sensoren ausgestattet und mit dem Internet vernetzt werden.

Evolution des Internets
„Man muss den größeren Kontext
der Evolution des Internets betrachten“, sagt Schahram Dustdar, Informatik-Professor an der TU Wien und Leiter des Arbeitsbereichs „Verteilte Systeme“ (Distributed Systems). Die Internettechnologie wurde „Ende der 1960er-Jahre entwickelt, damit die Menschen über eine Maschine miteinander kommunizieren können. Daraufhin folgte die Entwicklung des Web.“
Der nächste Schritt war das Internet der Software-Services – jetzt konnten Software-Programme per Internet miteinander kommunizieren. „Was noch bleibt“, sagt Dustdar, „sind die physischen Dinge“ – und damit auch die Kommunikation zwischen Gegenständen, die „machine-to-machine communication“. Das ist es, was derzeit die Technologie- und IT-Firmen der Welt, aber auch Regierungen, Stadtverwaltungen und Unternehmen von Handel über Logistik bis zu industrieller Produktion interessiert. Hier wird geforscht, was das Zeug hält.

Von Paket bis Amtsersatz
Einige Beispiele: In Dortmund forscht das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik an einem „Paradigmenwechsel in der logistischen Welt“. Es werden Logistiksysteme entwickelt und optimiert, bei denen die Waren ihren Weg zum Ziel selbst organisieren. Im Internet der Dinge sieht man die Lösung: Pakete können sich selbst steuern und wissen, wo’s langgeht.
Der IT-Ausrüster Cisco investiert viel in die Entwicklung von IoT-Anwendungen. Der neue Cisco-Chef Chuck Robbins glaubt gar, im Jahr 2030 würden 500 Milliarden Dinge mit dem Internet verbunden sein. Cisco liefere „den Bauplan, um unbelebte Dinge miteinander zu vernetzen“. So hat der Konzern am Hamburger Hafen Lkw-Parkplätze mit Sensoren ausgerüstet: Lkw-Fahrern wird automatisch gemeldet, wo ein Platz frei ist. In Barcelona und Nizza hat man BürgerInnenkioske installiert, an denen Menschen einen neuen Pass beantragen oder die Steuererklärung abgeben können, ohne ein Amt betreten zu müssen. Auch viele kleinere Unternehmen wie etwa die österreichische IT-Firma TTTech, die weltweit rund 400 MitarbeiterInnen hat, setzen auf das IoT. TTTech entwickelt unter anderem Lösungen für selbstfahrende Autos.

Riesenerwartungen
Das Internet der Dinge weckt Riesenerwartungen von Wirtschaft und Politik. Studien werfen nur so mit Milliardenbeträgen um sich. So rechnet die Unternehmensberatung Accenture in der im Jänner präsentierten Studie „Winning with the Industrial Internet of Things“ damit, dass das Internet der Dinge bis 2030 mit 14,2 Billionen US-Dollar zur globalen Wirtschaftsleistung beitragen könnte.
Allerdings ist dies nur ein potenzieller Betrag, denn aus Sicht von Accenture würden weder Unternehmen noch Regierungen ausreichende Anstrengungen zeigen, um die Voraussetzungen zur umfangreichen Verbreitung neuer digitaler Technologien zu schaffen. Dazu gehört etwa der Ausbau der Netze, welche die enormen Datenmengen transportieren können. Noch agiere der Großteil der Unternehmen vor allem deshalb zurückhaltend, weil sie noch nicht wissen, wie sie mit den neuen Technologien Geld verdienen können. Vermutlich ist das aber nur eine Frage der Zeit. Denn die Befragung von 1.400 Führungskräften globaler Unternehmen ergab: Mit dem Internet der Dinge verbindet man die Steigerung der Produktivität und die Senkung der Betriebskosten.

Jobabbau und neue Berufe
Das weckt natürlich Sorgen. Produktionshallen, Logistikzentren und Transportmittel werden weniger menschliche Arbeitskraft benötigen. Frank Bsirske, Chef der deutschen Gewerkschaft ver.di, sagte Anfang des Jahres: „Ganze Berufsfelder sind von der Digitalisierung bedroht.“ Große Sparpotenziale bei Arbeitsplätzen drohen, und so entstehe eine Automatisierungsdividende. Diese müsse in neue Arbeitsplätze investiert werden, etwa im Erziehungs- und Gesundheitsbereich – und das müssten Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften fördern. Bsirskes österreichischer Kollege Wolfgang Katzian, Vorsitzender der GPA-djp, sagt: „Natürlich kommen auf dem Arbeitsmarkt einige Branchen durch den digitalen Wandel gehörig unter Druck. Beispielsweise schreibt niemand mehr Enzyklopädien. Wenn wir etwas wissen wollen, suchen wir es nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln im Wohnzimmer, sondern im Internet.“ Im Verlagswesen, im Journalismus, aber auch im Handel, Finanzbereich und der Industrie würden sich gewaltige Veränderungen bei den Arbeitsabläufen und ein Arbeitsplatzabbau zeigen. Allerdings entstünden auch neue Berufsfelder, wie die IT-Forensik oder die Big-Data-Analyse. Die Tatsache, dass Robotik menschliche Arbeitskraft teilweise ersetze, sei ein guter Grund, „die frei werdenden Kapazitäten für eine Arbeitszeitverkürzung zu nutzen anstatt zum Jobabbau“. Der Gewerkschaft gehe es darum, bestehende und neu entstehende Arbeitsplätze so zu gestalten, „dass sie ein finanziell und sozial abgesichertes Leben ermöglichen. Dafür brauchen wir auch eine starke und handlungsfähige öffentliche Hand.“

Offene Fragen
Einsatzbereiche des Internets der Dinge, die vielen zugutekommen, sind Entwicklungen im Bereich Smart Cities. Hierzu wird an der TU Wien eifrig geforscht, Software und Prototypen gebaut, die es ermöglichen, Geräte wie etwa Klimaanlagen oder Verkehrsampeln steuerbar zu machen und miteinander in Beziehung zu setzen. Auf dem Weg zu einem umfassenden Internet der Dinge gibt es laut Informatik-Professor Dustdar „nur Probleme, wo man hinschaut“. Es beginnt bei der Sicherheit, immerhin lässt sich alles hacken, was mit dem Internet verbunden ist.
Es geht weiter bei der Frage: Wie rechnet man mit dem Kunden ab? Und: „Was für mich noch stärker wiegt, ist das Thema Privacy: Das Empfinden der Privatsphäre ändert sich stark.“ Schon jetzt wird in den sozialen Medien meist kein Geldbetrag bezahlt, denn der Preis für die Nutzung sind die eigenen Daten. „Daten sind das Öl der Gegenwart“, so Dustdar. Er kann sich vorstellen, dass man in Zukunft mit dem Auto kostenlos von A nach B gebracht wird, wenn man Werbung über sich ergehen lässt.
Der Forscher macht sich solche Gedanken, obwohl es reichen würde, die Technologie voranzutreiben. Für ihn geht es beim Internet der Dinge aber auch um eine philosophische Frage: „Was ist der Mensch? Was soll der Mensch machen? Lebt er, um zu arbeiten? Arbeitet er, um zu leben?“ Die Technologisierung werde langfristig dazu führen, dass die Menschen kürzer arbeiten. Was sie mit der gewonnenen Zeit anfangen, werde sich zeigen – und es müsse nicht nur positiv sein. Aber: „Wir können diesen Prozess durch Technologieskepsis nicht aufhalten, denn es ist ein globales Thema.“ Zwar ist das IoT schon im Einsatz, trotzdem stehen wir bei der Entwicklung laut Dustdar erst am Anfang. Ein wenig Zeit ist also noch, sich auch die philosophischen Fragen zu stellen.

Linktipps:
Accenture-Studie:
tinyurl.com/p7up9gy
TU Wien zum Thema Smart Cities:
http://energiewelten.tuwien.ac.at/forschung/smartcity

Blogtipp:
www.das-vernetzte-leben.de

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin alexandra.rotter@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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