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Motoren am laufenden Band in Steyr Nach Studien in den Ford-Werken in den USA begannen die Steyr-Werke 1924 mit der Fließbandproduktion von Autos. "Fordismus" wurde zum Fachbegriff für die rationalisierte Produktion von Massenkonsumgütern vor der Elektronikrevolution.

Eine Fehlrationalisierung

Historie

Die technische und logistische Industrierevolution der 1920er-Jahre stellte die Gewerkschaften vor damals unbekannte Herausforderungen.

Spät, aber doch begann in den 1920er-Jahren auch in Österreich die Fließbandrevolution. Technologische Innovationen, verbunden mit einer Durchrationalisierung der Arbeitsabläufe, erlaubten eine massive Steigerung der Produktivität. Neue Arbeitssituationen und Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt, eine Zunahme der ohnehin durchgehend hohen Arbeitslosigkeit inklusive, waren die Folgen. Die Gewerkschaften sahen sich völlig neuen und in neuer Gestalt auftretenden alten Fragestellungen gegenüber.
1929 veröffentlichte der „Ausschuss für gewerkschaftliche Rationalisierungspolitik“ im freigewerkschaftlichen „Bund der Industrieangestellten“ das Ergebnis seiner Recherchen und Analysen zur aktuellen Entwicklung. Drei Jahre später, schon mitten in der großen Weltwirtschaftskrise, fasste die Arbeiterkammer-Expertin Käthe Leichter die wichtigsten Schilderungen und Aussagen dieser Studie kritisch zusammen:

Wie stark … die Rationalisierung tatsächlich den Arbeiterstand in den Betrieben … beeinflusst hat, zeigen einige Beispiele … In einer österreichischen Metallwarenfabrik waren 1913 zur Herstellung von zirka 3 Millionen Stück einer wertvollen Massenware 1480 Arbeiter notwendig, 1927 zur Herstellung von 5,8 Millionen Stück nur 357. Während die Produktion um 94 Prozent stieg, sank die Arbeiterzahl um 76 Prozent. Die Zahl der Angestellten ist dagegen um 137 Prozent gestiegen – bezeichnend für die Verschiebungen, die der Rationalisierungsprozess im Verhältnis von Arbeitern und Angestellten mit sich bringt. Ein … Betrieb der Metallindustrie hat seit 1924, als mit der Rationalisierung im vollen Umfang eingesetzt wurde, bis 1927 rund 64 Prozent der Arbeiter abgebaut, ein Großbetrieb der Lebens- und Genussmittelindustrie in vier Jahren der Rationalisierung 48 Prozent. In den Brauereien von Schwechat, St. Marx und Simmering hat die im Jahre 1926 einsetzende Rationalisierung es ermöglicht, dass 1200 Arbeiter so viel erzeugen wie früher 1500.

Aus dem Bericht der Reichskommission der Freien Gewerkschaften für den Gewerkschaftskongress 1928 entnahm Käthe Leichter ein weiteres Beispiel:
Vor der Inbetriebsetzung des laufenden Bandes in der Fahrradabteilung eines österreichischen Betriebes erzeugten 360 Arbeiter monatlich durchschnittlich 600 Fahrräder. In der Fließarbeit werden von 290 Arbeitern monatlich durchschnittlich 700 Fahrräder erzeugt. Das ergibt eine Ersparnis von Arbeitskräften von 24 Prozent bei einer gleichzeitigen Erhöhung der Erzeugung von 16,6 Prozent. Die Leistung pro Arbeiter ist demnach in der Fließarbeit um 45 höher als vorher.

Die zunehmende Freisetzung von Arbeitskräften durch die Rationalisierung und darüber hinaus die Tatsache, dass die – durchaus erzielten – Lohnsteigerungen hinter der Steigerung der Arbeitsproduktivität zurückblieben, stelle wirtschaftlich betrachtet eine Fehlrationalisierung dar, so Leichters Schlussfolgerung. Diese Entwicklung weise die Gewerkschaften mit ihren Aufgaben klar über die bloße Lohnpolitik hinaus zu einer Politik, die den gesamten Wirkungen der Rationalisierung entgegentritt.

Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at

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