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Symbolbild zum Bericht "In der Prekarisierungsgesellschaft sind alle - bis auf eine schmale Schicht von finanziell Superabgesicherten - existenzieller Verunsicherung ausgesetzt", so Oliver Marchart.
Buchtipp

Disziplinierungsverhältnisse

Schwerpunkt

Unsichere und atypische Arbeitsverhältnisse werden zur Norm. Das diszipliniert. Auch die Stammbelegschaften.

Prekariat ist überall“, betitelte der Soziologe Pierre Bourdieu bereits 1998 einen Essay, in dem er sich mit den Folgen der Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auseinandersetzte. Der 2002 verstorbene politische Vordenker beschrieb darin den Beginn einer Entwicklung unstabiler Arbeitsverhältnisse, bei denen vorausschauende Lebensplanung kaum möglich ist und die mühsam errungenen sozialen Mindeststandards zunehmend untergraben werden.

Über Nacht

Die Lebensplanung des Grafikers Herbert M. (47) etwa wurde fast über Nacht auf den Kopf gestellt. Er war 15 Jahre im selben Unternehmen tätig. Auch heute ist er noch dort. Allerdings als freier Dienstnehmer. „Auftragslage schlecht“, hieß es. Die Folgen: ein Reallohnverlust von rund 50 Prozent. Herbert M. fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Wie lange er sich die Miete, die nunmehr mehr als ein Drittel seines Einkommens ausmacht, noch leisten kann, ist fraglich. Das Auto hat er verkauft, er schaut sich nach einer kleineren Wohnung um.
Maria H. (52) hat Angst. Für eine berufsbegleitende Ausbildung als Physiotherapeutin hatte sie einen Kredit aufgenommen. Doch nun ist sie arbeitslos, für die Ausübung ihres neuen Gewerbes fehlen ihr eine Prüfung und der entsprechende Kundenstock. Sie lebt, nach Abzug aller Fixkosten, von rund 180 Euro im Monat, die sie mit einigen Physiotherapiestunden aufbessert. „Grundsätzlich sind alle Branchen von Prekarisierung betroffen“, berichtet Veronika Kronberger, Hauptansprechperson der Interessengemeinschaften work@flex, work@education und work@social der Gewerkschaft GPA-djp. „Auch die prestigeträchtigen, wie Medien, PR, Journalismus und Marketing.“

Verunsicherung

„In der Prekarisierungsgesellschaft sind alle – bis auf eine schmale Schicht von finanziell Superabgesicherten – existenzieller Verunsicherung ausgesetzt“, diagnostiziert der Philosoph Oliver Marchart, „und das schon allein deshalb, weil die sozialen Sicherungssysteme an Erwerbsarbeit gekoppelt sind, deren Status zunehmend prekär wird.“
In der sozialwissenschaftlichen Debatte wird häufig auf die Definition von Robert Castel zurückgegriffen, der eine Unterteilung der heutigen Lohnarbeitsgesellschaft in drei Zonen vorschlägt: die der Integration mit stabilen Arbeitsverhältnissen. Die der „Entkoppelung“ mit der, um im neoliberalen Jargon zu bleiben, „Reservearmee der ‚Überflüssigen‘ und sozial Ausgegrenzten“. Dazwischen fungiert die „Zone der Verwundbarkeit“, des Prekariats also, als „instabile Zwischenzone“.
Die soziale Verunsicherung, so der deutsche Soziologe Klaus Dörre, habe bereits die Zone der Integration, den Typus der „Gesicherten“, erreicht, stünde doch Prekariat als ständige Drohung vor Augen. So könne zum Beispiel eine nur kleine Gruppe von LeiharbeiterInnen „die Disziplinierung der fest angestellten Stammbelegschaft befördern“, die ein „diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit zu beschleichen beginnt“. Prekär ist eine Beschäftigung dann, definiert Dörre, wenn sie nicht dauerhaft oberhalb eines gesellschaftlich definierten Minimums Existenz sichernd ist und deshalb in den Dimensionen Arbeitszufriedenheit, soziale Anerkennung, Partizipation und längerfristige Lebensplanung dauerhaft diskriminiert. Die Formen sind nach Bildung unterschiedlich und doch gleich: der/die AkademikerIn im ewigen Projekt, der/die ArbeiterIn im Niedriglohnsektor, die Zugewanderte, die im Haushalt putzt.

Irreführende Bezeichnung

Laut Sozialbericht 2013–2014 beziehen die obersten 20 Prozent der LohneinkommensbezieherInnen fast 50 Prozent aller Einkommen, die untersten 20 Prozent kommen auf nur zwei Prozent. Als eine der Ursachen der steigenden Ungleichheit der Einkommen wird die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse angeführt. „Das Phänomen atypischer Beschäftigung hat sich mittlerweile in fast allen Bereichen der Arbeitswelt festgesetzt, sodass die Bezeichnung nahezu irreführend geworden ist“, meint GPA-djp Vorsitzender Wolfgang Katzian in der Broschüre „Betriebsrat – Freund oder Feind atypisch Beschäftigter?“. Vielmehr müsse von rechtlich benachteiligten ArbeitnehmerInnen gesprochen werden. Unter den Forderungen der Gewerkschaften sind: gleicher Lohn für alle, Einbeziehung in die jeweiligen Kollektivverträge oder die Ausdehnung des ArbeitnehmerInnenbegriffs auf jene, die im Auftrag und auf Rechnung anderer Arbeit leisten und in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis stehen.
Beispiele aus der Praxis zeigen, dass BetriebsrätInnen ihre „atypischen“ KollegInnen durchaus einbeziehen können. Sie können bei Verhandlungen mit der Geschäftsführung auch die Anliegen der „Freien“ einbringen, AnsprechpartnerInnen bestimmen oder zu Betriebsversammlungen einladen.

Rasch am Rand

„In den letzten Jahren hat sich die Lage unserer Klienten und Klientinnen massiv verändert“, sagt Bernhard Litschauer-Hofer, Sozialberater im Bereich Wohnungslose und Asylwerbehilfe des Arbeiter-Samariter-Bundes. „Sie sind wesentlich jünger, höher verschuldet und haben schlechte bis keine Ausbildung.“ Wobei es immer wieder vorkäme, dass auch Menschen mit einem oder mehreren akademischen Titeln auf der Straße landen. „Es geht wesentlich schneller, aus dem sozialen System herauszufallen.“
Die „klassischen Erwerbsarbeitskarrieren der Obdachlosen sind gekennzeichnet von Jobs in Branchen, wo alle so glücklich sind, dass wir billig konsumieren können“, kritisiert Litschauer-Hofer. „Da zahlt natürlich jemand einen Preis.“ Prekär ist auch die Lage jener MitarbeiterInnen im Sozialbereich, die als „Saisonarbeitende“ tätig sind, etwa bei den Wintermaßnahmen der Stadt Wien. Dort werden einheimische Wohnungslose und „Armutsreisende“ aus den Nachbarländern betreut. Der Verdienst ist gering, viele sind in den Sommermonaten arbeitslos.

Prekäre Pflege

Prekär ist auch die Lage im sogenannten Care-Bereich, vor allem in der mobilen Pflege. Hier liegt die Entlohnung bei 30 Wochenstunden nur knapp über der bedarfsorientierten Mindestsicherung. 94 Prozent davon sind Frauen, die meisten Migrantinnen. „Sie wissen kaum über ihre Rechte Bescheid und arbeiten unter zum Teil fürchterlichen Bedingungen“, berichtet Veronika Kronberger von der Interessengemeinschaft social@care. „Die größten Probleme sind in dieser Hinsicht die hohe Teilzeit und die vielen ‚zerstückelten‘ Arbeitszeiten, die eine Existenz sichernde Beschäftigung verhindern. Gleichzeitig gibt es permanenten Personalmangel, der ad hoc Einsatz erfordert. Dadurch wird selbst die Arbeitszeit nicht planbar“, meint Ingrid Moritz, Leiterin der AK-Abteilung Frauen und Familie. Ein Thema für sich ist die Lage der 24-Stunden-Kräfte. „Das Problem ist, dass hier gesetzliche Regelungen geschaffen wurden, die nicht mit den Arbeitsrechtsstandards vereinbar sind“, sagt Ingrid Moritz. „Die Bezahlung ist sehr niedrig, die Lage der Pflegerinnen hängt davon ab, in welchen Haushalt sie kommen.“
Zunehmend prekär sind die Arbeitsverhältnisse für die junge Generation. Die im Juli 2014 eingerichtete Plattform www.watchlist-praktikum.at verzeichnet mittlerweile mehr als 80.000 Klicks. Hier können PraktikantInnen anonym Rechtswidrigkeiten melden. Die Angaben werden zur Prüfung an die jeweilige Gebietskrankenkasse weitergeleitet. Weit mehr als 300 Unternehmen aus allen Branchen wurden als schwarze Schafe identifiziert. „Die Zahl der Anfragen ist erschreckend hoch“, berichtet Kronberger von der „Plattform Generation Praktikum“.
Prekär ist auch die Lage bei Älteren, insbesondere Frauen. Ingrid Moritz: „Armut beginnt damit, dass viele Frauen für sich allein kein Existenz sicherndes Einkommen haben, wenn sie in Paarbeziehung leben. Frauen verrichten wesentlich mehr unbezahlte Arbeit. Und nun, wo für die Pension alle Versicherungsjahre zählen und nicht mehr die besten 15 Jahre, geht die Schere im Alter weiter auf. Sehr viele Frauen haben jetzt eine Pension, von der man eigentlich nicht leben kann.“

Internet:
Hier finden Sie auch den neuen Leitfaden durch den Paragraphendschungel für freie DienstnehmerInnen, freie WerkvertragsnehmerInnen und PraktikantInnen:
www.gpa-djp.at/flex

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adsa.mueller@gmail.com
oder die Redaktion
aw@oegb.at

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