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Symbolbild zum Bericht Gesellschaften mit gerechter Verteilung sind fast in jeder Beziehung besser, denn dort sind die Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle gegeben.
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Gleichheit ist Glück

Schwerpunkt

Gesellschaften mit gerechter Verteilung sind fast in jeder Beziehung besser, und zwar für alle.

Wie viel Geld Sie einmal verdienen werden, welche Bildung und – falls überhaupt – welche Jobs Sie einmal bekommen werden, wie gesund Sie sein und wie lange Sie leben werden: All das stand zu einem ganz großen Teil schon bei Ihrer Geburt fest. Dass dem so ist, hat nichts mit Schicksalsglauben oder Wahrsagekünsten zu tun. Vielmehr liegt es allein daran, dass die eigene Herkunft und dabei vor allem die Staatsangehörigkeit und das Einkommen der Eltern in unserer Gesellschaft entscheidend für die Lebensmöglichkeiten von Menschen sind. Dazu kommen Faktoren wie Geschlecht oder Hautfarbe, die mit über unser Leben bestimmen.
Wer am Start schon benachteiligt ist, die oder den werden auch Anstrengung und Fleiß im restlichen Leben nur wenig weiterbringen. Die Nachteile nämlich können auch durch den stärksten Sprint kaum mehr ausgeglichen werden. Ausnahmen, also Menschen, die es tatsächlich vom sprichwörtlichen Tellerwäscher zum Millionär bringen, bestätigen auch hier nur die Regel. Armut vererbt sich wie Reichtum. Aus armen Kindern werden im Normalfall arme Eltern, aus reichen Kindern reiche Eltern. Das ist auch in Österreich so.

Die Schere geht auf

Die Unterschiede zwischen Arm und Reich haben sich in den letzten Jahren weiter verstärkt. So ist der Lohnanteil der am wenigsten verdienenden 20 Prozent der Bevölkerung um acht Prozent gesunken, während die obersten 20 Prozent der ArbeitnehmerInnen um weitere sechs Prozent mehr vom Lohnkuchen bekommen. Besonders krass ist die Ungleichverteilung beim Vermögen, also beim Besitz von Sachvermögen wie Immobilien und Autos sowie beim Finanzvermögen wie Aktien, Anleihen, Firmenbeteiligungen.
Wäre Österreich ein Land mit 1.000 EinwohnerInnen, würde einem davon ganz allein mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens gehören, während sich die restlichen 999 den Rest teilen müssten. Und auch unter ihnen gibt es gravierende Unterschiede. Denn die ärmere Hälfte, also immer noch 500 Personen, besitzt miteinander weniger als drei Prozent des gesamten Vermögens. Das ärmste Drittel, über 300 Leute, hat sogar gar kein Vermögen, auch kein Sparbuch mit einem Reservetausender für den Notfall. Fast die Hälfte von ihnen muss auch mit einem Einkommen auskommen, das unter der Armutsgrenze liegt. Das bedeutet für mindestens 50 von ihnen – also für jene fünf Prozent, die von manifester Armut betroffen sind –, dass sie mit massiven Einschränkungen im Alltag leben müssen, also dass sie etwa in einer kleinen, schlechten, oft sogar gesundheitsschädigenden Wohnung wohnen, sich im Winter das Aufdrehen der Heizung nicht leisten können, kein Obst für die Schuljause haben, den nötigen Zahnarztbesuch immer wieder verschieben müssen oder mit der Miete in gefährlichen Rückstand kommen. Es bedeutet auch, immer mehr an Kontakten zu verlieren, weil man sich für die eigene Situation schämt und es sich zudem nicht mehr leisten kann, Verwandte oder FreundInnen gelegentlich zu sich nach Hause einzuladen und zu bewirten1.

Ungleichheit ist kein Naturereignis

Die ungleiche Verteilung von Einkommen, Vermögen und damit Lebenschancen ist jedoch kein Naturereignis. Sie ist menschengemacht, und sie zu verändern, liegt in reichen Ländern wie Österreich allein am politischen Willen der EntscheidungsträgerInnen. Was sozioökonomische Ungleichheit aber mit einer Naturkatastrophe gemein hat, ist der massive Schaden, den sie anrichtet. Ein Schaden, der – ähnlich wie ein Wirbelsturm oder eine Überschwemmung – nicht nur die Ärmsten trifft, sondern ganze Gesellschaften zerstört. Kriminalität, Drogenkonsum, Teenager-Schwangerschaften, Depressionen, Fettsucht, all diese und weitere Probleme nehmen zu, je ungleicher die ökonomische und soziale Lage in einem Land ist. Das haben unzählige Studien der letzten Jahrzehnte bewiesen. Die britischen Ungleichheits- und GesundheitsexpertInnen Richard Wilkinson und Kate Picket haben die Ergebnisse vor einigen Jahren in einem Buch zusammengefasst und kommen in ihren Analysen zu dem Schluss, dass Gesellschaften mit gerechter Verteilung fast in jeder Beziehung besser sind. Denn Wirtschaftswachstum und die Zunahme an Reichtum bringen wenig, wenn dieser Reichtum nicht gerecht verteilt wird. Je größer die Einkommensdifferenzen zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel der Gesellschaft, desto größer die AnalphabetInnenrate und die Kriminalität. Depressionserkrankungen sind in den USA dreimal so häufig wie im sozial weit weniger gespaltenen Belgien, in Großbritannien sind Teenager-Schwangerschaften fünfmal so häufig wie in Schweden oder den Niederlanden.
Das gilt auch für Zeiten der Krise, auch wenn mit Verweis auf fehlendes Wirtschaftswachstum und zunehmende Krisenszenarien von PolitikerInnen und Medien hartnäckig darauf verwiesen wird, dass wir uns höhere Steuern und noch mehr Sozialausgaben schlicht nicht mehr leisten könnten und sparen müssten. Ein Blick auf Studien und Erfahrungen, gerade auch im Umgang mit Krisen, zeigt deutlich, dass Einsparungen im Sozial-, Gesundheits-, Bildungs- und im Infrastrukturbereich auch und gerade in Zeiten der Krise kontraproduktiv wirken, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Ungleichheit verschärfen.
Erhebungen zu Lebensqualität und Wohlergehen von Menschen belegen, dass die Zunahme an Reichtum ab einer gewissen Grenze das eigene Lebensglück kaum mehr erhöhen kann. Im Gegenteil mehren sich sogar die Zeichen, die deutlich machen, dass eine bestimmte Art des Überflusses unglücklich und krank macht. „Affluenza“ nennt der britische Bestsellerautor Oliver James diesen „Virus“, den er als Ausfluss eines egoistischen Kapitalismus sieht, der sich in übersteigerter Bedeutung von Geld, Besitz, Erscheinungsbild und Status äußert. Wohlfühlen und Lebensglück – das bestätigen wohl auch unsere eigenen Erfahrungen – haben hingegen mehr mit Zufriedenheit denn mit Überfluss oder gar der Gier nach immer mehr zu tun.

Möglichkeiten und Bedingungen

Die notwendigen materiellen Grundlagen für ein Leben in Würde und Freiheit müssen freilich gegeben sein, also etwa existenzsichernde Mindestlöhne und Sozialleistungen, gute und leistbare Wohnungen, Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsversor-gung und -vorsorge, öffentlicher Verkehr, qualitätsvolle Kinderbetreuungseinrichtungen. Dabei geht es letztlich nicht darum, was Menschen haben, sondern vielmehr darum, was sie tun und sein können. Es geht also um unsere Möglichkeiten und um die Bedingungen, die es braucht, um diese Möglichkeiten auch in die Realität umsetzen zu können. Auch eine gleiche Startposition bringt nicht viel, wenn der weitere Lebenslauf voller Hindernisse ist und uns z. B. im Schulsystem und am Arbeitsmarkt gravierende Ungleichheiten erwarten.
Materielle Grundlagen wie die oben genannten sind eine wichtige Voraussetzung für ein gelingendes, glückliches Leben, es geht aber auch um Anerkennung, Gestaltungsmöglichkeiten und Zugehörigkeit. Es geht um die Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen, politische und ökonomische Rahmenbedingungen und damit auch das gesellschaftliche Miteinander mitzubestimmen, um Gelegenheit für Erholung, für Sport, Spiel und Muße und nicht zuletzt um Zeit für Beziehungspflege und die Möglichkeiten, achtsam und gut miteinander zu leben und füreinander zu sorgen.
Studien zeigen, dass all dies in Gesellschaften mit gleicher Verteilung besser funktioniert. Sie machen deutlich, dass nicht nur die untersten Einkommensschichten profitieren, sondern es auch den Mittelschichten und der Gesellschaft insgesamt besser geht, je gleicher Einkommen und Vermögen verteilt werden. Bildungsergebnisse und Lebenserwartung sind in den Gesellschaften mit gerechter Verteilung sogar für die obersten Einkommensschichten besser. Umwelt- und Klimabelastungen sind niedriger, Stressbelastung und Depressionen geringer, das Vertrauen zueinander deutlich höher. Kurz: Es sind die Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle gegeben.

Internet:
Weitere Informationen zu Armut, Ungleichheit und Verteilungsgerechtigkeit:
www.armutskonferenz.at
www.wege-aus-der-krise.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin
michaela.moser@fhstp.ac.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at

1 Quellen: www.jahoda-bauer-institut.at; www.armutskonferenz.at

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