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Symbolbild zum Bericht Die Anzahl derjenigen, die in Griechenland ankommen, ist im Vergleich zum Vorjahr rasant gestiegen. Zugleich gibt es zu wenig Unterkünfte.

Mittellos und ohne Schutz

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Trotz Krise steigt auch in Griechenland die Zahl der MigrantInnen. Die Sparpolitik aber führt dazu, dass sie weitgehend auf sich selbst gestellt sind.

Taha hat es eilig. Er ist vor einem Monat mit einem Boot gemeinsam mit weiteren 150 Flüchtlingen aus Afrika auf der Insel Gavdos südlich von Kreta gestrandet. Sie sind von Ägypten und Libyen aus gestartet, eigentlich wollten sie nach Italien, doch ihr Boot geriet vor einem der südlichsten Punkte der EU in Seenot. Die etwa 80 EinwohnerInnen von Gavdos haben versucht, die Flüchtlinge mit Essen und medizinischer Hilfe zu versorgen, und das, obwohl die EinwohnerInnen selbst unter den Folgen der schweren Schuldenkrise leiden. Die Insel war zu diesem Zeitpunkt wegen schlechten Wetterbedingungen zudem von Schiffverkehrsverbindungen abgeschnitten.

Keine Hilfe

Als die starken Winde aufgehört hatten und ein Verkehrsschiff die Insel erreichen konnte, wurden die Flüchtlinge über Kreta nach Athen transportiert. Dort wurden sie freigelassen, mit einem Papier in der Hand, das es ihnen für sechs Monate erlaubt, in Griechenland zu bleiben. Taha ist 40 Jahre alt, in seinem Heimatland Sudan hat er als Lehrer gearbeitet. Mit dem Papier kann er nichts anfangen: Als er und seine mitreisenden Schutzsuchenden in Piräus aus der Fähre ausgestiegen sind, wussten sie nicht, wohin. „Wir bekommen von nirgendwo Hilfe. Wir wohnen zurzeit in einem Untergeschoß in Athen, mehrere Flüchtlinge zusammengequetscht in einem Zimmer. Es gibt keine Arbeit und keine Möglichkeit, hier überleben zu können, selbst wenn wir Asyl bekommen“, sagt Taha. Deswegen muss er so schnell wie möglich raus aus Griechenland. Denn jeder Tag hier kostet ihn Geld. Er muss für die Übernachtung in dem überfüllten Zimmer zahlen und Essen finden. Falls er überhaupt Asyl beantragen kann, muss er mehrere Monate warten, bis er den Flüchtlingsstatus bekommt. Und materielle Hilfe vom griechischen Staat ist derzeit ausgeschlossen. Vielleicht bekommt er noch einen Teller Essen täglich bei einer Suppenküche in der griechischen Hauptstadt.

Asylbehörde überlastet

Zugang zur Asylbehörde zu bekommen ist gegenwärtig fast unmöglich. Erst Ende Mai gab sie bekannt, dass sie wegen personeller Unterbesetzung Anträge nur noch per Skype aufnehmen, die schon ausgemachten Interviews führen sowie andere administrative Dinge abarbeiten kann. Erschwerend kommt dazu, dass viele NGOs, die Flüchtlingen helfen, selbst in einer sehr schwierigen finanziellen Lage sind. Taha bleibt nichts übrig, als mit dem wenigen Geld, das ihm übrig geblieben ist, durch Schlepper den Weg aus Griechenland heraus zu finden: mit gefälschten Papieren per Flug in ein anderes Land der EU oder zu Fuß entlang der Bahnschienen durch die Balkanstaaten Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM) und Serbien in Richtung EU.
Diesen Weg wählen in letzter Zeit immer mehr Flüchtlinge, denn es ist die billigste Möglichkeit, nach Mittel- oder Nordeuropa zu gelangen. Billig, aber gefährlich, denn immer wieder kommen Menschen auf diesem Weg zu Tode. Im April etwa wurden 14 Flüchtlinge aus Afghanistan und Somalia in der FYROM von einem Zug überfahren. Vor ein paar Monaten erlitt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind das gleiche Schicksal.
An der Grenze zwischen Griechenland und der FYROM sowie in den griechischen Hafenstädten Patras und Igoumenitsa warten aktuell Hunderte Flüchtlinge darauf, ausreisen zu können. Gleichzeitig ist die Anzahl derjenigen, die in Griechenland ankommen, im Vergleich zum Vorjahr rasant gestiegen. Im ersten Quartal 2015 wurden nach Angaben der griechischen Polizei 36.172 Menschen wegen „illegaler Einreise“ oder „illegalem Aufenthalt“ festgenommen – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 13.353.

Regierung überfordert

Die linksgerichtete Regierung von Alexis Tsipras ist überfordert. Trotz der sehr hohen Anzahl von Ankünften – insbesondere Familien, minderjährige Flücht-linge und andere gefährdete Fälle – gibt es in Griechenland weniger als 1.000 Plätze in Einrichtungen für Flüchtlinge.
Die meisten Gelder, die aus europäischen Kassen für die Verwaltung der Flüchtlingsströme nach Griechenland geflossen sind, verwendeten die vorherigen Regierungen für die Inhaftierung von Papierlosen, klagt die jetzige Regierung. So landen viele der Schutzsuchenden auf der Straße. Auf dem Omonia-Platz im Herzen der griechischen Hauptstadt oder auf dem Aristotelous-Platz im Zentrum von Thessaloniki begegnet man immer öfters obdachlosen Flüchtlingen aus Syrien und anderen Krisenländern. Oft haben mittellose Asylsuchende in Griechenland, die keine Verwandten im Ausland haben, die sie finanziell unterstützen, keine Möglichkeit, zu überleben, und landen im Drogenhandel oder in der Prostitution.

Lage wesentlich verschlechtert

Schon vor der Krise waren die Flüchtlinge und MigrantInnen eine gefährdete Gruppe in Griechenland. Jetzt hat sich ihre Lage wesentlich verschlechtert, erklärt Yunus Mohammadi, Präsident des griechischen Flüchtlingsforums und selbst afghanischer Flüchtling. Das Problem sei nicht nur, dass es keine Arbeit gibt oder dass die MigrantInnen oft Opfer von Ausbeutung von Arbeitnehmern und Schleppern werden.
Vor allem zeigt die von den Folgen der Krise erschöpfte griechische Gesellschaft immer mehr Toleranz gegenüber Rassismus und fremdenfeindlichen Angriffen. „Vor der Krise gab es eine starke Reaktion gegen rassistische Angriffe. Jetzt ist jeder auf seine eigenen Probleme konzentriert und die Reaktion ist nicht mehr so stark“, beobachtet Yunus. Seit Mitglieder der Neonazi-Partei Chrysi Avgi nach dem Mord des Aktivisten und antifaschistischen Rap-Musikers Pavlos Fyssas im September 2013 vor Gericht stehen, haben zwar die rassistischen Angriffe abgenommen, wie das Netzwerk für die Aufzeichnungen von Vorfällen rassistischer Gewalt feststellt. Doch die Angriffe gegen Flüchtlinge und MigrantInnenen machen immer noch den Großteil der Registrierungen in ihren Berichten aus. Das Netzwerk stellte fest, dass sich die griechische Gesellschaft an die Gewalt gegen Einzelpersonen, die auf die eine oder andere Art als „anders“ wahrgenommen werden, zunehmend gewöhnt.
Die Stimmung in Griechenland und die katastrophale Wirtschaftslage bringen immer mehr MigrantInnen und Flüchtlinge, die in Griechenland ihr Leben aufgebaut haben, dazu, das Land für ein anderes europäisches Land zu verlassen. Um als MigrantIn in Griechenland eine Arbeit zu finden, muss das Arbeitsamt zunächst sichergestellt haben, dass kein Grieche oder keine Griechin die gleiche Arbeitsstelle beansprucht. Seit mehr als eineinhalb Jahren werden die Arbeitsgenehmigungen nicht mehr erneuert und keine neuen erstellt, sagt Nasim Lomani vom Netzwerk für die soziale Unterstützung von Flüchtlingen und MigrantInnen. Dies zwingt sie in den Schwarzmarkt. Die Anzahl der Beschwerden über Arbeitgeber, die den MigrantInnen ihre Löhne nicht bezahlen, hat in den letzten Jahren rasant zugenommen.

Positive Zeichen

Trotz der schwierigen Situation gibt es einige positive Zeichen, seitdem die Linke an die Macht gekommen ist, meinen die meisten der RepräsentantInnen von Flüchtlingsgemeinden im Gespräch. Das herabwürdigende Wort lefrometanastes (illegale Einwanderer) ist nicht mehr so stark präsent in der öffentlichen Debatte und in den Medien wie vorher. „Wir haben jetzt das Recht, an der Tür des Migrationsministeriums zu klopfen. Die Regierung hat gezeigt, dass sie den Willen hat, das Thema auf europäische Ebene zu stellen und eine Lösung für die Unterbringung der Flüchtlinge zu finden“, sagt Yunus.

Zwischenstation Griechenland

Doch dies ändert nichts am Alltag von Taha und seinen Mitreisenden, die vor einem Monat in Griechenland angekommen sind. Drei von ihnen waren so verzweifelt, dass sie bereits mit einem von der EU finanzierten Rückkehrprogramm nach Darfur zurückkehrten. Sie haben zuvor mehrmals erfolglos versucht, von Griechenland aus in ein anderes europäisches Land zu gelangen. Tahar aber will nicht aufgeben. Sein Ziel ist England. Schockiert verfolgt er in den sozialen Medien die Debatte um die Militarisierung der europäischen Grenzen. „Die Welt wird immer kleiner – wie ein Flüchtlingsboot, in dem jeder mal landen könnte“, sagt er zum Abschied nachdenklich.

Internet:
Griechisches Flüchtlingsforum:
www.refugees.gr/en

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chriwilkens@yahoo.gr
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aw@oegb.at

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