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Symbolbild zum Bericht Seit 2008 hat sich die Zahl jener Haushalte mit Kindern, die sich jeden zweiten Tag kein Fleisch, Huhn oder keinen Fisch leisten können, in Estland, Griechenland und Italien verdoppelt.
Buchtipp

Aufwachsen in Armut

Schwerpunkt

Kinder sind die Leidtragenden der Weltwirtschaftskrise. Gemäß dem neuesten Report von UNICEF ist ein starkes Sozialsystem entscheidend für Armutsvermeidung.

Daniel Volkmer lebt – so sieht es zumindest für Außenstehende aus – im Paradies. Von seinem kleinen Apartment an der spanischen Küste, 30 Kilometer von Barcelona entfernt, blickt er sowohl auf die katalanische Hauptstadt als auch auf das Mittelmeer. Um zu seiner Arbeit nach Barcelona zu gelangen, fährt der gebürtige Belgier mit seinem Motorrad eine halbe Stunde die Küstenstraße entlang. Volkmer hat sich seinen Traum verwirklicht und sich in Spanien eine Existenz aufgebaut.

Finanziell stark angeschlagen

Wenn er erzählt, dass er in Spanien lebt, erntet er oft fragende und besorgte Blicke. Schließlich ist Spanien neben Portugal und Griechenland eines der Länder, das von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen war. „Mir geht es gut, als Alleinstehender brauche ich auch nicht viel“, sagt Volkmer. „Aber ich merke deutlich, wie sehr die Wirtschaftskrise zugeschlagen hat. Viele befreundete Familien sind finanziell stark angeschlagen, einige können ihren Lebensstandard nicht mehr halten.“ Es sei deutlich spürbar, dass die Armut gestiegen ist.
„Bei der örtlichen Ambulanz werden zum Beispiel Gewand und Nahrungsmittel, vor allem Konserven, gesammelt. Beim Eingang hängt ein Zettel, auf dem steht, dass man sich bewusst ist, dass bei vielen Familien, die dort zur Behandlung kommen, das Haushaltsgeld nicht mehr bis zum Monatsende ausreicht. Daher wird um Sachspenden gebeten.“ Die Armut macht vor niemandem halt. Vor allem nicht vor Kindern.

Steigende Kinderarmut seit 2008

In der industrialisierten Welt leben ca. 76,5 Millionen Kinder in Armut. Allein seit Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 fielen rund 2,6 Millionen Kinder in den reichsten Ländern der Welt unter die Armutsgrenze. Diese Zahlen veröffentlichte UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in der im Oktober 2014 veröffentlichten Publikation „Innocenti Report Card 12, Children of the Recession: The impact of the economic crisis on child well-being in rich countries“ der Studienreihe „Report Card“. Die „Report Card“ verfolgt regelmäßig die Situation der Kinder in entwickelten Ländern. Das Forschungszentrum von UNICEF, „Innocenti“, untersuchte hierfür die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Entwick-lung der Kinderarmut in der Europäischen Union sowie in den 41 Ländern der OECD.
Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 stieg die Kinderarmut in 23 der 41 untersuchten Länder an. Griechenland ist eines der Länder, in dem die Auswirkungen der Rezession am stärksten spürbar waren. Das mittlere Haushaltseinkommen sank auf den Wert von 1998. Die Arbeitslosigkeit stieg drastisch, und Kürzungen in den Sozial- und Gesundheitsleistungen waren die Folge. Die Selbstmordrate stieg zwar in ganz Europa, aber in Griechenland zwischen 2008 und 2011 um 36 Prozent. Griechenland ist das Land mit der zweithöchsten Wachstumsrate von Kinderarmut, nämlich 17,5 Prozent. Nur Island liegt mit einem traurigen Spitzenwert von 20,4 Prozent an letzter Stelle. In Spanien stieg die Kinderarmut um 8,5 Prozent. Portugal liegt mit einem Wachstum von 1 Prozent im Mittelfeld, in Österreich sank die Kinderarmut im Übrigen sogar um leichte 0,7 Prozent.
Kein Land war auf das Ausmaß und die Folgen der Rezession vorbereitet. Gemäß UNICEF-ExpertInnen wäre es ratsam gewesen, in der ökonomisch stabilen oder wirtschaftlich gar wachsenden Periode vor der Rezession das soziale Sicherheitsnetz für Kinder und Jugendliche zu festigen, um ökonomisch ungünstigen Zeiten vorzubeugen. Allerdings hat kein Land dies vorzeitig erkannt und es daher verabsäumt, Maßnahmen zu setzen, um die soziale Sicherheit der Kinder zu stärken – ganz im Gegenteil. Da die Finanzmärkte starken Druck auf die Regierungen ausübten, reagierten diese mit Budgetanpassungen. Die Maßnahmen der Eurozone, vor allem in den südlichen Ländern, führten zu einer Kürzung der sozialen Ausgaben für Kinder und Familien. „Viele wohlhabende Staaten haben einen großen Rückschritt erlitten, was ihre Budgeteinnahmen betrifft, und die Auswirkungen auf Kinder werden lang anhaltende Folgen für sie und ihre Gesellschaften haben“, sagt Jeffrey O’Malley, UNICEF-Verantwortlicher für „Global Policy and Strategy“.

Trauriges Nachspiel

Länder, die von der Krise stark betroffen waren, verzeichneten eine deutliche Verschlechterung der Situation von Familien – vor allem aufgrund des Verlustes des Arbeitsplatzes der Eltern, Unterbeschäftigung und Einschnitte in der öffentlichen Verwaltung. Der Haushalt, der größte Teil eines jeden Familienbudgets, ist der wichtigste Indikator für Armut. Während der Krise ist das mittlere Einkommen in Haushalten mit Kindern in jedem zweiten Land gesunken. Seit 2008 hat sich die Zahl jener Haushalte mit Kindern, die sich jeden zweiten Tag kein Fleisch, Huhn oder keinen Fisch leisten können, in Estland, Griechenland und Italien verdoppelt. Die Zahlungsunfähigkeit, wenn es darum geht, unerwartete finanzielle Ausgaben zu begleichen, ist in den zwölf von der Krise am stärksten betroffenen Ländern um 60 Prozent gestiegen.
Wenn sich Eltern mit plötzlicher Arbeitslosigkeit und/oder Einkommensverlusten konfrontiert sehen, wirkt sich dies auf die ganze Familie aus. Eltern sparen bei der Ernährung, es kommt weniger oder gar kein Fleisch mehr auf den Tisch. Sie können es sich schwerer leisten, Material für die Schule zu kaufen oder ihren Kindern Nachhilfestunden zu ermöglichen. Auch Freizeitaktivitäten fallen dem familiären Sparkurs zum Opfer. Plötzlich können die Kinder keine Musikkurse mehr besuchen, das Fußballtraining ist tabu. Knapp 28 Prozent der befragten griechischen Jugendlichen berichteten, dass ihre Familien auf Urlaub verzichten müssen – eine Veränderung, die den Kindern am stärksten auffällt – und dass die Krise öfters zu innerfamiliären Spannungen und Streit führt.
Kinder sind oft Zeugen von Zwangsräumungen, Eltern sehen sich mit steigenden Hypothekenschulden konfrontiert, eine unerträgliche Spannungssituation, die sich auch auf die Kinder auswirkt: Sie fühlen dabei verstärkt Ängste und Stress. Sie leiden unter den familiären negativen Veränderungen, dabei legen manche Kinder ein auffälliges Verhalten an den Tag, manche jedoch leiden still. Viele sind Demütigungen vor FreundInnen oder SchulkameradInnen ausgesetzt. Im extremsten Fall sehen sich Familien gezwungen, ihr Heim, manchmal sogar das Land zu verlassen.

Starkes Sozialsystem notwendig

Laut UNICEF weist das soziale Sicherheitsnetz vieler Staaten deutliche Schwächen auf, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Ernährung. 11,1 Millionen und damit um 1,6 Millionen Kinder mehr als 2008 mussten 2012 materielle Entbehrungen erleben. Wenn die Kinder jedoch bereits in Armut leben, ist es umso schwerer, aus der Armutsfalle wieder herauszukommen – ein Teufelskreis, aus dem nur wenige ausbrechen können.
Wenn jedoch Kinder und Jugendliche weiterhin vernachlässigt werden, wird sich die prekäre Situation auch dann nicht verbessern, wenn die Wirtschaft sich bereits längst erholt hat. Vielmehr droht sie sich sogar noch mehr zu verschlechtern. „Die UNICEF-Forschung zeigt, dass starke Sozialsysteme ein entscheidender Faktor für die Vermeidung von Armut waren. Alle Länder brauchen starke soziale Sicherheitsnetze zum Schutz der Kinder in schlechten Zeiten und in guten – und die wohlhabenden Länder sollten mit gutem Beispiel vorangehen, sich explizit der Beseitigung von Kinderarmut verpflichten, Strategien entwickeln, um Wirtschaftsabschwünge zu kompensieren, und das Wohlergehen der Kinder zu ihrer obersten Priorität erklären“, so O’Malley. Wenn es darum geht, der Rezession entgegenzusteuern, sollte dem Wohlergehen der Kinder höchste Priorität beigemessen werden und die ethische Verpflichtung mit den Eigeninteressen des Staates einhergehen.

Internet:
Der Report ist einsehbar via folgendem Link:
www.unicef-irc.org/publications/733

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