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Über Erbschaften redet kaum jemand gerne. In Wahrheit aber ist das Erben alles andere als privat, und es ist höchst ungehörig, darüber zu schweigen. Über Erbschaften redet kaum jemand gerne. In Wahrheit aber ist das Erben alles andere als privat, und es ist höchst ungehörig, darüber zu schweigen.
Buchtipp

Eine Klasse für sich

Schwerpunkt

Wer sehr viel erbt, redet nicht gerne darüber. Aber wer große Vermögen erbt, muss endlich einen Beitrag zur Absicherung des Wohlfahrtsstaates leisten.

Finanzielle Sorgen kennt Beate nur von ihren Bekannten. Da gibt es einen, der musste sein Konto für den gemeinsamen Skiurlaub überziehen, eine andere kann die Ausbildung ihrer Tochter nicht allein finanzieren. Im Gegensatz zu ihren FreundInnen wird Beate nie in finanzielle Bedrängnis geraten, denn ihre Eltern überweisen seit dem 18. Geburtstag immer wieder beträchtliche Geldsummen auf ihr Konto. Beate ist eine Ausnahme, nicht nur weil sehr wenige Menschen in ihrem Leben große Vermögen geschenkt oder vererbt bekommen, sondern weil sie offen darüber mit der Autorin Julia Friedrichs für ihr neues Buch „Wir Erben“ sprach. Bei ihren Recherchen wurde Friedrichs schnell bewusst: Über Schenkungen und hohe Erbschaften breitet sich der Mantel des Schweigens.

Ungehöriges Schweigen

Über Erbschaften redet kaum jemand gerne öffentlich, wohl weil das Erben unmittelbar mit dem Sterben zusammenhängt und oft mit tiefen persönlichen Gefühlen verbunden ist. Der Tod ist meist Teil der Privatsphäre von Familien, und das Erben wird mit demselben Schleier der Intimität bedeckt wie das Ableben. „In Wahrheit aber ist das Erben alles andere als privat, und es ist höchst ungehörig, darüber zu schweigen“, schreibt Friedrichs. Denn die Vererbung großer Vermögen wird immer mehr auch zu einer Gefahr für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Tappen im Dunkeln

Doch um welche Beträge geht es, wenn über das Erben in Österreich diskutiert wird? Die Suche nach verlässlichen Daten wird schnell enttäuscht. Seit dem Auslaufen der Erbschafts- und Schenkungssteuer im Jahr 2008 werden Erbschaften nicht mehr zentral erfasst, das Finanzamt tappt seither im Dunkeln. Zumindest für die letzten Jahre der Erbschaftssteuer sind Statistiken verfügbar. Aber auch diese Daten wären ohne mehrere parlamentarische Anfragen und die Antworten des Finanzministeriums nicht öffentlich verfügbar. Die Datenrecherche ist zäh und mündet in der ersten unbefriedigenden Erkenntnis: Über Erbschaften wird in Österreich tatsächlich nicht viel preisgegeben.
Einige Anhaltspunkte kann man in der Erbschaftssteuerstatistik aus dem Jahr 2006 aber doch finden. Die Steuereinnahmen lagen damals bei etwa 100 Millionen Euro, das laut Statistik vererbte Vermögen betrug etwa 2,7 Milliarden Euro. Aber diese Zahlen sind trügerisch, denn für die Berechnung der Steuerpflicht werden nicht alle Vermögenswerte zu ihrem tatsächlichen Wert veranlagt. Beispielsweise gehen Grundstücke nicht mit dem Marktwert, sondern mit dem veralteten Einheitswert in die Steuerkalkulation ein. Die Kluft zwischen den zuletzt 1983 erneuerten Einheitswerten und den aktuellen Marktwerten kann nicht exakt berechnet werden, aber Schätzungen zufolge sind die Werte zur Steuerberechnung zwischen 10- und 30-mal niedriger als die tatsächlichen Marktwerte.
Stefan Humer von der Wirtschaftsuniversität Wien forscht ebenfalls zu Vermögensübertragungen und verwendet eine innovative Methode zur Berechnung des jährlichen Erbvolumens. Der Ökonom verwendet Daten der Österreichischen Nationalbank, die 2010 eine Erhebung zu den Vermögen privater Haushalte durchführte, mit dem Vorteil, dass Grundstücke zu ihrem tatsächlichen Wert erhoben wurden. Mithilfe dieser Vermögensdaten und Sterbetafeln kann Humer wissenschaftlich fundierte Schätzungen anstellen, wie viel Vermögen jährlich an die ErbInnen übertragen wird. Aktuell sind es laut seinen Berechnungen etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr, steuerfrei, Tendenz steigend. Im Jahr 2040 könnten es schätzungsweise schon mehr als 20 Milliarden Euro sein. „In den kommenden Jahrzehnten wird eine Generation sterben, die zu Lebzeiten deutlich mehr Vermögen aufbauen konnte als die von Kriegen betroffenen Generationen davor“, erklärt der Experte.
Die Suche nach Zahlen zu den Erbschaften enthüllt eine Ungleichheit von erstaunlichem Ausmaß. Laut Steuerstatistik 2006 vererbten allein die vier größten Sterbefälle so große Vermögen, dass diese ein Viertel des gesamten Steueraufkommens ausmachten. In der Nationalbank-Erhebung hatten überhaupt nur 35 Prozent der befragten Haushalte bereits geerbt – und deren Vermögen war im Durchschnitt dreimal so groß wie jenes der Haushalte ohne Erbschaft. Die Daten zeigen einen starken Zusammenhang zwischen dem Vermögen einerseits und der Häufigkeit und Höhe von erhaltenen Erbschaften andererseits.

Verknöcherte ErbInnengesellschaft

Frau Glasmacher hat ihre vier Töchter in ein britisches Eliteinternat geschickt. Natürlich ist das nicht aus der Portokasse zu bezahlen: „Ich habe ein Bild verkaufen müssen, das ich von meinen Eltern geerbt habe. Es hängt jetzt im Museum in Leeds.“ Diese Geschichte aus Julia Friedrichs Buch verdeutlicht, dass mit dem Vermögen auch sozialer Status weitervererbt wird. „Erbschaften haben eine starke dynastische Bedeutung“, erklärt der Wiener Vermögensexperte Martin Schürz. Laut Schürz führen Erbschaften, die über viele Generationen angehäuft werden, zu einer Verschärfung der Vermögenskonzentration und zu ungleichen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Dies beeinträchtige auf lange Sicht auch die Demokratie und gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist der Ökonom überzeugt.
Von dieser Sorge war auch der französische Bestsellerautor Thomas Piketty getrieben, als er seine 700 Seiten dicke Verteilungsbibel „Kapital im 21. Jahrhundert“ verfasste. Ein wiederkehrender Begriff bei Piketty ist die patrimoniale Gesellschaft, in der Erbschaften die gesellschaftlichen Positionen immer mehr einzementieren, so wie schon im 19. Jahrhundert. Viele Menschen nehmen besorgt wahr, dass die soziale Durchlässigkeit durch die ungleiche Verteilung von Erbschaften völlig ausgebremst wird. Ein Großteil der von der Nationalbank befragten Personen empfindet es als ungerecht, wenn ErbInnen allein aus ihren Erbschaften gesellschaftliche Vorteile ziehen können.
Während große private Vermögen laufend anwachsen und über Generationen weitergegeben werden, steht die Finanzierung von sozialen Dienstleistungen immer mehr auf tönernen Füßen. Die Grundpfeiler des Wohlfahrtsstaates, der den Lebensstandard und die soziale Sicherheit des Großteils der Bevölkerung begründet, scheinen zu schwanken. Das ist vor allem dem Druck neoliberaler Politik geschuldet. Einerseits schnüren die engen Fiskalregeln der europäischen Wirtschaftspolitik den finanziellen Spielraum zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen ein. Andererseits wehren sich die Interessenvertretungen der Reichen mit Händen und Füßen gegen einen Beitrag ihrer sehr vermögenden Klientel. Selbst die Forderung nach kleinen Beiträgen von sehr großen Erbschaften stieß in der Vergangenheit auf heftigste Gegenwehr und mündete in breiten Desinformationskampagnen.
Der Ruf nach einer Erbschafts- und Schenkungssteuer ist mit der Steuerreform 2015/16 aber keineswegs verstummt. Eine große Anzahl an Sozial- und WirtschaftswissenschafterInnen hat sich in der Initiative „Erbschaften besteuern!“ zusammengefunden und fordert die Wiedereinführung dieser Abgabe.

Finanzierung der Pflege

Aber auch die steuerschonende Weitergabe sehr großer Vermögen im Rahmen von Privatstiftungen ist ein Thema. „Eine Reform der Erbschafts- und Schenkungssteuer muss auch den großen Vermögen in Privatstiftungen ihren Beitrag abverlangen“, fordert der Ökonom Alois Guger. Die Forderung nach einer Erbschaftssteuer wird von wissenschaftlicher Seite breit unterstützt und die gesellschaftliche Notwendigkeit ist unbestritten. Vor allem der Ausbau der öffentlichen Pflegedienstleistungen, auf die viele Familien angewiesen sind, könnte aus den Mitteln der Erbschaftssteuer finanziert werden. Schließlich ist der Beitrag von leistungslosen Einkommen, wie es große Erbschaften zweifellos sind, nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zukünftiger Generationen.

Blogtipp:
Die Wiedergeburt der Ein-Promille-Gesellschaft:
tinyurl.com/mkaugjy

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