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Hautnah dabei

Wir sind Europa

Sean Patrick Stanton über Privatisierung bei der Internationalen Transportarbeiter-Föderation in London.

Für mich persönlich hinterließ das Auslandspraktikum in Großbritannien einen gewaltigen Eindruck, aber nicht wegen der Gastfreundschaft, die mir entgegengebracht wurde. Besonders eindrucksvoll war für mich, hautnah miterleben zu können, mit welchem Engagement die gewerkschaftlichen KollegInnen ans Werk gehen – und das oftmals mit viel geringeren Mitteln, als sie Arbeiterkammer und Gewerkschaft heute in Österreich zur Verfügung stehen.
Das Verhältnis der Gewerkschaften zur Regierung ist nach wie vor mehr als getrübt. Von der schweren Niederlage, welche die Gewerkschaft Mitte der 1980er-Jahre bei den Bergarbeiterstreiks einstecken musste, hat man sich bis heute nicht erholt. Auch wenn die Mitgliederzahlen, zumindest bei den Transportgewerkschaften, langsam wieder steigen, sind die Konsequenzen des damaligen Desasters bis heute deutlich spürbar.

„Oh my God!“

Wenn man in London jemanden auf das Thema „Privatisierung“ anspricht, erntet man Kopfschütteln, ein abschätziges Zungenschnalzen und die eine oder der andere presst schon einmal ein frustriertes „Oh my God“ hervor. Die Leute sind müde geworden, müde der Konsequenzen des Privatisierungswahnsinns, den Margaret Thatcher Ende der 1970er-Jahre gestartet hat. Seit damals wurden nahezu alle Bereiche des öffentlichen Dienstes wie Verkehr, Energie, Trinkwasser, Kommunikation und das Gesundheitssystem privatisiert.
Die in London lebende ORF-Korrespondentin Bettina Madlener sieht die Folgen differenziert. „Während es in manchen Bereichen, wie zum Beispiel in der Wasserversorgung, finanziell durchaus Sinn macht, private Firmen mit dem Service zu betrauen, muss man auch betrachten, dass insgesamt bestimmt weniger Geld hereingekommen ist, als ausgegeben wurde.“ Vor allem die Privatisierung der Eisenbahn habe sich als Desaster herausgestellt: „Die Infrastruktur hinkt anderen europäischen Ländern wie Deutschland und Frankreich gewaltig hinterher, gleichzeitig ist Bahnfahren nirgendwo in Europa teurer als in Großbritannien.“
Das propagierte Ziel, die Höhe staatlicher Zuschüsse zu verringern, wurde jedenfalls im Eisenbahnbereich aus heutiger Sicht nicht erreicht. Seit Anfang der 1990er-Jahre stagnieren die Gewinne, während die staatlichen Zuschüsse de facto gestiegen sind. Die verschiedenen privaten Betreiber erleiden jedes Jahr erhebliche Verluste, welche der Staat wieder ausgleichen muss. Die Kosten von 4,3 Milliarden britische Pfund (ca. 5,2 Milliarden Euro) sind auch prozentuell gesehen weitaus höher als die Zuschüsse, welche die Bahn vor der Privatisierung erhielt.

McNulty-Report und die Reaktion

Der im Mai 2011 von Wirtschaftsexperten erarbeitete und von Sir Roy McNulty unter dem Titel „Rail Value for Money“ veröffentlichte Report löste kontroverse Debatten aus. Zwar sind viele der darin enthaltenen Zahlen und Informationen durchaus korrekt – die darin angeführten Ursachen sowie die Vorschläge zur Beseitigung der Missstände sind es aus gewerkschaftlicher Sicht nicht. McNultys Schuldzuweisung liest sich fast wie ein schlechter Witz. Von einer „zu starken Einmischung der Regierung“ ist darin die Rede sowie von einer daraus resultierenden „unternehmerischen Einengung“, die den Firmen „zu wenig unternehmerische Freiheit lasse“.

Die richtige Medizin

Die Antwort der Gewerkschaft kam prompt. Bob Crow, damals amtierender General Secretary der Transportgewerkschaft RMT und inzwischen leider verstorben, konterte in seinem „RMT briefing on the McNulty Report“ mit einem trockenen: „Right diagnosis, wrong medicine.“ Darin heißt es: „Die RMT stimmt zu – unsere Eisenbahnen sind teurer als die Eisenbahnen in Europa – und das genau wegen der Zersplitterung und Privatisierung der British Railways.“ Das verursache jährlich Fremdkapitalkosten in der Höhe von fast einer Milliarde Pfund, die der Staat den Privatgesellschaften zuschießt.

INTERVIEW
Zur Person - Bob Crow

Alter: 53
Wohnort: London
Beruf: Nach der Schule mit 16 Jahren zu London Transport
Firma: Rail Maritime and Transport Union
Gewerkschaft: Rail Maritime and Transport Union
Seit wann im (Euro-)BR?: Gewerkschaftsvorsitzender seit 2002

Wie ist das Verhältnis der Gewerkschaften zur Regierung?

Das Verhältnis ist immer schlecht, das hat sich auch nach dem Regierungswechsel nicht verbessert.

Wäre es sehr teuer, wenn die Regierung die Eisenbahnen wieder in die eigene Verantwortung nehmen würde?

Nein, gar nicht. Die Verwaltung der Infrastruktur liegt zwar in der Hand einer Privatfirma, diese ist aber non-profit-orientiert und wird so oder so vom Staat über Zuschüsse finanziert. Die Verträge mit den verschiedenen privaten Gesellschaften enden unterschiedlich – in etwa zwischen 2014 und 2017. Danach könnten die Eisenbahnen vom Staat wieder übernommen werden.

Warum eine private Gesellschaft?

Um die Schulden wegen der Vorgaben der EU aus den Staatsschulden herauszuhalten.

Worin liegt der Unterschied zwischen den Transportgewerkschaften?

Die RMT ist für Arbeiter der gesamten Eisenbahnen zuständig, die ASLEF für Zugführer, die TSSA für Ange-stellte und Management und die UNITE für Ingenieure und technisches Personal.

Wie sieht es mit dem Organisationsgrad im Bereich der Eisenbahnen aus?

Die Mitgliederzahlen schrumpfen. Zurzeit sind ca. 85 Prozent organisiert. Früher waren es 94 Prozent.

Werden auch muttersprachliche Beratungen für MigrantInnen angeboten?

Ja, die gibt es. Zurzeit bieten wir Unterstützung in Rumänisch, Bulgarisch und verschiedenen afrikanischen Sprachen an. Schon allein deswegen, weil wir aus diesen Ländern eine Menge Arbeiterinnen und Arbeiter haben. Und bald unterstützen wir auch Leute, die Polnisch und Ungarisch sprechen.

Gibt es eigene Betriebsratsschulungen?

Das ist sehr wichtig. Wir betreiben eine Ausbildungsschule in Doncaster. Dort halten wir unterschiedliche Schulungen für Betriebsräte, Sekretäre und Aktivisten ab. Auch für die Angestellten unserer Bank.

Die RMT besitzt eine Bank?

Ja, tatsächlich. Das ist die RMT Credit Union (fast alle Unions besitzen eine Bank).

Wie viele Branchen haben einen Kollektivvertrag?

Es gibt Vereinbarungen für rund 230 Branchen, für die Bahn sind es rund 30.

Ist Gewalt am Arbeitsplatz ein großes Problem?

Ja, da haben wir viele Fälle. Am meisten allerdings sind es Passagiere, welche die MitarbeiterInnen angreifen. Es kommt auch vor, dass sie sich wehren müssen und sie sogar dafür bestraft werden.

Wie ist die Altersstruktur bei der British Rail und was folgt daraus für die Personalentwicklung?

Dafür haben wir eine eigene Sektion. Die Mitglieder werden Ehrenmitglieder, wenn sie in Pension gehen, und haben ihre eigenen Sitzungen.

Gibt es von Arbeitgeberseite spezielle Arbeitsbedingungen für ältere ArbeitnehmerInnen?

Nein, das kümmert sie nicht. Jeder hat seine Arbeit zu leisten, egal ob er fit ist oder nicht.

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor
sean.stanton@chello.at 
oder die Redaktion
aw@oegb.at

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