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Die Zeitung der freigewerkschaftlichen ChemiearbeiterInnen Die Zeitung der freigewerkschaftlichen ChemiearbeiterInnen schrieb am 20. Februar 1930 im Nachruf auf die von Benzoldämpfen getöteten Arbeiterinnen: "Ihr Sterben ist namenloses Unglück, aber auch eine furchtbare, erschütternde Anklage."

Giftskandal

Historie

1930 wurden in Wiener Neustadt fünf Arbeiterinnen vergiftet. Die Frauenorganisation der Freien Gewerkschaften half und erkämpfte bessere Schutzbestimmungen.

Der Skandal war perfekt. Arbeiterinnen einer Wiener Neustädter Präservativfabrik mussten Anfang 1930 mit schwersten Vergiftungssymptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden, fünf von ihnen starben. Selbst Bundeskanzler Schober, Chef einer rechten Koalitionsregierung, hielt es für angebracht, persönlich im Krankenhaus zu erscheinen und 1.000 Schilling als Beitrag zu der von der Gewerkschaft organisierten Ausspeisungsaktion für die Überlebenden zu spenden.

Richtige Ernährung war eine entscheidende Voraussetzung für die Heilung, aber genau diese konnten sich die Arbeiterinnen nicht leisten. Deshalb nahmen Wilhelmine Moik von der Frauensektion des Bundes der Freien Gewerkschaften, nach 1945 ÖGB-Frauenvorsitzende, und Rosa Jochmann vom Chemiearbeiterverband, beide nach 1945 Nationalratsabgeordnete, die Sache in die Hand.  Sie starteten eine Spendenkampagne, über die das sozialdemokratische „Kleine Blatt“ berichtete: Die Hilfsbereitschaft der arbeitenden Bevölkerung kennt fast keine Grenzen. Überall wird für die Opfer gesammelt … Zehngroschenstücke, halbe und ganze Schillinge werden zusammengelegt und der Erfolg ist wirklich großartig. Für drei Wochen etwa ist … die Ausspeisung sichergestellt.

Die Kranken erhielten so – entsprechend der ärztlichen Empfehlung – viermal am Tag eine nahrhafte Mahlzeit. Das Jugendamt stellte eine erprobte Köchin bei, der Speisezettel wurde entworfen, und nun brodelt das Essen in den großen kupfernen Kesseln und die Tische sind gedeckt für die Gummiarbeiterinnen.

Die besonders stark Betroffenen kamen nach dem Krankenhausaufenthalt noch zur Kur in Erholungsheime der Krankenkasse und der Gewerkschaft.

Die Industrielle Bezirkskommission Wiener Neustadt, das damalige Arbeitsamt, beschrieb die Arbeitsbedingungen, die zur Vergiftung geführt hatten, und die Motive, warum sie die Arbeiterinnen hinnahmen, ungeschminkt: Frauen stehen an den Benzoltrögen, in die die Formen für die Gummipräservative getaucht werden. Aus den offenen Trögen steigen die Benzoldämpfe, an der Oberfläche der Präservative verdunstet Benzol, keine Ventilation, keine Abzugsvorrichtung sorgt für frische Luft … Die Frauen leiden an Übelkeit, an Erbrechen, – aber … die Arbeitslosigkeit schreckt.

Parallel zur Hilfsaktion ergriffen die Gewerkschaftsfrauen auch im Parlament und in der Arbeiterkammer die Initiative. Sie forderten von der Regierung eine Benzolverordnung und die Bestellung weiterer entsprechend geschulter Gewerbeärzte, außerdem den Einsatz von mehr Frauen in der Gewerbeinspektion. Die beiden letzten Forderungen hatten angesichts der Sparpolitik in der Weltwirtschaftskrise keine Chance auf Verwirklichung, aber eine Schutzverordnung, die auch andere Industriegifte berücksichtigte, wurde 1932 erreicht. „Arbeit und Wirtschaft“ kommentierte: Ob sie allen Wünschen entspricht, wird sich noch zeigen. Aber dass sie nun doch erlassen ist, … ist jedenfalls ein Erfolg der gewerkschaftlichen Frauenbewegung.

Ausgewählt und zusammengestellt von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at

Zitate aus: Broessler, Agnes (2006): Wilhelmine Moik. Ein Leben für die gewerkschaftliche Frauenpolitik, Wien, 41–47.

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