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Im Heimathafen der Logistik

Wir sind Europa

Nina Abraham war vier Wochen bei Deltalinqs am Rotterdamer Hafen in den Niederlanden.

Einen Blick hinter die „Kulissen“ einer der logistischen Meisterleistungen Europas werfen zu können: Das war das Ziel meines Praktikums. Für mich war von Anfang an klar, dass der Rotterdamer Hafen der Inbegriff von Logistik ist. Es war nicht einfach, Kontakte zu knüpfen, jedoch mithilfe des Netzwerkes meiner KollegInnen im Betrieb ist es gelungen, dass ich die Zeit bei Deltalinqs verbringen durfte, wo ich wiederum Kontakte zu anderen Firmen und Organisationen knüpfen konnte. Bei den vielen Besuchen wurde mir abseits vom Tourismus die Vielfalt dieses Hafens mit all seinen Stärken und Schwächen nähergebracht.
 
Spannungsfeld Umweltschutz
Die Firma Deltalinqs betreibt Lobbying für rund 2.000 Hafenbetriebe. Aufgabe ist es, die Interessen zwischen Groß- und Kleinunternehmen zu bündeln und diese zwischen den Betrieben zu optimieren. Deltalinqs vertritt dabei die Interessen der Unternehmensbereiche Industrie (Raffinerien) sowie jene der operativen Hafenbetriebe (Container- und Schüttgutverladung, Transport und Lagerung).
Ein interessantes Spannungsfeld ist der Umweltschutz. Dabei steht betriebsinternen Interessen das öffentliche Interesse gegenüber, zum Beispiel das nachhaltige Naturbewusstsein in Bezug auf die angrenzenden Wohngebiete. Der Hafen ist in der Stadt eingebettet und damit ist die Lebensqualität der Menschen ein wichtiger Bestandteil in Umweltfragen. Rotterdam ist Mitglied der Climate Initative, deren Aufgabe es ist, in allen Bereichen Energie zu sparen.
Bei den Hafenerweiterungen Maasvlakte 1 und 2 ist durch Aufschütten von Sand eine Insel entstanden. Es wurde dem Meer Land abgewonnen und natürlich gab es daher Debatten mit Den Haag und den Umweltorganisationen. Vor der Errichtung wurden 25 Jahre lang hohe Umweltauflagen gefordert (etwa die Schaffung von Ausgleichsgebieten oder Umweltauflagen für Lkws), die zu 100 Prozent umgesetzt wurden. Deltalinqs hat für den Gefahrgutbereich eine Art Universität eingerichtet, in der Kenntnisse und Informationen aller Firmen geteilt werden und Personal auf das Niveau von Sicherheitsstandards geschult wird.
Eine große Herausforderung ist es, neue Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Es stehen zu wenige Fachkräfte für den Hafen zur Verfügung, gleichzeitig wollen junge Menschen nicht mehr am Hafen arbeiten. Rund 80 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahre kennen den Hafenbetrieb nicht und denken, man verrichtet dort nur schwere und schmutzige Arbeit. Deshalb versucht man gemeinsam mit dem Staat und vor allem mit der Stadt Rotterdam, neue Ausbildungswege zu finden. Die Kooperation mit den Schulen und die Werbung für Berufe wie zum Beispiel der des Prozessmanagers sind daher sehr wichtig. Nicht zu vergessen sind Aktivitäten, um Arbeitssuchende am Hafen einzusetzen.
Besonders eindrucksvoll war für mich das Treffen mit den Gewerkschaften. Niek Stam von der Fachgewerkschaft Bondgenoten (FNV), zuständig für die Häfen, hat mir im Detail den Ablauf von CAO-Verhandlungen, also von Kollektivvertragsverhandlungen geschildert. CAOs haben in den Niederlanden eine Gültigkeit von einem bis höchstens fünf Jahre. Es gibt sowohl CAOs für Branchen – wie zum Beispiel die Metallindustrie, in der ein CAO für mehr als 300.000 Beschäftigte gilt – als auch CAOs für Firmen. Letztere sind wegen der unterschiedlichen Anforderungen bei den Hafenbetrieben gängig.

KV auf Holländisch
Vorbereitungs- bzw. Verhandlungsschritte gleichen grundsätzlich jenen in Österreich. Der wesentliche Unterschied bei Firmen-CAOs besteht darin, dass nach Verhandlungserfolg die Ergebnisse den Mitgliedern verlautbart werden. Diese können dann abstimmen, ob sie mit dem Vorschlag einverstanden sind oder nicht. Falls die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder das Ergebnis für unzureichend befindet, wird neu verhandelt. Zudem ist eine automatische jährliche Inflationsanpassung der Entgelte festgeschrieben, die somit unabhängig von Verhandlungen durchgeführt wird.

INTERVIEW:
Zur Person - Peter Guijt
Alter: 53
Wohnort: Rotterdam
Beruf: Personalmanagement
Firma: EMO, Hafen Rotterdam
Gewerkschaft: FNV, http://www.fnv.nl/english
Seit wann im (Euro-)BR? 1981–1993, erneut seit 2013

Wie ist dein Familienstand?
Ich bin seit 30 Jahren verheiratet, meine Frau Lilly ist Assistenzärztin. Wir haben eine Tochter im Alter von 26 Jahren, die in Ausbildung ist.

Was bedeutet dir Arbeit?
Arbeit bedeutet mir eine Menge! Kurz gesagt: Ich muss Geld verdienen und meine Arbeit muss mir Spaß machen. Damit ich in meinem Job zufrieden bin, ist am wichtigsten, dass ich von Menschen umgeben bin.

Deine Meinung über die Wirtschaft in den Niederlanden?
Wir stecken immer noch in der Krise. Ich hoffe, dass sich das bald erholt.

Wenn du den Begriff „Gewerkschaft“ hörst, woran denkst du?
Sie verhandeln für uns die Kollektivverträge und setzen sich für unsere Grundrechte ein. Ich bin ein überzeugter sozialdemokratischer Gewerkschafter.

Was bedeutet dir die EU?
Derzeit kann ich dem EU-Gedanken nicht so viel abgewinnen. Ich glaube, wir sind mittlerweile zu viele Staaten. Was mich stört, ist, dass wir Europa sein wollen, es aber nicht sein können, weil wir zu unterschiedliche Konditionen, Vereinbarungen und Regelwerke haben.

Dein Lieblingsland in Europa? Warum?
Holland, es ist klein und grün.

Was bringt der europäische Betriebsrat?
Eine Menge Arbeit. Betriebsrat zu sein ist mir wichtig. Ich kann zur Entwicklung des Unternehmens beitragen und mich für meine KollegInnen einsetzen.

Wie oft machst du Urlaub?
3-mal im Jahr.

Deine Wünsche für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert und damit unsere Arbeitsplätze gesichert sind. Für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe, glücklich und mit viel Liebe sehr alt werden darf.

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin nina.abraham@logserv.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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