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Symbolbild zum Bericht Mehr als eine Viertelmillion Menschen in Österreich können es sich nicht leisten, ihre Wohnung angemessen warm zu halten.
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Essen oder heizen?

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Energiearmut lässt sich durch Spendenaktionen teilweise mindern. Um sie wirklich zu verhindern, sind gezielte Maßnahmen von Politik und Energieversorgern nötig.

Frau M., Verkäuferin und alleinerziehend, kämpft seit ihrer Scheidung um die Existenz: „Seit drei Jahren habe ich keine Energie zur Verfügung. Die Zähler sind seit Langem abmontiert. Meine zwei Söhne und ich behelfen uns mit Kerzen und Gaskocher. Wir können uns zu Hause nicht waschen, weil wir kein Warmwasser haben. Zum Heizen verwende ich einen Holzofen.“1
Mehr als eine Viertelmillion Menschen in Österreich können es sich nicht leisten, ihre Wohnung angemessen warm zu halten. Viele müssen sich auch bei Warmwasser, Strom und Gas extrem einschränken. „Energiearmut bedeutet die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, seine Wohnstätte angemessen und zu einem korrekten Preis zu heizen sowie über weitere grundlegende Energiedienstleistungen wie Beleuchtung, Verkehr oder Strom für Internet und sonstige Geräte zu einem angemessenen Preis zu verfügen“: So lautet eine der – nicht besonders exakten – EU-Definitionen. Eine allgemein anerkannte Definition gibt es bislang nicht, entsprechend wenige zuverlässige und aktuelle Zahlen gibt es dazu. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss empfahl daher im Herbst 2013 unter anderem die Aufstellung europäischer Indikatoren und die Harmonisierung der Statistiken2. Vielfach spricht man von Energiearmut, wenn ein Haushalt mehr als zehn Prozent seines Einkommens für Energie und angemessenes Heizen aufwenden muss.
Laut Statistik Austria haben die einkommensschwächsten Haushalte im Jahr 2009 durchschnittlich 8,3 Prozent ihres Einkommens für Haushaltsenergie aufgewendet, 2004 waren es noch 5,6 Prozent. Obwohl die Energiepreise in den vergangenen 40 Jahren deutlich geringer angestiegen sind als das BIP, zeigt die aktuelle Entwicklung, dass die Endverbraucherpreise von 2000 bis 2011 bei Gas und Steinkohle um über 60 und bei Heizöl um 103 Prozent gestiegen sind. Strom und Fernwärme haben sich parallel zum Verbraucherpreisindex entwickelt.

Mängel bei der Energieeffizienz
Steigende Haushaltskosten bei gleichbleibend niedrigem Einkommen, Einkommensausfälle, Arbeitslosigkeit, psychosoziale Probleme, chronische Krankheiten: Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Energiekosten plötzlich über den Kopf wachsen. Oft treiben nicht oder ungenügend sanierte Wohnungen die Heizkosten in die Höhe. Aber Energieeffizienzmängel sind nur zum Teil die Ursache für Energiearmut. Wer ein sehr geringes Einkommen hat, ist oft arbeitslos, in Pension oder krank und daher den größten Teil des Tages zu Hause. Dadurch können die Energiekosten im Vergleich zur restlichen Bevölkerung deutlich ansteigen.
Rückstände, Mahngebühren, Energieabschaltung etc. bedeuten Stress und können für schlaflose Nächte sorgen. Aber Energiearmut hat noch weitere negative Auswirkungen: Durch nicht ausreichend beheizte Räume kommt es häufiger zu Erkrankungen, ja sogar zu Todesfällen. Chronische Krankheiten wie Asthma können sich – nicht zuletzt durch in ungenügend geheizten Räumen häufig auftretende Schimmelbildung – verschlimmern. Knapp ein Viertel der von Energiearmut Betroffenen sind Minderjährige.

Sofortmaßnahmen helfen
Vor Kurzem präsentierte der Klima- und Energiefonds (KLI.EN) die Ergebnisse seines österreich-weiten Pilotprojekts gegen Energiearmut. Das Österreichische Institut für Nachhaltige Entwicklung hat gemeinsam mit Caritas, der Österreichischen Energieagentur sowie dem Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung an der WU Wien eine fundierte Analyse zu den Lebens- und Belastungssituationen betroffener Haushalte erstellt. In Kooperation mit den Caritas-Initiativen „Grätzeleltern“, „Stromspar-Check“ und „VERBUND-Stromhilfefonds“ wurden 400 einkommensschwache Haushalte persönlich befragt. Über ein Drittel der Befragten wohnen in Wohnungen mit undichten Fenstern, bei fast 50 Prozent war die Eingangstür undicht. In den Haushalten gab es durchschnittlich elf Leuchtmittel, das ist rund ein Viertel der landesüblichen Menge (Österreich-Durchschnitt 40,9 Leuchtmittel/Haushalt). Die Hälfte der Befragten klagte über kalte Wände und Böden, 42 Prozent können weniger Räume heizen, als sie möchten. 83 Prozent macht die Bezahlung der Energierechnung Sorgen, 13 Prozent waren in den vergangenen zwei Jahren von Energieabschaltungen betroffen. Fast die Hälfte der im Projekt befragten Haushalte geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für Energie aus. In den befragten Haushalten wurden anschließend Energiesparmaßnahmen durchgeführt und evaluiert.
„Nach der Auswertung der Ergebnisse und nach intensiven Gesprächen mit den Stakeholdern haben wir jetzt Empfehlungen für Maßnahmen zur Verringerung von Energiearmut ausgearbeitet“, berichtet ÖIN-Projektleiterin Dr. Anja Christanell.

Empfohlene Maßnahmen

  • Entwicklung und Finanzierung einer nationalen Strategie gegen Energiearmut unter der Federführung eines relevanten Ministeriums.
  • Niederschwellige und kostenlose Vor-Ort-Beratung kombiniert mit Sofortmaßnahmen.
  • Verbot von Energieabschaltungen im Winter in Kombination mit Maßnahmen zur Abschaltprävention.
  • Möglichkeit der Beantragung auf Befreiung von verbrauchsunabhängigen Kostenbestandteilen von Strom, Gas und Fernwärme sowie von Energiesteuern für alle energiearmutsbetroffenen Haushalte.
  • Einrichtung eines Energieunterstützungsfonds ähnlich dem VERBUND-Stromhilfefonds der Caritas.
  • Steigerung der Sanierungsquote von Gebäuden und Priorisierung thermischer Sanierungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Energiearmut (Konzentration auf Wohngebiete, in denen sich ein hoher energetischer Sanierungsbedarf mit einer einkommensschwachen BewohnerInnenstruktur überlappt).

Nachhaltige Maßnahme
„Die thermische Sanierung von Gebäuden ist neben einfacheren Dingen wie dem Wechsel zu energiesparenden Geräten die nachhaltigste Energieeffizienzmaßnahme“, so AK-Energieexperte Dominik Pezenka. „Es werden nicht nur Energieverbrauch und Emissionen reduziert, sondern auch das Raumklima verbessert sich – Stichwort Schimmel. Die thermische Sanierung hat außerdem positive Beschäftigungseffekte. Die derzeitigen Heizkostenzuschüsse sind Symptombekämpfung und machen Betroffene zu Bittstellern.“
Mit 1. Jänner 2015 tritt das neue Energieeffizienzgesetz in Kraft, durch das der Energieverbrauch in Österreich nachhaltig reduziert bzw. ab 2020 stabilisiert werden soll. Die dafür nötigen Einsparungen sollen auch den KonsumentInnen zugutekommen, denn Energielieferanten müssen 40 Prozent ihrer vom Gesetz vorgesehenen Energieeffizienzmaßnahmen so setzen, dass die Haushalte davon profitieren und nicht nur zur Kasse gebeten werden. Zur gezielten Verringerung von Energiearmut werden Maßnahmen bei Einkommensschwachen höher bewertet. Eine weitere Neuerung für große Energieanbieter ist die verpflichtende Einrichtung einer Beratungsstelle zu den Themen „Stromkennzeichnung, Lieferantenwechsel, Energieeffizienz, Stromkosten und Energiearmut“. Die Wiener Stadtwerke haben als Erste und bisher Einzige in Österreich bereits Anfang 2011 die Wien Energie Ombudsstelle für soziale Härtefälle eingerichtet. Sie betreut in Kooperation mit anderen (sozialen) Einrichtungen rund 4.000 Betroffene pro Jahr. Auch für Frau M. wurde ein Lösungsmodell ausgearbeitet, mit dem die Energieversorgung verbessert und die Gehaltspfändung vermieden werden konnte.

1 Wr. Stadtwerke Holding AG: Materialien der Wr. Stadtwerke zur nachhaltigen Entwicklung Nr. 8 – Herausforderung Energiearmut und der Beitrag der Wiener Stadtwerke, Wien 2013.
2 Stellungnahme des EWSA: Für ein koordiniertes europäisches Vorgehen zur Prävention und Bekämpfung von Energiearmut, Brüssel 2013.
 
Mehr Infos im Web:
www.energiearmut.com
Pilotprojekt gegen Energiearmut:
www.oin.at/?page_id=855

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin afadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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