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Sozak 61

Wir sind Europa

Christian Illitz war Teilnehmer des 61. SOZAK-Lehrgangs und im Zuge seines SOZAK-Europapraktikums im Jahr 2012 am Stow College in Glasgow.

Im Rahmen der SOZAK 61 durfte ich Glasgow besuchen und dort einen Monat lang die gewerkschaftliche Bildungsarbeit begleiten. Ich war im Stow College untergebracht und konnte hier viele Shop Stewards kennenlernen, wie GewerkschafterInnen dort genannt werden, und auch einige Betriebe besuchen.

Verhandlungen nur auf Betriebsebene

Eine schwierige Aufgabe war, die Unterschiede der Gewerkschaftssysteme zu erörtern. In Großbritannien ist die gewerkschaftliche Bildung in das staatliche Bildungssystem integriert. Hat man drei vorgeschriebene Kurse absolviert, bekommt man ein Diplom, das einer Studienberechtigung gleichzusetzen ist. Das wäre auch für Österreich eine interessante Idee.

Es ist auch nicht so leicht, die richtige Bedeutung der Begrifflichkeiten zu finden. So ist Collective Bargaining nicht mit unseren Kollektivvertragsverhandlungen gleichzusetzen. Die Lohnverhandlungen finden in Großbritannien nicht für eine ganze Branche oder das ganze Land statt. Vielmehr wird auf Betriebsebene verhandelt, allerdings auch nur, wenn in besagtem Betrieb mehr als die Hälfte der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft sind. Einzig im öffentlichen Dienst kann die Gewerkschaft landesweite Verhandlungen führen.

Sehr überrascht waren meine schottischen Kollegen von unserem Kündigungsrecht. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es in Österreich keinen so starken Kündigungsschutz gibt wie bei ihnen. In Großbritannien können ArbeitnehmerInnen, die über ein Jahr beschäftigt sind, nicht mehr gekündigt werden, außer der Betrieb kann es wirtschaftlich begründen. Selbst dann kann er aber nicht eine bestimmte Person kündigen, sondern muss Kriterien erarbeiten, z. B. dass alle nach einem bestimmten Eintrittsdatum beschäftigten MitarbeiterInnen das Unternehmen verlassen müssen. Somit ist es nicht möglich, nur die teuren oder störenden MitarbeiterInnen loszuwerden.

Großbritannien ist in vielen Punkten gespalten, viele dieser Verwerfungen sind auf Religionen zurückzuführen und sind sehr tief verwurzelt. Das merkt man unter anderem am Geld: Wales, England, Nordirland und Schottland habe jeweils eigene Geldscheine. Das war für mich sehr überraschend. Ein oft genanntes Thema war auch immer wieder das Referendum 2014, bei dem sich entscheiden wird, ob Schottland ein Teil des Vereinten Königreichs bleibt oder eigenständig wird. Hier ist auch die Arbeiterbewegung gespalten.

Die unterschiedlichen Positionen sind vielfältig und reichen von religiösen über nationalistische bis hin zu wirtschaftlichen Gründen. Bei den Beschäftigten der Shipyards am Clyde River war die Stimmung für den Verbleib bei Großbritannien sehr stark. Denn hier werden die Kriegsschiffe der Royal Navy gebaut. Die Unabhängigkeit Schottlands wäre eine Gefahr für die Arbeitsplätze, denn die Schiffe werden nur auf britischem Boden gebaut.

Im schottischen Parlament durfte ich von einem außergewöhnlichen Projekt erfahren. Die Gewerkschaft hat gemeinsam mit den Arbeitgebern und der Regierung ein Projekt geschaffen, dessen Ziel die Bildung der Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb ist. Die Arbeitgeber stellen die Räumlichkeiten und einen Teil der Arbeitszeit zur Verfügung, der Staat bezahlt die LehrerInnen, die Gewerkschaft organisiert die Leute und finanziert mit.

Breit gefächerte Lerninhalte

Die Lerninhalte sind breit gefächert und reichen vom PC-Grundkurs über Sprachkurse bis hin zu Schlüsseldienst-Kursen für HausmeisterInnen. Von diesem Projekt profitieren hauptsächlich die Gewerkschaftsmitglieder, allerdings kann auch der Arbeitgeber besser gebildete MitarbeiterInnen gut brauchen. Selbst der Staat hat einen Nutzen aus der Aktion, denn im Falle der Arbeitslosigkeit können besser gebildete Personen leichter wieder eine Beschäftigung finden. Außergewöhnlich waren auch die Uhrzeiten: Der Kurs findet statt, wenn die Mitglieder Zeit haben. So müssen die LehrerInnen oft bei Schichtwechsel beginnen, das kann um fünf Uhr in der Früh sein oder um zehn Uhr am Abend. Hier sieht man: Wenn alle ein Ziel verfolgen, dann gibt es kein Hindernis für mehr Bildung.

INTERVIEW:
Zur Person - Robert Wilson
Alter: 47
Wohnort: Schottland
Erlernter Beruf: Schlosser, Mechaniker
Firma: Mahle Engine Systems
Gewerkschaft: Unite the Union, www.unitetheunion.org
Seit wann im (Euro-)BR? 2013

Wie ist dein Familienstand?
Ich bin verheiratet, wir haben zwei Kinder im Alter von 13 und 17 Jahren

Monatliches Einkommen? 
£ 1.480,00

Was bedeutet dir Arbeit?
Die Möglichkeit, die Rechnungen zu bezahlen und die eigene Lebenssituation zu verbessern.

Deine Meinung über die Wirtschaft in Schottland
Schlecht! Die Regierung scheint vergessen zu haben, dass es die arbeitenden Menschen sind, die den Unterschied machen.

Welche Bedeutung hat Gewerkschaft für dich?
Sie gibt mir die Möglichkeit, Menschen dabei zu helfen, sich Gehör zu verschaffen, und meinen Arbeitsplatz zu sichern.

Und die EU?
Bei Recht, Gesundheit und Sicherheitsstandards leistet die EU immer wieder gute Arbeit für Europa. Wenn es aber um die Wirtschaft geht, entspricht die Politik nicht meinen Erwartungen. 

Dein Lieblingsland in Europa?
Griechenland.

Warum?
Die Menschen und das Wetter.

Was bringt der europäische Betriebsrat?
Man lernt, besser zu verstehen, wie die Kolleginnen und Kollegen in anderen europäischen Ländern arbeiten und wie sie Probleme lösen.

Wie viel Urlaub hast du und wo verbringst du ihn?
35 Tage: 14 Tage fahren wir weg, den restlichen Urlaub verbringen wir zu Hause.

Deine Wünsche für die Zukunft?
Dass meine Kinder eine bessere Arbeitswelt erleben und einen besseren Lebensstandard als ich erreichen.

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor christian.illitz@proge.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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