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Symbolbild zum Bericht Da keine Vermögenssteuer erhoben wird und es auch keine anderen Aufzeichnungen gibt, tappten die ForscherInnen lange Zeit im Dunkeln, wie es um den privaten Reichtum in Österreich bestellt ist.
Buchtipp

Die Vermögensschieflage belastet vor allem die ArbeitnehmerInnen

Schwerpunkt

Wichtigste Ursachen für Ungleichheit sind Erbschaften und Schenkungen

Über die Verteilung von Vermögen war in Österreich lange Zeit sehr wenig bekannt. Da keine Vermögenssteuer erhoben wird und es auch keine anderen Aufzeichnungen gibt, tappten die ForscherInnen lange Zeit im Dunkeln, wie es um den privaten Reichtum in Österreich bestellt ist. Bis die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) begann, im Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) Vermögensdaten privater Haushalte in groß angelegten Studien zu erheben. Anlass dafür war, dass die EZB herausgefunden hatte, dass hohe Schulden-, aber auch hohe Vermögensbestände die Stabilität der Finanzmärkte beeinträchtigen können. Aber auch die Bevölkerung und die Wissenschaft sind interessiert daran, wie ungleich der Reichtum in diesem Land verteilt ist – und welche Konsequenzen dies hat. Inzwischen gibt es erste tiefer gehende Studien von der Universität Linz und der Wirtschaftsuniversität Wien auf Basis der erhobenen Daten der Zentralbank. Die Forschungsergebnisse belegen die extrem ungleiche Verteilung von Vermögen, Erbschaften und Kapitaleinkommen. Schon die Erstauswertung der OeNB zeigte eine sehr starke Ungleichverteilung der Vermögen privater Haushalte in Österreich. Dabei unterschätzte diese Studie auch nach eigenem Dafürhalten die tatsächliche Schieflage, da besonders vermögende Haushalte bei der Erhebung unterrepräsentiert waren. Ein Forschungsteam der Universität Linz errechnete daher im Auftrag der Arbeiterkammern Wien und Oberösterreich diese fehlenden Vermögen an der Spitze.

Da die Reichsten in den bisher bekannten Daten untererfasst wurden, wirkt sich die Korrektur der Uni Linz vor allem auf das oberste Prozent der Reichen aus. Das Vermögen dieser kleinen Gruppe verdoppelt sich auf fast 470 Milliarden Euro. Ein Prozent der österreichischen Haushalte besitzt somit über ein Drittel (38 Prozent) des gesamten Privatvermögens. Die reichsten zehn Prozent nennen insgesamt über zwei Drittel (69 Prozent) des gesamten Haushaltsvermögens ihr Eigen. Den restlichen 90 Prozent der Haushalte bleibt somit knapp ein Drittel (31 Prozent) des Vermögens. Das Netto-Gesamtvermögen (also das Vermögen abzüglich Schulden) aller österreichischen Haushalte beträgt 1,25 Billionen Euro. Damit ist es rund 4-mal so hoch wie die jährliche Wirtschaftsleistung (BIP) Österreichs.

Ein Prozent hat mehr als alle anderen

Diese Ergebnisse werden noch drastischer, wenn man sich das durchschnittliche Nettovermögen der Haushalte ansieht. Die Hälfte der österreichischen Haushalte verfügt über weniger als 74.000 Euro Nettovermögen, für drei Viertel der Bevölkerung liegt diese Grenze bei etwa 247.000 Euro. Während ein Großteil der österreichischen Haushalte somit über Vermögen in Form von beispielsweise einem Eigenheim, einem Auto und einigen Ersparnissen nicht hinauskommt, nimmt das Vermögen am oberen Ende der Verteilung sehr rasch zu. Millionärshaushalte finden sich erst unter den obersten fünf Prozent. Mit einem durchschnittlichen Nettovermögen von 12,7 Millionen Euro ist das reichste Prozent enorm vermögend. Ein Prozent der österreichischen Haushalte verfügt damit in Summe über deutlich mehr Reichtum als die unteren 90 Prozent der Haushalte zusammen.

Reiche Haushalte erben mehr

Große Bedeutung für die ungleiche Verteilung von Vermögen haben Erbschaften und Schenkungen. In den meisten Fällen können sehr große Vermögen erst durch Vererbung über Generationen hinweg aufgebaut werden – die Geburtslotterie bestimmt, wer sehr reich wird. Die Daten der vorliegenden Studien zeigen, dass Erbschaften in Österreich noch ungleicher verteilt sind als das Gesamtvermögen.

Rund 35 Prozent aller österreichischen Haushalte haben bereits mindes-tens einmal geerbt. Bei vermögenden Haushalten traten Erbschaften noch dazu deutlich öfter auf. Von den reichsten zehn Prozent erhielten über zwei Drittel (72 Prozent) Erbschaften. Bei den vermögensärmsten 40 Prozent der Haushalte erbte hingegen nur etwa jeder Zehnte. Reiche Haushalte erbten nicht nur öfter, sondern auch mehr. Gerechnet zum Gegenwartswert (also inflationsbereinigt) erhielten die vermögendsten zehn Prozent der Haushalte im Durchschnitt etwa 310.000 Euro. Für die vermögensärmsten 40 Prozent betrug das Erbe hingegen nur etwa 14.000 Euro.

Die 35 Prozent jener Haushalte, die eine Erbschaft erhielten, verfügen über mehr als 62 Prozent des gesamten Nettovermögens. Allein die Erbschaften summieren sich auf ein knappes Drittel des Gesamtvermögens. Dabei wird die Höhe der Erbschaften mit Sicherheit unterschätzt, da Angaben zu Erbschaften von den vermögendsten Haushalten öfter verweigert wurden bzw. ganz fehlen.

Zunahme erwartet

Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien berechnete, dass die Anzahl und Höhe der Erbschaften aufgrund der demografischen Struktur Österreichs in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen werden. Die Wissenschafter rechnen daher mit einem Anstieg des übertragenen Vermögens von 9,5 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf über 14 Milliarden Euro jährlich bis 2020. Durch diesen Anstieg der Erbschaften wird die Verteilung der Vermögen in den kommenden Jahren noch ungleicher werden.

Dies hat enorme gesellschaftliche Konsequenzen. Viele Studien zeigen schon jetzt, dass es nicht egal ist, welcher Eltern Kind man ist. Die Bildung vom Elternhaus, die Wohngegend, die Schulwahl und nicht zuletzt die finanziellen Mittel der Familie spielen eine enorme Rolle für die individuellen Lebenschancen eines Kindes (siehe auch „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“). Wenn sich die bestehende Schieflage noch weiter zuspitzt, nimmt die Durchlässigkeit in der Gesellschaft weiter ab. Die Reichen bleiben reich und die Armen arm. Dies war und ist in Adelsgesellschaften so, widerspricht aber den Vorstellungen einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft. Hier sollten alle Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht die Möglichkeit bekommen können, in der Gesellschaft aufzusteigen und Erfolg zu haben. Um dies zu gewährleisten, heißt es, von den vermögenden Haushalten zu denen mit wenig Vermögen umzuverteilen.

Die Forschungsergebnisse zur Vermögensverteilung in Österreich zeigen eindrucksvoll, dass die Schieflage beim Reichtum enorm ist. Die ungleiche Steuerbelastung von Einkommen aus Arbeit gegenüber Kapitaleinkommen verstärkt diese Schieflage zusätzlich. So ist weithin bekannt, dass Österreich bei der Besteuerung von Vermögen international zu den Schlusslichtern gehört, bei der Besteuerung von Arbeit hingegen zu den Spitzenreitern. Eine notwendige Entlastung der ArbeitnehmerInnen kann nur mit höheren vermögensbezogenen Steuern gegenfinanziert werden. Denn die Spielräume im Budget sind begrenzt. Notwendige Strukturreformen können nicht ad hoc erfolgreich umgesetzt werden. Zudem werden zusätzliche Mittel im Bildungswesen und zur Pflege älterer Menschen gebraucht.

Mithilfe der jetzt vorliegenden Vermögensdaten können die Aufkommen aus unterschiedlichen Vermögenssteuermodellen berechnet werden. Die Universität Linz berechnete verschiedene Steuertarife und kam mit großzügigen Freibeträgen auf ein potenzielles Aufkommen zwischen zwei und fünf Milliarden Euro pro Jahr. Zusätzlich könnte eine Wiedereinführung von Erbschafts- und Schenkungssteuern laut Berechnungen einer Studie der WU Wien rund 550 Millionen Euro jährlich einbringen. Durch eine sinnvolle Ausgestaltung dieser Steuern mit großzügigen Freibeträgen wäre die breite Mehrheit der österreichischen Haushalte gemäß diesen Studien von diesen Steuern auch gar nicht betroffen.

Dies zeigt, dass eine Erhöhung vermögensbezogener Steuern finanzielle Mittel für die dringend notwendige steuerliche Entlastung für ArbeitnehmerInnen liefern kann. Damit wäre nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig ein wichtiger Schritt für eine offene und soziale Gesellschaft gesetzt.

Die Broschüre „Top-Vermögen und Einkommen in Österreich“ ist erhältlich unter:
tinyurl.com/qjhzwdd

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorinnen christa.schlager@akwien.at und miriam.rehm@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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