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Lili Markt an der Rechten Wienzeile Der Lili Markt an der Rechten Wienzeile ist eines von mehreren chinesischen Geschäften in der Nähe der Kettenbrückengasse. Die Gegend ist so etwas wie Wiens Chinatown.
Buchtipp

Drachenbrückengasse

Schwerpunkt

Die Geschichte der chinesischen Zuwanderung ist älter, als man vermuten würde. Bei der Kettenbrückengasse ist so etwas wie ein chinesisches Viertel entstanden.

Die Zeitung ist ganze 40 Seiten dick und wer chinesische Schriftzeichen nicht beherrscht, muss sich mit den Bildern begnügen. „Wir behandeln alle Themen, was im ‚Kurier‘ oder in der ‚Kronen Zeitung‘ steht, darüber wird bei uns auch berichtet“, erklärt Herbert Wang, seines Zeichens Herausgeber von „Europe Weekly“. Auf einem Foto sind unschwer die Überschwemmungen in Bosnien erkennbar, und natürlich darf in Zeiten wie diesen auch Conchita Wurst nicht in der Berichterstattung fehlen. „Europe Weekly“ in Wien ist Teil eines größeren Medienhauses, das Zeitungen in ganz Europa herausgibt. Die Wiener Ausgabe richtet sich auch an LeserInnen in 18 Ländern Mittel- und Osteuropas, erklärt Wang.

Wang ist auch Besitzer des chinesischen Buchgeschäfts in der Kettenbrückengasse im 4. Wiener Gemeindebezirk. „Der Buchladen ist mehr als zehn Jahre alt und er ist der einzige im deutschsprachigen Raum“, sagt er nicht ohne Stolz. Neben der Zeitung kann man dort Bücher und DVDs sowie ein paar andere chinesische Produkte kaufen. Ein weiteres Produkt des Medienhauses ist das Telefonbuch für Chinesinnen und Chinesen in Österreich, das es in der Dicke mit so manchem Bezirksbranchenbuch aufnehmen kann. Viele der darin angeführten Lokale und Geschäfte befinden sich in der Umgebung der Kettenbrückengasse, weshalb man dieses Viertel als Wiens Chinatown bezeichnen könnte. Diese Tatsache war auch vor ein paar Jahren für Herbert Wang Anlass für seine Initiative, die Kettenbrückengasse bei der Wienzeile mit einem chinesischen Eingangstor zu beschmücken. Widerstand war vorprogrammiert, denn in Zeiten, in denen ethnische Communities als „Parallelgesellschaften“ kritisiert werden, will niemand ein neues ethnisches Viertel entstehen sehen. Dabei gibt es im Falle Wiens eine wichtige Einschränkung: „Es ist eigentlich kein chinesisches Viertel, in dem die Chinesen leben, sondern eher ein Business-Viertel“, betont Wang. Insgesamt gebe es rund 50 chinesische Lokale und  Geschäfte. Schon jetzt gehört ein Besuch in der Gegend für chinesische Touristinnen und Touristen fast zum Pflichtprogramm.

Restaurants seit Ende der 1940er

Das Chinarestaurant: Vermutlich war jeder Österreicher und jede Österreicherin mindestens schon einmal dort essen, möglicherweise sogar in der Kettenbrückengasse gleich um die Ecke von Wangs Buchhandlung. Doch ist dies wirklich noch das wirtschaftliche Betätigungsfeld von chinesischen Migrantinnen und Migranten? Die Antwort lautet Ja, und dies hat eine längere Geschichte, als man ahnen würde. Schon Ende der 1940er-Jahre entstanden die beiden ersten Chinarestaurants. Fariba Mosleh schreibt in ihrer Diplomarbeit am Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie: „Der Goldene Drache in der Porzellangasse 33 im Alsergrund, Wiens 9. Bezirk, wirbt mit dem Slogan, Wiens erstes Chinesische Spezialitäten Restaurant gewesen zu sein.“ Bis heute ist die Gastronomie der wesentliche Wirtschaftszweig, in dem chinesische Migrantinnen und Migranten arbeiten. In den 1980er-Jahren gab es in Österreich 120 chinesische Restaurants, ihre Zahl ist inzwischen auf mehr als 1.000 angestiegen.

Die Geschichte der chinesischen Einwanderung nach Österreich reicht noch weiter zurück. „In ihren Ursprüngen geht sie schon auf die Monarchie zurück“, hält Gerd Kaminski vom Ludwig Boltzmann-Institut für China- und Südostasienforschung fest. Viel zitiert ist das Schiff Kaunitz der Österreichischen Ostindischen Kompanie, auf dem im Jahr 1780 zwei chinesische Bootsknechte von Triest nach Wien kamen. „Aus eigener Initiative kamen Chinesen erst 1902 nach Österreich“, schreibt Mignan Zhao in einem Dossier des Österreichischen Integrationsfonds. Zugleich seien die damaligen chinesischen Migranten mit massivem Rassismus von konservativen Politikern und Behörden konfrontiert gewesen. Zhao zitiert aus der christlich-sozialen Reichspost: „Das geniert die gelben Söhne der Mitte nicht. In schmieriger chinesischer Tracht oder auch fragwürdiger europäischer Kleidung streichen sie durch die Straßen. (…) Es wäre an der Zeit, daß (sic!) die Behörden diesem Treiben ein Ende setzen.“ Die Konsequenz: Im April 1914 wurden 24 Chinesen aus Wien abgeschoben.

Migrationswelle in den 1980ern

Die weitere Geschichte ist wechselhaft: Der Erste Weltkrieg führte zu einem Abbruch der Beziehungen zwischen China und Österreich, in der Zwischenkriegszeit wiederum gründeten chinesische Studenten den „Verein chinesischer Studenten“, der seinen Sitz im Hotel de France an der Wiener Ringstraße hatte. 600 Personen gehörten der chinesischen Community in der Ersten Republik an, sie wurden allerdings mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland vertrieben, so Zhao. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wanderten wieder Chinesen nach Österreich ein, und zwar Ende der 1940er-Jahre. Es waren chinesische Landbewohner, die aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen hatten und ihr Glück in der Gastronomie versuchten. Kaminski ergänzt: „Laut den Aufzeichnungen unserer Gesandtschaft haben sich 40 Studenten 1949 angemeldet, um in Österreich zu studieren. Von denen sind die meisten aber wahrscheinlich nicht hergekommen.“

Bis chinesische Migrantinnen und Migranten in größerer Zahl nach Österreich einwanderten, sollten allerdings noch rund 30 Jahre vergehen. „Die große Einwanderung kam Ende der 1980er-Jahre, als die Reformpolitik  zu wirken begann“, sagt Sinologe Kaminski. Die meisten kamen aus einer bestimmten Region und hatten zum Teil schon Verwandte in Österreich. Der „Löwenanteil“ komme aus der Provinz Zhejiang. Davon kommt eine Gruppe aus dem Landkreis Qingtian, den Kaminski mit dem Burgenland vergleicht: „Es leben wahrscheinlich mehr Leute im Ausland als in Qingtian selbst. Mittlerweile ist das eine blühende Gegend.“ Die andere Gruppe komme aus der „Mehrmillionenstadt“ Wenzhou: „Diese ist bekannt für seine sehr umtriebigen Händler, die die wirtschaftliche Öffnung sofort genützt haben, um durchs Land zu reisen und sehr erfolgreich Geschäfte zu machen.“

Wandel

Wie viele Menschen mit chinesischem Migrationshintergrund leben, ist wie bei den meisten anderen MigrantInnengruppen nur schwer zu eruieren. Schätzungen gehen von rund 30.000 Personen aus. Während sich die ältere MigrantInnen-Generation noch sehr eng mit dem Heimatland verbunden fühlt, zeichnet sich in der zweiten und dritten Generation ein Wandel ab. „Die jetzige Einwanderergeneration legt größten Wert auf die Beziehungen zur chinesischen Botschaft. Diese Bindung setzt sich offensichtlich bei den Kindern oder zumindest Enkelkindern nicht fort“, so Kaminski. Einen weiteren Strukturwandel gebe es in Bezug auf den Bildungshintergrund: „Aus Meinungsumfragen geht hervor, dass die Kinder, die hier geboren wurden oder seit jungen Jahren aufgewachsen sind, wenig Animo haben, die Chinarestaurants der Eltern zu übernehmen. Sie studieren Wirtschaft, nicht wenige interessanterweise Sinologie mit Wirtschaft. Dann haben wir Juristen dabei und Leute, die ins Modul gehen.“

Buchhändler Herbert Wang bedauert, dass sich die jüngere Generation entfernt, und nicht nur weil dadurch natürlich auch seine Klientel kleiner wird. „Ich habe zwei Töchter, diese sprechen mit mir zwar Mandarin, schreiben ist für sie aber schwieriger“, sagt er und ergänzt: „Gott sei Dank gibt es drei chinesische Schulen in Wien.“ Die etwas mehr als 1.000 SchülerInnen nehmen dort Unterricht in Chinesisch oder Kurse in Kalligrafie, Malerei, Tanz oder Kung Fu. Das Buchgeschäft ist immerhin auch für die jüngere Generation eine Möglichkeit, die chinesische Sprache am Leben zu erhalten, und für die ältere Generation bedeutet es, die Bindung an das Heimatland zu bewahren – oder wie es Wang ausdrückt: „Eine Zeitung in der Muttersprache zu lesen, wenn man Heimweh hat.“ Was das chinesische Tor am Anfang der Kettenbrückengasse betrifft, ist Wang pragmatisch: „Es gibt ja nicht nur chinesische Geschäfte hier, wir sind international.“ Deshalb ist nun im Gespräch, die Kettenbrückengasse nach Vorbild der Neubaugasse allgemein zu bewerben. 

Web-Tipp:
Mehr Info unter: www.social-europe.eu

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin mail@sonja-fercher.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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