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Sonja Fercher Sonja Fercher, Chefin vom Dienst

Standpunkt | Blick ins chinesische Kaleidoskop

Meinung

Als ich klein war, bekamen wir immer wieder Besuch von einem kleinen Herrn, der mich faszinierte. Herr Hu war Gastprofessor aus Peking – und irgendwie roch er schon anders. Das war aber nicht das Einzige, was anders war, wenn er uns beehrte: Immer gab es etwas Exotisches zum Essen, es wurde anderes Geschirr aufgedeckt, und ich lernte, dass man in China nicht mit Messer und Gabel, sondern mit Stäbchen isst. Fasziniert beobachtete ich, wie geschickt er sich dabei anstellte, während ich befürchtete, nie etwas vom Teller in meinen Mund transportieren zu können. Am Tisch wurde noch dazu eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Besonders gut erinnere ich mich an ein Gastgeschenk: Herr Hu überreichte meinem Vater einen Stempel mit verschnörkelten Lettern, die den Namen meines Vaters auf Chinesisch darstellen sollten, wie man mir erklärte. So lernte ich, dass es nicht nur andere Sprachen gibt, sondern auch Länder, in denen man andere Schriftzeichen als hier verwendet.

Paläste und Terrakotta-Armeen

Jahre später reiste mein Vater nach China. Erneut war ich fasziniert von den vielen Fotos und Souvenirs, die er mitbrachte. Ich war beeindruckt von den großen Palästen, der Terrakotta-Armee und vom ungewöhnlichen Stadtbild mit den Rad fahrenden Chinesinnen und Chinesen. Zugleich bekam ich mit, dass es ein Land ist, in dem die Menschen nicht sonderlich frei und schon gar nicht sonderlich wohlhabend sind.

Skepsis und Vorurteile

Diese kindlichen Erinnerungen wurden wieder wach, als ich die Beiträge dieser Ausgabe las. Seither hat sich in China viel verändert. Man liest und hört von enormen Wachstumszahlen, gigantomanischen Bauprojekten, Billiglohn-Sklaven, Umweltverschmutzung, Einschränkungen der freien Meinungsäußerung und den Versuchen des Regimes, den Kapitalismus ins Land zu lassen, ohne dabei auch Demokratie zu importieren. Seitdem China an der Vermehrung des Wohlstands arbeitet und dies auch noch in riesigen Schritten tut, ist in Europa die Skepsis erwacht. Diese wiederum lässt auch so manches Vorurteil sprießen: In China kann man ohnehin nur eins, und das ist kopieren. Weil Chinesinnen und Chinesen harmoniebedürftig sind, gibt es keinen nennenswerten Widerstand gegen die Ausbeutung der ArbeiterInnen. Wie alle Länder außerhalb Europas scheren sie sich nur wenig um Umweltschutz.

In all diesen Vorurteilen stecken natürlich die berühmten Körnchen Wahrheit, an denen es nichts schönzureden gibt. Wir haben uns mit dieser Ausgabe das Ziel gesetzt, China möglichst facettenreich darzustellen. Ähnlich vielfältig wie die Mosaiksteine meines Gedächtnisses sind auch die vielfältigen Artikel dieser Ausgabe: Es geht um das innovative China aus Vergangenheit und Gegenwart, um Geschlechterrollen, Stadtplanung und Umweltfragen, um chinesisches Essen und chinesische Medizin, und es geht um chinesische Migrantinnen und Migranten in Österreich. Wie es sich für eine Gewerkschaftszeitschrift gehört, stehen die chinesischen ArbeitnehmerInnen im Zentrum. Ihnen sowie der Arbeit der chinesischen Gewerkschaften sind gleich mehrere Beiträge gewidmet. Eins gleich vorweg: Es gibt auch positive Nachrichten. Insgesamt ist ein ambivalentes wie vielfältiges Bild eines Landes entstanden, das in der internationalen Politik eine zentrale Rolle spielt.

Dank und Wünsche

Zum Abschluss noch eine Anmerkung in eigener Sache: Es ist mir eine große Freude, diese Ausgabe der Arbeit&Wirtschaft zu verantworten. Als Autorin habe ich die Zusammenarbeit mit Katharina Klee bislang sehr geschätzt und möchte ihr auf diesem Weg alles Gute für die Zukunft wünschen. Ihnen wiederum wünsche ich viel Freude beim Eintauchen in unser chinesisches Kaleidoskop. 

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