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Symbolbild zum Bericht Rund um die Uhr sind die Arbeiter im Einsatz, um ein Hochhaus nach dem anderen in die Höhe zu ziehen. Dem enormen Zeitdruck wird die Sicherheit der Beschäftigten oft untergeordnet.
Buchtipp

Variable Sicherheitskulturen

Schwerpunkt

Bei Besuchen in ausländischen Firmen zeigten sich unterschiedliche Sicherheitskulturen. So manche Ausrede der dortigen ManagerInnen klingt vertraut.

Es war meine erste Reise nach China: Auf Initiative des ÖGB-Vereins „weltumspannend arbeiten“ machte ich gemeinsam mit 21 österreichischen Betriebsrätinnen/Betriebsräten und Gewerkschafterinnen/Gewerkschaftern eine Recherchereise, bei der wir die Begegnung zu Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern in österreichischen Tochterbetrieben in China suchten. Übermüdet und nach einem langen Flug empfing mich Shanghai mit kühlem, trübem Nieselwetter. Die ersten Eindrücke waren durchaus überwältigend: die Fahrt mit dem 300 km/h schnellen Transrapid vom Flughafen in die Stadt, die Kulisse einer modernen Großstadt der Superlative mit atemberaubender Skyline mit rekordverdächtigen Hochhäusern und unzähligen Baukränen entlang des Huangpu-Flusses.

Entlang der Einkaufsstraßen findet man modernste und hochpreisige Designergeschäfte aller Weltmarken mit großflächigen Werbungen westlicher Prägung. Massenhaft Menschen sind bis spät in die Nacht unterwegs. Die Straßen sind verstopft durch Autokolonnen unzähliger großer Fahrzeuge teurer westlicher Marken. Diese Stadt boomt und trotz des kühlen Wetters war die Überhitzung deutlich spürbar.

Hinter der Fassade

Langsam wich die Blendung durch den Glanz und Glamour und gab den Blick frei für die anderen Realitäten dieser Stadt. Rund um die Uhr wachsende Hochhausschluchten, die, kaum fertiggestellt, bereits eigenartig trostlos wirken und entfernt an die Plattenbauten der früheren kommunistischen Länder in Europa erinnern. Dabei handelt es sich nicht um sozialen Wohnbau, erklärte uns unser Reisebegleiter. Derartiger Wohnraum kostet bis zu 5.000 Euro pro m² und ist somit den reichen Menschen in dieser Stadt vorbehalten. Die Fahrten über Stelzenautobahnen gaben immer wieder den Blick auf alte und kleine Häuser frei, die wie Inseln zwischen den Hochhäusern wirkten. Lange Zeit werden diese dem Bauboom wohl nicht mehr trotzen können. Dem Vernehmen nach sind jene Menschen, die eine Alternative finden konnten, bereits abgewandert. Jene, die noch da sind, werden wohl letztlich gewaltsam weichen müssen. Rund um die Stadt liegen die Industrieparks mit den Produktionsstätten namhafter Unternehmen aus aller Welt. Die ArbeiterInnen hier zählen nicht zu den Bewohnerinnen und Bewohnern der Hochhausschluchten. Viele von ihnen wohnen in Wohngemeinschaften, um Geld zu sparen. Ihr Einkommen ist deutlich besser als in den ländlichen Gebieten Chinas. Wie uns unser Reiseleiter informierte, reicht das monatliche Einkommen von ca. 250 Euro für ein „gutes Leben“, aber nicht zum Kauf einer Wohnung.

Mein besonderes Interesse bei den Betriebsbesuchen galt der Umsetzung von Arbeitssicherheitsstandards österreichischer Unternehmen in den chinesischen Tochterbetrieben. Auch in China gibt es gesetzliche Regelungen zum ArbeitnehmerInnenschutz. Wie in vielen anderen Bereichen wurden von den chinesischen Behörden westliche Standards analysiert und teilweise fast eins zu eins in chinesische Regelwerke übersetzt. Besonderer Wert auf die Einhaltung der Bestimmungen wird bei ausländischen Unternehmen gelegt. Sie werden regelmäßig überprüft. In allen besuchten Betrieben waren daher auch Maßnahmen zum ArbeitnehmerInnenschutz umgesetzt, allerdings auf unterschiedlichem Niveau.

Ohne Blatt vor dem Mund

Eines wurde bei allen Betriebsbesuchen klar: Regeln und Gesetze sind das eine, die Beziehung zum Industrieparkmanager ist jedoch das andere. Dieser regelt im Auftrag des Staates alle Details im Industriepark und ist stark mit der Politik vernetzt. Einige unserer Gesprächspartner nahmen sich kein Blatt vor den Mund und berichteten, dass so mancher Parkmanager großen Wert auf die Teilnahme an laufenden Ess- und Trinkritualen oder auf „ordentliche“ Neujahrsgeschenke lege. Wird die Beziehungspflege missachtet, könne es schon vorkommen, dass für den Betrieb verschärfte Prüfungen und Auflagen die Folge sind.

Sicherheitskultur mit Ausprägungen

In den besuchten Betrieben erlebte ich unterschiedliche Interpretationen zum Thema Sicherheitskultur. Diese lassen sich in drei Typen einteilen:

  • „Laissez Faire“

Die notwendigen Schutzmaßnahmen wurden umgesetzt und entsprechende Schutzausrüstung ist vorhanden, aber die Verwendung bleibt den Arbeiterinnen und Arbeitern überlassen. Ob der Zugang zu Löscheinrichtungen durch einen davor aufgebauten Ölbehälter verhindert wird, ist nicht so wichtig. Der Fokus des Managements ist auf die Erhaltung der Produktivität gerichtet, jede Auseinandersetzung mit der Implementierung von Sicherheitskultur wird als Ablenkung vom Wesentlichen abgetan.

  • „Einhaltung von Regeln“

Nahezu überall im Betrieb werden Sicherheitsmaßnahmen demonstrativ zur Schau gestellt. Poster, Markierungen und Fehlertabellen sind allgegenwärtig. Eine Sicherheitskultur aber ist nicht spürbar. Vielmehr reduziert sich Sicherheit darauf, zu dokumentieren, dass Anweisungen befolgt werden.

  • „Sicheres Verhalten als Unternehmenskultur“

Sicheres Verhalten ist durch konsequentes Training als Teil der Unternehmenskultur nach europäischem Standard implementiert und verinnerlicht.

Sie wachsen schnell, die neuen Hochhäuser. Dem enormen Zeitdruck werden so manche Sicherheitsvorkehrungen geopfert. Arbeiter turnen ungesichert auf wackeligen Bambusgerüsten umher, Schweißer machen in großer Höhe akrobatische Verrenkungen, um eine Schweißnaht zu ziehen, und Monteure tauschen mitten im Straßenverkehr mithilfe einer durch die Stromleitung abgestützten Leiter Straßenlampen aus. Hier scheint das Motto zu gelten: Gemacht wird, was notwendig ist, notfalls auch mit unsicheren Arbeitsmitteln und Arbeitsmethoden.

Ausländische Unternehmen werden häufig durch die Behörden überprüft und weisen unterschiedliche Standards im ArbeitnehmerInnenschutz auf. In vielen Betrieben ist das Niveau nicht mit den europäischen Standorten vergleichbar. In zwei von uns besuchten Betrieben wurde ArbeitnehmerInnenschutz als Teil der Unternehmenskultur auf hohem Niveau umgesetzt. Ob die schlechten Bedingungen auf Baustellen Schlüsse auf chinesische Produktionsbetriebe zulassen, ist unklar. Der Verdacht liegt aber nahe, dass die gesetzlichen Bestimmungen in vielen Fällen nicht vollständig eingehalten werden. Einige Manager in den besuchten Betrieben vertraten die Auffassung, dass chinesische ArbeiterInnen nicht gesundheitsbewusst seien, weshalb die Umsetzung von Schutzmaßnahmen auf Widerstand stoße. Bei aller Kritik an chinesischen Betrieben ist doch eine Parallele auffällig: Auch manche österreichische ManagerInnen neigen dazu, Fragen des ArbeitnehmerInnenschutzes zu vernachlässigen. Hohe Standards sind auch in Österreich oft nur auf die Initiative von Betriebsrätinnen und Betriebsräten sowie Sicherheitsvertrauenspersonen zurückzuführen.

Resümee

Soziale Schieflagen in China sind Realität. Manche der Themen sind auch in einer europäischen (Sozial- und) Wirtschaftsunion nicht ganz fremd, wenn auch auf wesentlich höherem Niveau. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Kritik an China oft besonders lauthals geübt wird. Annäherung und Begegnung ist nur möglich, wenn es gelingt, sich über die eigenen Klischees hinweg zu öffnen und die stattfindenden Veränderungen vor dem Hintergrund der chinesischen Kultur und der gesellschaftlichen Realität zu sehen und zu beurteilen. Bei aller berechtigten Kritik ist nicht zu übersehen, was China in den letzten Jahren geleistet hat. Immer mehr Menschen profitieren von der Entwicklung und den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Preis dafür ist allerdings beachtlich und für eine Europäerin/einen Europäer vielleicht nicht immer nachvollziehbar oder akzeptierbar. Mein Blick auf dieses Land und seine Menschen ist weiter geworden, einige meiner Fragen haben sich geklärt, aber weit mehr sind entstanden. Es wird nicht meine letzte Reise in dieses beeindruckende Land gewesen sein.

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