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Symbolbild zum Bericht Laut Greenpeace sind 70 Prozent der Flüsse, Seen und Wasserreservoirs Chinas mit Schadstoffen belastet. Das gilt auch für das Meer - besonders in der Nähe der industriellen Zentren.

Der ungezähmte Kapitalismus

Schwerpunkt

Der Raubbau an Mensch und Natur hat horrende Folgen, doch auch in China selbst wird gegengesteuert - nur nicht ausreichend, wissen Expertinnen und Experten.

Früher einmal „schmeckte das Wasser hier süß“, erklärt der chinesische Fischer Li Shuzhong, „nun ist es eine braune Brühe“. Der Abfluss einer Papierfabrik leitet 24 Stunden hindurch Schadstoffe in sein Fischereirevier – in die ehemals klaren Fluten des Flusses Jangtse (mit 6.380 Kilometern ist der Jangtsekiang Chinas längster Fluss, er teilt das Land in Nord- und Südchina). Die Fischer müssen abwandern, um neue Fischgründe zu finden. Für den 54-jährigen Li Shuzhong ist dies nicht das primäre Problem, denn er leidet unter Speiseröhrenkrebs und wiegt mit 35 Kilogramm nur noch die Hälfte seines ehemaligen Körpergewichts. Auf seine Geschichte und die massive Umweltverschmutzung macht die Umweltschutzorganisation Greenpeace (www.greenpeace.org) in einem Video aufmerksam.

Erde und Wasser

Laut Greenpeace sind 70 Prozent der Flüsse, Seen und Wasserreservoirs Chinas mit Schadstoffen belastet. Das gilt auch für das Meer – besonders in der Nähe der industriellen Zentren. „Die Smog-Werte der Hauptstadt Peking liegen um das 14-Fache höher als der empfohlene Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, weiß Greenpeace-Expertin Julia Kerschbaumsteiner. Nach einem heuer im April gemeinsam vom chinesischen Umweltschutz- und Landwirtschaftsministerium herausgegebenen Bericht sind 20 Prozent der landwirtschaftlichen Anbauflächen vergiftet, mit stark steigender Tendenz. Das Ackerland ist durch gefährliche Mengen von Schwermetallen wie Cadmium, Zink, Nickel, Blei und Quecksilber sowie durch Pestizide belastet. Die Hauptverursacher dessen sind Bergwerke, Schmelzereien und Fabriken. Häufig gelangen die unbehandelten Industrieabfälle in die Flüsse und von dort in die Bewässerungskanäle. Mit fatalen Folgen: Die Provinz Hunan ist zwar der führende Reisproduzent Chinas, doch in diesem Gebiet gibt es auch den größten Zink- und Bleiabbau, der den Boden in Hunan besonders stark verschmutzt.

Die offiziellen Umweltstandards sind auch in China hoch, doch die Realität sieht anders aus. „Ein Unternehmen, das Umwelt und Arbeitskräfte besonders ausbeutet, kommt bislang meist ungestraft davon. Also kann es wesentlich billiger produzieren als bei uns“, weiß Wolfgang Müller, Chinaexperte der IG Metall Bayern. Aber auch hier gibt es Unterschiede in den einzelnen Branchen. „Kleinere Textilfabriken oder etwa Jeans-Färbereien können nur durch Niedriglöhne und Belastung der Natur so günstig sein. In Chinas Autoindustrie etwa sind die Verhältnisse anders: Die Produktion hat in der Praxis ähnliche Umweltstandards wie in Europa. Die Lohnkosten liegen bei etwa 25 bis 35 Prozent der Lohnkosten hierzulande“, ergänzt Müller.

Große europäische Konzerne halten sich in ihren Werken in China peinlich genau an die Umweltstandards, weil sie sonst mit politischem Gegenwind und negativem Image rechnen müssen. Das gilt ebenso für Arbeits- und Sozialstandards. Ein ganz anderes Thema sind allerdings die Zulieferketten. Beispiel Sportschuhe: „Der taiwanesische Schuhkonzern Yue Yuen produziert mit über 40.000 Arbeitern im Perlflussdelta hauptsächlich für Adidas und Nike. Vor Kurzem hat eine riesige Streikwelle alle Yue-Yuen-Werke in Südchina lahmgelegt. Da ging es nicht um die Umwelt, sondern um jahrelang vorenthaltene Sozialbeiträge für die Rentenkassen“, erklärt Müller.

Doch der Niedriglohnbereich wird immer mehr zurückgedrängt. Seit 2009 steigen die Arbeitskosten überall in China jährlich im zweistelligen Prozentbereich, ebenso die regional unterschiedlichen gesetzlichen Mindestlöhne. In China geht das Angebot an Arbeitskräften insgesamt zurück. Außerdem sind die ArbeiterInnen und vor allem die WanderarbeiterInnen viel selbstbewusster als früher, und sie fordern ihren Anteil am Wirtschaftsaufschwung. Wolfgang Müller: „Diese fortschrittlichen Entwicklungen werden leider in Europa kaum beachtet.“ Branchen mit ausgeprägten Niedriglöhnen suchen deswegen nach neuen Destinationen in Asien – Vietnam, Bangladesch, Philippinen oder Indonesien.

Krankheiten und Konsequenzen

„Die Menschen leiden massiv unter Atemwegs- und Augenerkrankungen, unter Herz- und Kreislaufproblemen – das ist direkt auf den Smog und auf die Schadstoffbelastung in der Luft zurückzuführen“, erzählt Julia Kerschbaumsteiner von Greenpeace. Inzwischen machen die Folgekosten der Umweltverschmutzung fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung aus. „Die chinesische Regierung wollte durch Filter die Luftqualität verbessern“, sagt Kerschbaumsteiner. Auch strenge Regularien für die Stahlindustrie sollten Verbesserungen schaffen und die Schadstoffe in der Luft reduzieren. Denn immerhin die Hälfte der weltweit verbrannten Kohle hat China zu verantworten – der Strom der Volksrepublik wird zu 80 Prozent aus dem fossilen Brennstoff gewonnen. „Allein in der chinesischen Provinz Hebei um Peking herum gibt es mehr Kohlekraftwerke als in den USA insgesamt. Nur die allerwenigsten Kraftwerke haben schon die modernsten Standards der Abgasreinigung“, weiß Wolfgang Müller. Zum Vergleich: Die USA liegen beim Kohleverbrauch mit etwa zwölf Prozent an zweiter Stelle. Julia Kerschbaumsteiner: „Doch in Summe haben auch die Filter wenig gebracht, und nun haben sich einige Provinzen durchgerungen, Kohlekraftwerke zu schließen.“ Schon im September 2013 hat der Staatsrat der Volksrepublik einen Aktionsplan zur Verringerung der Luftverschmutzung vorgestellt: Demnach sollen in den Regionen Peking-Tianjin-Hebei, Jangtseflussdelta und Perlflussdelta keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Andererseits sieht der chinesische 12. Fünfjahresplan die weitere Errichtung von 16 riesigen Kohlekraftwerken in anderen Regionen vor.

Zukunft und erneuerbare Energien

IG-Metall-Experte Müller: „Dass Chinas Umweltverschmutzung nicht nur die Menschen belastet, sondern auch die Wirtschaft, und dass der Dreck und das Gift längerfristig Wachstum kosten, hat Chinas Regierung erkannt. Doch der Umbau von Chinas Wirtschaft dauert. Der extensive Raubbau an Mensch und Natur gehört zum Kapitalismus. China ist mit seiner Entwicklung nach nur 30 Jahren jetzt an einem Punkt angelangt, wo der ungezähmte Kapitalismus die Grund-lagen des Wachstums und der Gesellschaft zerstört.“

Aber immer mehr Chinesinnen und Chinesen werden selbst gegen Umweltsünder und ungehemmte Industrialisierung aktiv. Große, tagelange Demonstrationen in der Hafenstadt Dalian in Nordostchina und im Perlflussdelta bei Guangzhou haben vor Kurzem zwei riesige Industrieprojekte gestoppt.

Führender Produzent von Windrädern

„Ein Nebeneffekt im Kampf gegen die Verschmutzung: Die erneuerbaren Energien sind ein günstiges Geschäftsfeld. So ist China das Land, das die meisten Windräder herstellt, aber auch die meisten zur Energiegewinnung selber betreibt“, sagt Wolfgang Müller. Der ökologische Druck hat zu einem gewissen Umdenken geführt. Wie andere Länder auch, hat China massiv in erneuerbare Energien investiert und mit Staatsgeldern und billigen Krediten die Forschungsanstrengungen und den Aufbau großer Unternehmen forciert.

Aufgrund der großen Nachfrage nach Solartechnik in Europa und den USA wurden gewaltige Fabriken gebaut, die überwiegend für den Export produzierten. Auch dank niedriger Lohnkosten konnten chinesische Anbieter frühere Weltmarktführer wie die deutsche Q-Cells oder Solarworld in wirtschaftliche Schieflage bringen.

Auf der Liste der zehn größten Solartechnik-Hersteller der Welt finden sich derzeit fast ausschließlich chinesische Firmen. Allerdings wirken sich die großen Überkapazitäten in der weltweiten Zellproduktion nun auch in China aus – immerhin übertrifft allein die chinesische Produktionskapazität für Solarzellen derzeit die globale Nachfrage um das Doppelte. Deshalb hatten die USA und die EU Strafzölle gegen chinesische Produzenten verhängt, denen Preisdumping vorgeworfen wurde.

Aufstieg im Ranking

Es gibt Grund zur leichten Hoffnung: Der Klimaschutz-Index 2014, der China als den größten CO2-Emittenten der Welt ausweist, gibt an, dass die Klimaschutzleistungen gegenüber dem Vorjahr leicht verbessert wurden. Damit ist China auf Rang 46 (USA Rang 43) von gesamt 61 Ländern gestiegen.

Web-Tipp: Download der Broschüre „Schmutzige Wäsche – Die Belastung chinesischer Flüsse durch Chemikalien der Textilindustrie“ unter: tinyurl.com/l9h6dmq

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