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Symbolbild zum Bericht Australische Firmen gingen in den letzten Jahrzehnten dazu über, ihre ArbeiterInnen nicht mehr direkt am Arbeitsort anzusiedeln, sondern sie von ihrem Wohnort aus einzufliegen.

"Bis in drei Wochen, Schatz!"

Internationales

Wenn der Arbeitsort Hunderte Kilometer weit entfernt ist, kommt man nur alle paar Wochen heim - per Flugzeug. In Australien heißt das: Fly-in fly-out, kurz FIFO.

Ich lebe mit unseren beiden Kindern in Perth, an der Westküste Australiens. Mein Mann arbeitet in der Nähe von Onslow. Diese 500-Seelen-Gemeinde liegt rund 1.400 Kilometer nördlich von Perth. Mit dem Flugzeug braucht er dorthin knapp drei Stunden. Und so wie alle anderen Frauen und Männer, die auf derselben Großbaustelle arbeiten, kommt er nur alle drei Wochen nach Hause. Dann hat er eine ganze Woche lang frei, zusätzlich zu seinem Jahresurlaub. Diese Art Arbeitsrhythmus an einem abgelegenen Arbeitsort nennt sich „Fly-in fly-out“, kurz FIFO. FIFO zu arbeiten ist in Australien längst keine Ausnahme mehr: In Westaustralien arbeiten mehr als 50.000 Menschen FIFO, Tendenz steigend.

Westaustralien: reich und weit

Der Reichtum Westaustraliens gründet sich auf seine Energierohstoffe und Bodenschätze. Es sind dies Öl, Gas und Kohle sowie Bauxit, Eisenerz, Mangan, Gold und Diamanten, um nur die Wichtigsten zu nennen. Westaustralien ist ungefähr siebenmal so groß wie Deutschland, allerdings leben hier nur 2,5 Millionen Menschen.

Der Bundesstaat ist de facto nur in den Küstenregionen besiedelt, drei Viertel der EinwohnerInnen leben in der Agglomeration von Perth. Die meisten Minen und Fördergebiete sind jedoch irgendwo „in the middle of nowhere“ in diesem riesengroßen Land. Früher zogen die Bergleute und die ArbeiterInnen dorthin, wo es etwas zu holen gab, und wenn eine Mine nichts mehr hergab, zogen sie weiter. Sie hinterließen die Geisterstädte des westaustralischen „Gold Rush“ des 19. Jahrhunderts.

Das Städtchen Onslow, wo mein Mann arbeitet, liegt im Outback. Rote, staubige Erde, Buschland, Fliegen und Termitenhügel so weit das Auge reicht. Die nächste größere Stadt, Karratha, mit 12.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, ist 300 Kilometer entfernt. Gleich neben Onslow baut ein internationales Firmenkonsortium an einem riesigen Infrastrukturprojekt, das der Gasförderung dient.

Die Baufirma, für die mein Mann arbeitet, hat allen mitreisenden europäischen Familien Wohnmöglichkeiten in Perth angeboten, nicht jedoch in Onslow. Denn das Angebot an Immobilien in Onslow ist, entsprechend der Größe des Orts, bescheiden. Eigens neue Wohnsiedlungen hochzuziehen wäre zwar möglich, doch damit hat man in Australien keine sehr guten Erfahrungen gemacht. Wenn nämlich mehrere Tausend ArbeiterInnen in eine Kleinstadt ziehen, wo davor gerade einmal fünfhundert Seelen lebten, so stößt eine solche Gemeinde rasch an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Es müsste neben Wohnhäusern auch grundlegende Infrastruktur wie Krankenhäuser und Schulen gebaut werden. Doch kleine Gemeinden können eine solche plötzliche Explosion der Einwohnerzahlen auf sozialer Ebene nur schwer verdauen – und auch die Familien der Beschäftigten, die sich mit einem Mal mitten im Outback wiederfinden, sind damit nicht unbedingt glücklich.

Australische Firmen gingen daher in den letzten Jahrzehnten dazu über, ihre ArbeiterInnen nicht mehr direkt am Arbeitsort anzusiedeln, sondern sie von ihrem Wohnort aus einzufliegen. Das hatte den Vorteil, dass die Familien der Beschäftigten nicht mehr im Outback leben mussten, sondern dort bleiben konnten, wo es gute Infrastruktur gab, z. B. in Perth. Es war außerdem nicht mehr notwendig, in den Outback-Gemeinden neue Stadtteile hochzuziehen. Für die ArbeiterInnen allein stellt man einfach Wohncontainer hin, sogenannte Dongas. Ähnlich einem Motelzimmer bietet eine Donga einen möblierten Schlafraum mit Badezimmer. Aus solchen Dongas entstehen dann Siedlungen für mehrere Tausend ArbeiterInnen. Gegessen wird in einer Kantine, es gibt auch Fitnesscenter und Freizeitangebote sowie medizinische Versorgung.

Arbeitsplatz-Camps

Diese „Camps“, wie sie genannt werden, funktionieren de facto wie normale Kleinstädte. Nur dass die Nahrungsmittel ebenso wie der Abfall über Tausende Kilometer weit heran- und wieder weggekarrt werden müssen. Denn ein Hinterland, wo z. B. Gemüse wächst, gibt es nicht. Und die Wohncontainer werden, sobald die Baustelle fertig ist, wieder abgebaut und zur nächsten Baustelle geschafft. Mittlerweile haben sich Firmen nur auf dieses Business spezialisiert: Container aufbauen, Essensversorgung durch Großküchen, Abfallentsorgung.

Auch wenn es sich wie eine Art Ferienkolonie anhört, ist so ein Camp natürlich mitnichten Urlaub. Dazu trägt nicht nur das rüde Klima der Region bei: Je nach Jahreszeit ist es in Onslow entweder heiß und trocken oder heiß und feucht. Im Sommer hat es um die vierzig Grad, im Winter immer noch knapp dreißig. Wer sein klimatisiertes Büro verlässt, der wird von Fliegen umschwärmt und von Sandfliegen gebissen. Im Sommer – d. h. zwischen Dezember und März – kommt auch öfter mal ein Zyklon bedenklich nahe. Für die möglichen Freizeitaktivitäten bleibt meist wenig Zeit. Nach der Arbeit eine halbe Stunde ins Fitnesscenter, danach Abendessen, vielleicht ein Bier mit den Kollegen und dann früh ins Bett. Denn Arbeitsbeginn ist spätestens um sechs Uhr morgens. Wer einen Drei-eins-Arbeitsplan hat, der/die arbeitet drei Wochen durch, danach hat er/sie eine Woche frei und fliegt nach Hause. Je nach Vertrag, Firma und Baustelle bzw. Mine kann so ein Vertrag auch einen anderen Rhythmus umfassen, von acht-sechs (acht Tage Arbeit, sechs Tage frei) bis vier-eins (vier Wochen, eine Woche) gibt es viele verschiedene Varianten.

Arbeitsrhythmus mit Nebenwirkungen

Ein solcher Arbeitsrhythmus ist natürlich nicht frei von Nebenwirkungen. Nicht alle Familien verkraften es gut, einander nur in Intervallen zu sehen. Und die intensiven Arbeitsperioden – denn während der Zeit „on site“ gibt es kaum freie Tage – können sich über die Jahre hinweg zur physischen und auch psychischen Belastung auswachsen. Das bringt oft Probleme mit Drogen oder Alkohol mit sich, gegen die seitens der Arbeitgeber penibel vorgegangen wird, in erster Linie natürlich aus Gründen der Sicherheit am Arbeitsplatz.

Der Alkoholkonsum in den Camps ist streng limitiert, und alle Beschäftigten werden regelmäßigen Drogentests unterzogen. Wer bei einer Kontrolle mit Drogen im Blut erwischt wird, ist sofort seinen Job los.

Die Bezahlung stimmt

Warum ist FIFO trotzdem für die AustralierInnen attraktiv? Eine einfache Antwort: Die Bezahlung stimmt. Wer FIFO arbeitet, verdient deutlich mehr als bei normalen Arbeitsverträgen. Selbst wenig qualifizierte ArbeiterInnen haben hier die Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen.

Für junge Menschen, die eine Familie gründen wollen, kann es interessant sein, in sagen wir drei Jahren den Gegenwert eines Einfamilienhauses zu verdienen. Das gilt für Männer wie für Frauen, denn FIFO ist keineswegs eine Männerdomäne. Die Frauen in den Camps machen auch nicht bloß die Küchenarbeit, sondern sind ebenso in den qualifizierten Baujobs zu finden.

Auch jenseits vom gut befüllten Konto ist FIFO wegen der geblockten Freizeit durchaus attraktiv. Viele Singles verbringen ihre freien Tage gerne gleich gar nicht in Perth, sondern im nahe gelegenen Bali beim Surfen oder mit Wellness. Jene, die Familie haben, können sich wirklich intensiv ihren Kindern widmen und an deren Alltag teilnehmen. Dreizehn Wochen Freizeit plus sechs Wochen Jahresurlaub, damit lässt sichs schon leben.

Wenn mein Mann aus Onslow zurückkommt, ist er erst mal müde und schläft sich aus. Denn drei Wochen durcharbeiten, mit nur einem freien Tag, das schlaucht. Aber dann haben wir viel Zeit füreinander, unternehmen Ausflüge, treiben Sport, profitieren zusammen mit den Kindern von den sehr attraktiven Freizeitmöglichkeiten und dem sonnigen Klima der Region. Für ihn wie für alle seine europäischen Kolleginnen und Kollegen ist das hier eine anstrengende, aber durchaus relevante Berufserfahrung, die niemand missen möchte. Ein Hauch von Abenteuer im wilden Westen? Vielleicht auch. Immerhin, die Baustelle besteht für zwei Jahre. Danach freuen sich die meisten wahrscheinlich doch wieder auf einen „normalen“ Job.

Ein Jahr in Australien – der Blog: einjahrinaustralien.wordpress.com

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin barbara.lavaud@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

Barbara Lavaud arbeitet für die Presseabteilung der GPA-djp und verbringt derzeit ein Sabbatjahr in Australien.

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