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Symbolbild zum Bericht Wie groß die organisierte Macht der Konsumentinnen und Konsumenten ist, zeigte unlängst das Beispiel der Zustände in der Textilindustrie in Bangladesch.

Will_sein.com

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"Ist das alles?" "Nein!", rufe ich der freundlichen Dame an der Supermarktkasse zu. Konsum ist nicht alles, doch kann ich mir leisten, auf ihn zu verzichten.

Schließlich habe ich ein Smartphone, bin 32, single und frohgemut. Soeben habe ich meine verbliebene Habe in einen Rucksack gepackt und ein Selfie gepostet. Minimalismus ist für mich ein guter Weg, die Widersprüche des Lebens zu ertragen. Je weniger Dinge ich besitze, desto gelassener werde ich. Loslassen ist das Ding. Je weiter ich mich vom Besitz entferne, umso besser liege ich im Trend. Auf die Chips-Esser aus dem Penny-Markt blicke ich nicht mit Verachtung herab. Soziale Kompetenz ist mir schließlich nicht fremd. Meine Büchersammlung habe ich dem Sozialflohmarkt gespendet. Ich lade CDs und Bücher aus dem Netz. Meine leere Wohnung wartet nach der Rückkehr aus der inneren Einkehr auf mich. Ich bin eine Pionierin der neuen Enthaltsamkeit und ein mediales Konstrukt.

Konsumverzicht

Immer häufiger werden Menschen vor den medialen Vorhang gebeten, die durch radikalen Konsumverzicht die Wegwerfgesellschaft kritisch hinterfragen. Minimalismus wird die Haltung genannt, mit möglichst wenig materiellen Gütern auszukommen. Jeder Gegenstand weniger bedeutet, wieder mehr Überblick über das eigene Leben zurückzugewinnen. Aus der steigenden Anzahl von Bloggerinnen und Bloggern im deutschsprachigen Raum wird gerne auf einen Trend geschlossen, der sich, gesamtgesellschaftlich betrachtet, jedoch in Bezug auf die Nachhaltigkeit minimal verhält. Konsumkritik und freiwilliger Verzicht sind vorrangig im sozialen Milieu der „Postmateriellen“ beheimatet. Sie sind zwischen 20 und 50 Jahre alt, vorwiegend weiblich, verfügen über ein mittleres bis hohes Einkommen und weisen das höchste Bildungsniveau in Österreich auf, heißt es in den Working Papers zu „Nachhaltiger Konsum und soziale Ungleichheit“ von Karl-Michael Brunner (Februar 2014), herausgegeben von der AK Wien, Abteilung KonsumentInnenpolitik. Der konsumierende Prototyp dieses Milieus legt Wert auf Freiräume für die individuelle Entfaltung und Selbstverwirklichung. Dieser Typus konsumiert Lebensmittel aus biologischem Anbau, Produkte aus fairem Handel und gibt nachhaltigem Konsum den Vorrang.

LOHAS

Dies werde, so die erwähnte AK-Studie, von Markt- und Meinungsforschern auch symbolisch honoriert: Die „Postmateriellen“ gelten als ParadevertreterInnen der LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability). Der Haken an der Sache: Der Verzicht auf bestimmte, als überflüssig erachtete Güter geht nicht unbedingt einher mit umweltverträglicherem Handeln. So wird etwa der positive Effekt nachhaltiger Ernährung mit regionalen Produkten häufig durch die Folgen gesteigerter Mobilität zunichtegemacht. Laut einer Studie des VCÖ (2009) verursachen Österreichs Haushalte des obersten Einkommensviertels durch Alltagsfahrten im Auto und öffentlichen Verkehr fast 4,5-mal so viele CO2-Emissionen wie der unterste Einkommenshaushalt, Flugreisen nicht inkludiert.

Konsumkapitalismus

Die Mentalität der Wegwerfgesellschaft ist zunehmend in Kritik geraten. Lange Zeit stand das bipolare Bild – hier der reiche Norden, da der arme Süden – im Zentrum des Nachhaltigkeitsdiskurses. „Im Zuge von Wirtschaftskrise und verschärften Verteilungskonflikten richtet sich der Blick aber zunehmend auch auf die sozialen Ungleichheiten in Industriestaaten und deren Implikationen für nachhaltige Entwicklung“, heißt es in der AK-Studie.

Nachhaltigkeit ist inzwischen zu einem kollektiven Leitbild geworden, doch bedeutet das nicht unbedingt Konsens über das weitere Vorgehen. So kann der Umstieg auf erneuerbare Energie, wenn er nicht von den entsprechenden politischen Maßnahmen begleitet wird, mit erhöhten Energiepreisen und schlimmen Folgen für die sozial Schwachen einhergehen.

Vom Konsumkapitalismus zwangsläufig ausgeschlossen zu werden, bedeutet für viele auch ein Leben am Rand der Gesellschaft. Laut einer IFES-Umfrage, die von der AK Wien unter 500 Personen durchgeführt wurde, die im vergangenen Jahr zumindest einmal arbeitslos waren, geraten rund 22 Prozent mit der Miete in Rückstand, 61 Prozent kaufen (ungesunde) Billigangebote. Gespart wird auch an den Ausgaben für Bildung und Freizeit der Kinder.

Tauschen

Erna F. hat nach Alternativen gesucht und im Tauschkreis Wien welche gefunden. Als gelernte Friseurin bietet sie Haarschnitt und Stylingberatung. Im Gegenzug holt sie sich die Nachhilfestunden für ihren Sohn und „andere Dinge, die ich mir sonst nicht leisten könnte“. Seit dem Krisenjahr 2008 hat sich die Mitgliederzahl der Tauschbörse auf rund 1.150 verdoppelt. In Griechenland, so berichtet Rudo Grandits, Obmann des österreichischen Tauschkreisverbundes, der mehrere Tauschbörsen im deutschsprachigen Raum vereint, ist die Zahl der Mitglieder sprunghaft gestiegen.

Doch Tauschkreise sind bei Weitem mehr als momentaner Krisenkitt. Immer mehr Teilnehmende befassen sich mit grundlegenden Fragen des gerechten Austauschs von Waren und Dienstleistungen. Nach dem Motto „Unser aller Lebenszeit ist gleich viel wert“ werden Dienstleistungen und Waren über Stundengutscheine verrechnet – gleich ob Schlagbrunnen-Bohren, Ausmalen, Grabpflege, empathisches Zuhören oder die Dienste als Ersatzoma.

Die „typischen“ Konsumierenden sind aber weder die Minimalistin, die auf ihrem Blog Anleitung zur Entrümpelung ihres Daseins gibt, noch der Biologiestudent, der das Stutzen von Obstbäumen gegen Haareschneiden tauscht. „Die Verantwortungszuschreibung an die KonsumentInnen vergisst, dass es sehr verschiedene Gruppen gibt, mit jeweils unterschiedlichen Ressourcenausstattungen, lebensweltlichen Orientierungen und Handlungsbedingungen“, schreibt Karl-Michael Brunner in der zitierten Studie. Der typisch Konsumierende ist jünger, hat ein niedrigeres Bildungsniveau und ist vorwiegend männlich. In diesem Milieu dominieren ArbeiterInnen und einfache Angestellte, das Armutsrisiko ist hoch. „Dieses Milieu orientiert sich an den Lebensstandards der breiten Mittelschicht und versucht, über den Konsum gesellschaftlichen Anschluss zu finden.“ Gleichzeitig aber, und das sollte jenen zu denken geben, die sozial Schwachen gelegentlich unverhältnismäßigen Konsum vorwerfen, ist das Konsumniveau niedrig und der ökologische Fußabdruck weniger ausgeprägt als in anderen sozialen Milieus.

Am Beispiel Energiearmut werde deutlich, dass einkommensschwache Haushalte letztlich eine vergleichsweise niedrig-energetische Lebensweise pflegen. So wäre es gerade unter der Perspektive sozialer Ungleichheit wichtig, dass kollektive Akteure wie Gewerkschaften, Ministerien und Schulen Nachhaltigkeit befördern, anstatt die Verantwortung ausschließlich auf die Konsumentinnen und Konsumenten zu verlagern. Ein wichtiger Motor zur Bekämpfung von Energiearmut und zur Steigerung der Nachhaltigkeit wäre es, die Energieeffizienz von Gebäuden zu erhöhen. Denn, so der Bericht abschließend: „Soziale Ungleichheiten sollten durch nachhaltigkeitsbezogene Maßnahmen nicht verstärkt, sondern reduziert werden.“

Produktionsbedingungen verbessern

Wie groß die organisierte Macht der Konsumentinnen und Konsumenten ist, zeigte jedoch unlängst das Beispiel der Zustände in der Textilindustrie in Bangladesch. 31 Firmen unterzeichneten nach verheerenden Fabriksbränden das Abkommen über Gebäudesicherheit und Brandschutz. „Das Verhalten von umwelt- und sozial engagierten Konsumentinnen und Konsumenten allein wird die schlimmen Produktionsbedingungen aber nicht ändern können“, meinte AK-Präsident Johann Kalliauer. Daher fordert die AK Verbesserungen in der Produktion von Konsumgütern in den Entwicklungsländern.

Info&News:
Working Papers Verbraucherpolitik, Verbraucherforschung: „Nachhaltiger Konsum und soziale Ungleichheit“ von Karl-Michael Brunner, Februar 2014, ISSN 2218-2764
tinyurl.com/k57e7mn

Zum Nachlesen – Sozialpolitik in Diskussion: tinyurl.com/oocj2te Arbeiterkammer – Konsumentenschutz: www.ak-konsumenten.info
Tauschkreis-Verbund: www.tauschkreis.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin gabriele.mueller@utanet.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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