topimage
Arbeit&Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft
Blog
Facebook
Twitter
Suche
Abonnement
http://www.arbeiterkammer.at/
http://www.oegb.at/
Verschicken Sie eine E-Card!
Symboldbild
Buchtipp
Info & News

Kein Patentrezept

Wir sind Europa

SOZAK-Teilnehmerin Elfriede Schober verbrachte ihr Europapraktikum bei der IV Metall in Stockholm.

Im Rahmen der SOZAK bekamen wir die Möglichkeit, ein Europapraktikum zu absolvieren. Ich habe mich nach reiflicher Überlegung für Schweden entschieden, um einen Einblick in die Frauenpolitik zu bekommen und die gewerkschaftliche Organisation kennenzulernen. Vergleichbar mit dem ÖGB gibt es in Schweden drei Dachorganisationen. Das sind SACO – die Vertretung der AkademikerInnen mit ca. 300.000 Mitgliedern –, TCO – die Dachorganisation der Angestellten mit ca. 1,1 Mio. Mitgliedern – und LO – der Dachverband der ArbeiterInnen mit ca. 1,5 Mio. Mitgliedern. Die Führungsebenen der Dachorganisationen werden alle vier Jahre im Rahmen eines Kongresses von den Delegierten gewählt. Die Dachverbände arbeiten hauptsächlich auf politischer Ebene und koordinieren die Bedürfnisse der Fachgewerkschaften.

IF Metall: 380.000 Mitglieder

Mein Hauptaugenmerk galt der IF Metall. Diese ist vergleichbar mit der Gewerkschaft PRO-GE in Österreich. Die IF Metall in ihrer derzeitigen Form gibt es seit 2006. Es werden ca. 380.000 Mitglieder aus den Branchen Maschinenbau-, Kunststoff- und Bauindustrie, Bergbau, Arzneimittelindustrie, Eisen und Glashütten, Textilindustrie und Kfz-Werkstätten vertreten. Die IF Metall betreut auch eine Organisation zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen und zur Integration von beeinträchtigten Personen. Anders als bei uns, läuft in Schweden die Absicherung bei Arbeitslosigkeit ebenfalls über die Gewerkschaft.
Während meines Aufenthaltes war ein Themenschwerpunkt Mitgliederwerbung. Dort wird die Meinung vertreten, das persönliche Gespräch mit gut ausgebildeten Funktionärinnen und Funktionären bringt Mitglieder, die hinter der Gewerkschaft stehen. Beeindruckend fand ich auch die Einstellung zu internationaler Gewerkschaftsarbeit. Wie wichtig diese ist, ist dort für alle, mit denen ich sprechen konnte, selbstverständlich.
Das zeigt sich in der Tatsache, dass einige Konzerne in Schweden ansässig sind, die sich mit den Gewerkschaftsvertreterinnen und -vertretern zu einem Weltbetriebsrat bekannten, z. B. SKF und Volvo Trucks. Diese Vereinbarungen sind außerhalb der gesetzlichen Regelungen entstanden und werden von beiden Seiten anerkannt und vertreten.

Als ich Einblick in die Situation der Frauen in Schweden bekam, merkte ich, dass es auch dort Einkommensunterschiede gibt und die Hauptlast der unentgeltlichen Arbeit bei den Frauen liegt. Im Gegensatz zu Österreich gibt es in den Gewerkschaften keine eigenen Frauenabteilungen. Die Abteilung für Genderangelegenheiten wird von einem Mann geführt. Die Kolleginnen in der IF Metall sagen, dass dieses System gut funktioniert und sie in den Kollegen starke Mitstreiter haben. Dennoch konnte ich nicht mit dem Geheimrezept für Frauenpolitik nach Hause zurückfahren. Wir glauben oft, die nordischen Staaten seien uns so weit voraus, aber die heile Welt gibt es auch dort nicht und die Gewerkschaften kämpfen mit denselben Problemen wie wir.
Um Einkommensunterschieden von ca. sieben Prozent entgegenzuwirken, setzt die IF Metall auf verstärkte Aus- und Weiterbildung für Frauen. Auch dort gibt es Kampagnen, Männer zur Hausarbeit zu bewegen und unentgeltliche Arbeit aufzuteilen. Die Forderung, die Karenzzeit von derzeit 13 Monaten (plus ein Papamonat nach Bedarf) zu verlängern, soll mit einer Teilung verbunden sein. Der Wunsch wäre fünf Monate für die Frau, fünf Monate für den Mann und weitere fünf Monate frei wählbar. Bessere Bedingungen finden Familien im Bereich der Kinderbetreuung vor. Fast flächendeckend ist es möglich, nach der Karenzzeit einen Betreuungsplatz für sein Kind zu bekommen.
Aufgefallen ist mir auch, dass Gewerkschaften innerhalb der Gesellschaft sehr positiv gesehen werden und die Zusammenarbeit bzw. die Akzeptanz durch die Arbeitgeber sehr hoch ist. In vielen Gesprächen konnte ich heraushören, dass es natürlich auch um mehr Profite für Unternehmen geht, aber von Arbeitgeberseite die Wertschätzung entgegengebracht wird, die man sich als ArbeitnehmervertreterIn manchmal wünscht.

Vorsprung in Sachen Toleranz

Auch wenn ich nicht mit dem Patentrezept für soziale Gerechtigkeit und Verantwortung zurückgekommen bin, kann ich dennoch behaupten, dass uns die Menschen in Schweden in Sachen Toleranz und Offenheit voraus sind. Vielleicht ist ein Grund dafür, dass bis 2006 die Regierungen traditionell arbeitnehmerfreundlich waren?

INTERVIEW
Zur Person
- Ulla-Britt Thor
Alter: 50
Wohnort:  Schweden
Erlernter Beruf: Verkäuferin
Firma: KappAhl
Gewerkschaft: Handel
Internet: handels.se

Wie ist dein Familienstand?
Ich bin mit Kent Thor verheiratet, er ist Lkw-Fahrer. Wir haben ein Eigenheim. Wir haben drei Kinder:  Anders, 21 Jahre, Lisette, 23 Jahre und Niklas, 25 Jahre alt.

Seit wann bist du im Eurobetriebsrat?  
Seit 2010. 

Was bedeutet dir Arbeit?
Ich möchte eine Arbeit haben, die mich herausfordert. Wenn ich für die Gewerkschaft arbeite, weiß ich, ich kann was bewirken. Und natürlich brauche ich – wie wir alle – das Geld zum Leben. 

Wie denkst du über die Wirtschaft in Irland?
Im Augenblick geht es der Wirtschaft in meinem Land nicht so gut. Viele Menschen sind arbeitslos und für die könnte die Regierung mehr tun. Viele Leute haben nicht viel Geld zum Leben.

Was bedeutet dir Gewerkschaft?
Die Gewerkschaft ist sehr wichtig für mich. Ich bekomme Hilfe, wenn ich sie brauche. Ich habe Zugang zu interessanter Fort- und Weiterbildung. Und – he, ich kenne meine Rechte.

Was bedeutet dir die Europäische Union?
Wir haben eine Menge gemeinsam. Und wenn wir im selben europäischen Konzern arbeiten, können wir uns unterstützen.

Was kann der Europäische Betriebsrat (EBR)?
Das Beste ist, dass man sieht, wie andere arbeiten, und dass wir voneinander lernen können.

Wie verbringst du deinen Urlaub?
Wir fahren im Wohnwagen durch Schweden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr Zeit für sich haben, und Löhne, von denen man leben kann.

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin elfriede.schober@miba.com oder die Redaktion aw@oegb.at

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |

(C) AK und ÖGB

Impressum