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Von Rollenbildern und "Männerfallen"

Buchausschnitt

Auszug aus "Männerfallen" - Ein Mira Valensky Roman, von Eva Rossmann

Eigentlich ziemlich naheliegend, dass ich mich in einem Krimi endlich mit Rollenbildern und allem, was dazugehört, beschäftige. Auf der anderen Seite: Gerade das, was einem nah ist, lässt sich oft nicht so leicht zu einem lockeren und spannenden und ordentlich geschriebenen Buch verarbeiten. Noch dazu, wo ich davon ausgehe, dass in einem Roman der erhobene Zeigefinger und apodiktische politische Botschaften nichts verloren haben. Aber irgendwann war es eben doch so weit. Das hatte mehrere Gründe.

Zum einen sind mir in den letzten Jahren immer wieder Menschen – nicht nur Männer – untergekommen, die doch tatsächlich behaupten, Männer würden in letzter Zeit unterdrückt und Frauen hätten es in jeder Beziehung leichter. Zum anderen gibt es Mega-Bestseller, die mit uralten Rollenklischees arbeiten. Wenn da dann noch eine gehörige Portion Sex dazu kommt, scheint die Sache perfekt. Älterer erfolgreicher Mann trifft auf junge unsichere Frau, öffnet sie in jeder Beziehung und nach vielen, schwülen Abenteuern darf sie ihn dann sogar heiraten. Uff. Apropos „UFF“: So hat der Verein geheißen, mit dem wir 1997 das Österreichische Frauen Volksbegehren gestartet haben. Unabhängiges Frauen Forum. Vielleicht weiß ich auch deswegen, dass Frauen – selbst feministische Frauen – nicht automatisch Heldinnen und nahezu fehlerfrei sind. Wäre ja auch langweilig. Und so sollte weder das Leben noch ein Krimi sein.

In meinem Krimi jedenfalls gibt es einen Mann, der einen internationalen Bestseller geschrieben hat: „Sei ein MANN!“ Männer werden unterdrückt und müssen sich endlich in jeder Beziehung wieder durchsetzen. Mit dieser provokanten These und der Unterstützung seiner ehrgeizigen Verlegerin begeistert Thomas Pauer auch viele Frauen. Kann das damit zusammenhängen, dass der ehemalige Sportmoderator eines kleinen Berliner Privatsenders ziemlich attraktiv ist und eine Menge markiger Sprüche über Sex drauf hat?

Auf alle Fälle soll Mira Valensky ihn vor seinem Auftritt im Wiener Museumsquartier interviewen. Aber da sind so viele Fans, dass sie nicht durchkommt. Man werde sie abholen, meint die Verlagschefin. Jetzt steht sie unter einem Plakat von „Sei ein MANN!“ und wartet auf ihren Fotografen …

 „Traust du dich nicht hin?“
Ich fahre herum. Der Leiter der Fotoredaktion grinst mich an.

„Scheint ziemlich was los zu sein hier.“
„Ich dachte, du bist schon drin“, antworte ich.

„Hast du nicht gecheckt, wie wir reinkommen?“
Ich sehe ihn ein wenig spöttisch an. „Das haben wir Frauen schon drauf. Wir werden von einer Mitarbeiterin der Verlagschefin abgeholt.“

„Höre ich da diesen Wir-Frauen-machen-es-jedenfalls-besser-Ton raus?“
„Mit denen da hab ich jedenfalls wenig gemeinsam“, antworte ich und deute auf die Fangemeinde im Hof.

 „Klar, die sind eben keine Chefreporterinnen. Nicht alle haben Haare auf den Zähnen.“
„Fotografier lieber. Dafür wirst du bezahlt.“

„Sagt er ja: So weit ist es mit uns gekommen. Uns wird bloß befohlen und wir müssen springen.“ Er grinst.
„Sag nicht, dass du das Buch schon gelesen hast.“

„Nein, aber über das Buch konnte man ja jede Menge lesen.“
„Und es gefällt dir.“

„Sorry, Mira. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber: ja. Es gefällt mir. Warum bitte müssen wir uns ständig dafür entschuldigen, Männer zu sein?“
„Ach, ist das so?“ Ich schenke ihm ein mitleidiges Lächeln. „Und warum bist du dann Chef der Fotoredaktion und nicht Regina?“

„Weil sie kürzer da ist, weil ich mehr Erfahrung habe. – Und außerdem: Warum bist du Chefreporterin und nicht … zum Beispiel Christof?“
„Du willst mich wirklich mit Christof vergleichen? Ich packe es nicht. Der schaut bei jeder Geschichte, ob sie den Freunden in seiner Studentenverbindung passt. Ganz abgesehen davon, dass ich eben bewiesen habe, dass ich gute Storys liefere.“

„Also ist auch die angeblich ach so mächtige Studentenverbindung nicht imstande, ihm diesen Job zu besorgen.“
Schön langsam werde ich wütend. Wie der die Realität verdreht …
„Und was ist mit dem Umstand, dass Frauen um die Hälfte weniger verdienen?“

„Bleib cool, Mira. Ist ja kein Angriff auf dich. Du bist echt gut, ich gestehe Frauen so was zu. Nur dass sie es uns nicht zugestehen, nervt mich. Und: Du hast als Chefreporterin einen ziemlich guten Vertrag.“
„Du bist angestellt. Ich nicht. Du verdienst mehr.“

„Das kann man nicht vergleichen. Außerdem: Seit wann willst du angestellt sein?“
Ach Mist, das ist heute nicht mein Tag. Es stimmt, ich arbeite gern mit einem fixen freien Vertrag. Macht mich irgendwie unabhängiger, zumindest mag ich das Gefühl, dass das so sein könnte.

„Und dass Frauen nicht die Hälfte verdienen, weißt du ganz genau“, fährt mein Fotograf fort. „Sie arbeiten einfach weniger lang. Und in den falschen Branchen. Das ist alles.“
„Ach ja, so wie deine Frau: Die arbeitet nur halbtags, weil ihr zwei kleine Kinder habt und weil der Herr Fotograf natürlich keine Zeit für die hat.“

Er schluckt. Jetzt ist auch er wütend. Gut so. „Sissi ist total zufrieden so, das kannst du als kinderlose Emanze nicht begreifen. Es geht eben nicht allen Frauen um den Egotrip!“
Ich atme durch. Ich muss mich auf so einen Schwachsinn nicht einlassen.
Möglichst ruhig sage ich: „Sei so gut und fotografier einfach. Okay? Mach deinen Job. Sonst muss ich dich bitten zu gehen.“
„Ist doch typisch! Genau so, wie er schreibt: Frauen glauben, alles bestimmen zu können, und sind dabei auch noch wehleidig.“
Er grinst.
„Kann es sein, dass du zu wenig Sex hast?“

Ich hole tief Luft. „Ich fürchte, du hast Wichtigeres zu tun, als mit einer kinderlosen Emanze hier auf den neuen Messias zu warten. Also: Tut mir leid, ich brauche dich nicht bei diesem Interview.“

Der Chef der Fotoredaktion starrt mich fassungslos an, Mund halb offen, jetzt muss ich mir ein Grinsen verkneifen. Ist schon ganz schön, manchmal ein wenig Macht auszuüben.
„Das hat ein Nachspiel“, sagt er dann. „Ich bin der Leiter der Fotoredaktion …“

„Und das ist meine Reportage.“ Ich sage es ganz ruhig, sehe mich um. Wo ist die Verlagsfrau? Wäre dumm, wenn man mich hängen ließe. Ganz besonders nach diesem Auftritt. Als ich mich wieder zum Fotografen umdrehe, ist er verschwunden. Auch recht. Zu wenig Sex. Kinderlose Emanze. Man packt es nicht. Ist es jetzt schon ein Makel, keine Kinder zu haben? Ich habe Gismo, meine Katze. Schon ziemlich betagt inzwischen, aber gut drauf. Lässt sich nicht vergleichen, klar.

Und ich habe Oskar. Samt Liebesleben. Keine Klagen diesbezüglich. Auch wenn wir natürlich älter werden und nicht immer so viel Zeit ist. Und überhaupt: Kann es nicht einfach so sein, dass wir alle leben dürfen, wie es uns passt?

Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich zucke zusammen. Dieser idiotische Fotograf … ich werde ihm … aber es ist eine junge Frau, die mich ansieht.

 „Frau Valensky? Frau Seifried hat gesagt, ich soll Sie abholen, ich bin aus der Presseabteilung von Alpha Books.“

Wenig später sitze ich ihm gegenüber. Natürlich ist Thomas Pauer ein Typ, den viele attraktiv finden. Ende vierzig, muskulös, blonde, nicht ganz kurz geschnittene Haare, blaue Augen, voller Mund, kantiges Gesicht, leicht gebräunt.

Mir ist er irgendwie zu hübsch. Erinnert mich an die Typen aus der Fernsehwerbung. – Würde ich diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen? Vielleicht eine Tube Zahnpasta. Seine Zähne sind wirklich weiß, fast etwas zu weiß und ebenmäßig. Er lächelt und ich lächle zurück. Das also ist der neue Retter der Männlichkeit. Knistern tut da gar nichts. Null Sexappeal, stelle ich fest. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. „Guten Tag, Frau Valensky, wir haben leider nur mehr zwanzig Minuten“, sagt die Verlagschefin und klappt ihren Laptop zu. Dann Stirnrunzeln.

„Haben Sie keinen Fotografen mit?“

Eva Rossmann,1962 geboren, lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, politische Journalistin, ab 1994 freie Autorin. 1997 war sie Mitinitiatorin des Österreichischen Frauenvolksbegehrens. Seit ihrem Krimi „Ausgekocht“ auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. Drehbücher, Gastgeberin der ORF-TV-Talk-Sendung „Club 2“. Zahlreiche Sachbücher vor allem zu Frauenthemen sowie das Kochbuch „Mira kocht“ und den Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“. „Russen kommen“ wurde 2009 zum Österreichischen Buchliebling gewählt. 2013 „Großer Josef Krainer Preis der Steiermark für Literatur“.

www.evarossmann.at

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