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Symbolbild zum Bericht: Geschlechtertrennung im Kinderzimmer "Viel wichtiger", so die Genderforscherin, "ist eine große Vielfalt beim Spielzeug. Kinder sollen mit Unterschiedlichem experimentieren können und selbst herausfinden, was ihnen zusagt und was nicht."
Buchtipp

Geschlechtertrennung im Kinderzimmer

Schwerpunkt

Süße Prinzessinnen und abenteuerlustige Helden.

In fast jedem Bereich der Gesellschaft spielt der Gender-Gap, die Kluft zwischen den Geschlechtern, eine Rolle. Besorgniserregend ist jener, der in einem frühen und prägenden Stadium der persönlichen Entwicklung stattfindet: beim Spielzeug. Dass beim Angebot an Spielwaren etwas massiv schief läuft, fällt mitunter den Kindern selbst auf. Seit Ende Jänner sorgt ein Brief von Charlotte Benjamin aus den USA an den Spielzeughersteller Lego für Aufsehen. Darin schreibt die Siebenjährige: „Heute war ich in einem Laden und sah Lego in zwei Abteilungen: rosa für die Mädchen und blau für die Buben. Alles, was die Lego-Mädchen taten, war zu Hause sitzen, an den Strand oder einkaufen gehen und sie haben keine Berufe. Die Buben aber erlebten Abenteuer, arbeiteten, retteten Menschen und hatten Jobs, ja schwammen sogar mit Haien.“ Ein Blick in Spielzeugkataloge, Spielwarenläden oder Kinderzimmer gibt der Siebenjährigen Recht.

Fashion, Fantasy und ganz viel rosa

Spielzeug wird in Spielwarenläden mittlerweile nicht nur nach Alter getrennt, sondern auch strikt nach Geschlecht. So können Mädchen aus Puppen Top-Models oder Prinzessinnen machen, Schmuck basteln oder Cupcakes backen. Wer trotz des vielen rosa und Glitzer auf den Verpackungen noch Zweifel an der Zielgruppe hat, räumt diese dank unmissverständlicher Bildsprachen und Zusätze wie „Fantasy“, „Style“, „Fashion“ oder seit Kurzem „speziell für Mädchen“ bald aus. Abenteuersuchende werden eine Abteilung weiter fündig – dort, wo in meist blauen oder schwarzen Verpackungen um die Gunst der Jungs geworben wird. Auch beim Durchblättern der Kataloge von Playmobil, Lego oder Toys“R“us wird schnell klar: Es gibt Spielwaren speziell für Mädchen und es gibt Spielwaren speziell für Burschen. Die beiden Erfahrungswelten könnten unterschiedlicher nicht sein. Dabei ist die Trennung nach Geschlechtern und somit nach Farben bei Spielzeug ein relativ junges Phänomen, das erst in den letzten zehn Jahren stark zugenommen hat.

Die Genderforscherin Elisabeth Ponocny-Seliger verortet diesen Trend im „Gender Marketing“ der Spielzeugindustrie. Der Markt sei bereits so übersättigt, dass es notwendig geworden ist, die Zielgruppen noch genauer zu definieren. „Mit geschlechtsspezifischem Marketing lässt sich eben mehr Umsatz machen“, so Ponocny-Seliger. Expertinnen und Experten des Gender Marketing argumentieren in diesem Zusammenhang gerne mit der Natur von Mädchen und Buben. „Ab einem gewissen Alter unterscheiden sich die Neigungen von Jungen und Mädchen zum Teil erheblich“, behauptet die Pressesprecherin von Lego und beruft sich dabei auf interne Untersuchungen: „Vier Jahre Marktforschung zeigen, dass es das ist, was Mädchen wollen.“ So ist die Serie „Lego-Friends“ exklusiv für Mädchen entstanden, in der fünf Freundinnen in ihrer Stadt allerhand erleben – vom Besuch im Hundesalon bis zum gemeinsamen Trinken von Milchshakes. Auch Playmobil antwortet auf das vermeintlich integrativere und sozialere Spielverhalten von Mädchen mit einem rosa Ferienhotel – Girls only!

Sind Mädchen anders?

Die Ansicht von der „natürlichen“ Andersartigkeit von Mädchen hat auch in den Spielwarengeschäften Einzug gehalten. „Wenn bei uns jemand Spielzeug kaufen möchte, fragen wir zunächst, wie alt das Kind ist und ob es für einen Buben oder ein Mädchen sein soll“, erzählt eine Spielwarenverkäuferin in Wien. „Buben und Mädchen sind eben unterschiedlich, das ist halt so.“ Eltern wird damit eine Entscheidungshilfe geboten, die laut Ponocny-Seliger den Alltag erleichtert. Denn in Kategorien zu denken sei einfacher, das könne man Konsumentinnen und Konsumenten nicht vorwerfen. Mit Biologie habe das aber wenig zu tun. Die Hirnforscherin Lise Eliot stellt in ihrem Buch „Pink Brain, Blue Brain“ (rosa Hirn, blaues Hirn) klar, dass kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Geburt im Laufe der Zeit durch Eltern, LehrerInnen und das soziokulturelle Umfeld verstärkt werden. Erst dadurch entstehen Geschlechterstereotypen. Das heißt nicht, dass es nicht eigene Produkte für Mädchen und für Buben geben könne. Sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen, sei laut Ponocny-Seliger in einer gewissen Phase durchaus wichtig, um die eigene Identität herauszubilden. Wenn dann Mädchen lieber mit dem Teddy kuscheln und Burschen miteinander raufen, sei das völlig in Ordnung. Nur muss der Teddy tatsächlich noch ein rosa Mascherl tragen? „Viel wichtiger“, so die Genderforscherin, „ist eine große Vielfalt beim Spielzeug. Kinder sollen mit Unterschiedlichem experimentieren können und selbst herausfinden, was ihnen zusagt und was nicht.“ Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung – mit nachhaltigen Folgen. „Spielen ist Lernen und Arbeit für Kinder. Die Art des Spielwerkzeuges ist wesentlich für die weitere Entwicklung“, so Ponocny-Seliger. Das nach Buben und Mädchen getrennte Angebot an Spielwaren schränke die Kreativität und den Lernprozess der Kinder unglaublich ein. Mädchen trainieren etwa viel weniger ihr räumliches Vorstellungsvermögen, weil in ihren Kinderzimmern weniger Bauspiele sind. Dieses Nicht-Training wirke sich langfristig auf das räumliche Vorstellungsvermögen aus, mit allen Konsequenzen bis zur Berufs- oder Studienwahl.

Rosa Legosteine, na und?

Was gibt es nun an rosa Legosteinen konkret auszusetzen? Wenn sie Mädchen dazu bringen, sich mit Bauen auseinanderzusetzen und helfen, die räumliche Vorstellung zu trainieren, sind Lego-Serien für Mädchen doch sehr schlau? „Das ist alles gut und schön, wären da nicht diese Einschränkungen“, wie die Genderforscherin anmerkt. Derzeit lässt die Geschlechtertrennung beim Spielzeug wenig Raum für Interpretationen. Die Botschaften sind eindeutig: Die Welt der Mädchen ist zu Hause, die der Buben ist draußen. Frauen sind passiv, Männer aktiv. Bei den meisten Spielwaren kümmern sich Frauen um Kinder, Heim und Tiere und warten auf die Männer, die in der Zwischenzeit arbeiten oder die Welt retten.

Mit den „speziell für Mädchen“-Serien bekommen Mädchen nun mehr Aufmerksamkeit. Aber eben nur dort, wohin sie verwiesen werden: in ihre eigene rosa Glitzerwelt, in der Buben nichts zu suchen haben und sie sich im Gegenzug von dem Reich herkömmlicher Lego-Serien fernhalten. Zudem sind die Bauanforderungen bei Mädchen-Serien oft deutlich anspruchsloser. Gut, dass Lego zahlreiche Produkte für unterschiedliche Levels anbietet. Aber warum sind die Produkte für Mädchen immer am unteren Level?

Altersgerechtes Spielzeug

Charlotte hat allen Grund zur Beschwerde. Die Spielzeugwelt ist durchgegendert und schreibt längst überholte Geschlechterrollen fort. Vielleicht würde sich Charlotte in Schweden wohler fühlen. Vor zwei Jahren brachte dort ein Spielwarenerzeuger einen geschlechtsneutralen Spielwarenkatalog heraus. Darin spielen Mädchen mit Waffen und Jungs schieben im Batman-Kostüm einen Kinderwagen. Aber ist die ganze Aufregung um Kinderspielzeug nicht ein wenig übertrieben?

Auch aus uns sind keine lebenden Barbies und Raufbolde geworden, trotz Puppen- und Waffenspielen in unserer Kindheit. „Kinder sollten Kinder sein dürfen und damit spielen, worauf sie Lust haben“, so Ponocny-Seliger. Uns müsse aber klar sein, dass der Trend, alles zu gendern und dabei solche Rollenbilder zu produzieren, die Entwicklung der Kinder mehr einschränkt als fördert. Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen haben die Wahl, denn es gibt Spielzeug, das beide Geschlechter anspricht. Die Frage ist, wie lange noch. In erster Linie sollte Spielzeug daher altersgerecht sein, nicht geschlechtsspezifisch. Oder in den Worten von KritikerInnen der Lego-Mädchenserien: „Lego für Mädchen gibt es schon lange – es heißt Lego!“

Doing-Gender und Kinderspielzeug:
Eine systematische Analyse der gendermäßigen Präsentation von Kinderspielzeug vom Institut „Gender Research“: tinyurl.com/o2bqjjn

Historische Perspektive auf die Entwicklung der Geschlechterrollen bei Lego: thinkingbrickly.blogspot.co.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin steindlirene@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

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