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Symbolbild zum Bericht: #aufschrei gegen Sexismus #aufschrei zeigte deutlich, wie groß der Leidensdruck bei vielen Frauen gewesen sein muss. Die Diskussion schien ihnen nun endlich ein Ventil geboten zu haben, über das sie sich Luft verschaffen konnten. Viele BeobachterInnen nahmen mit Erstaunen...

#aufschrei gegen Sexismus

Schwerpunkt

Anfang 2013 löste ein Porträt des FDP-Politikers Rainer Brüderle eine breite Debatte über Sexismus aus. Was blieb ein Jahr später noch davon?

Am Anfang standen zwei junge deutsche Journalistinnen, die über ihre Erfahrungen mit Sexismus von Politikern berichteten. Berühmtheit erlangt hat vor allem das Porträt der Stern-Journalistin Laura Himmelreich über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Unter dem Titel „Der Herrenwitz“ schilderte sie unter anderem sexistische Belästigungen, die sich der Politiker ihr gegenüber geleistet hatte. Sie lieferten den Auftakt für einen #aufschrei gegen Sexismus, der zunächst auf Twitter erschallte und bald auch von fast allen deutschsprachigen Mainstream-Medien aufgegriffen wurde.

Großer Leidensdruck

Die Raute in Verbindung mit einem Stichwort wie #aufschrei ist der sogenannte Hashtag, so etwas wie ein Anker. Diesen kann man auf Twitter seinen Meldungen zuordnen, damit sie wie in einer Suchmaschine leichter gefunden werden können. Den Begriff Aufschrei hatte die Digitalstrategin Anne Wizorek in die Runde geworfen – und er wurde dankbar aufgenommen. Auf Twitter schilderten unzählige Frauen ihre Erlebnisse – von „harmlosen“, wenn auch für die Personen nicht minder demütigenden, sexistischen Äußerungen bis hin zu sexuellen Übergriffen. Wizorek selbst war von den Wellen überrascht, die diese Twitter-Diskussion geschlagen hat. Viele Frauen berichteten auf Twitter mit Namen über sexistische Erlebnisse: Innerhalb von nur zwei Wochen seien 60.000 Beiträge zu diesem Thema auf Twitter gepostet worden, schreibt Wizorek anlässlich des Jahrestags.

60.000 Tweets

#aufschrei zeigte deutlich, wie groß der Leidensdruck bei vielen Frauen gewesen sein muss. Die Diskussion schien ihnen nun endlich ein Ventil geboten zu haben, über das sie sich Luft verschaffen konnten. Viele BeobachterInnen nahmen mit Erstaunen zur Kenntnis, wie präsent Sexismus in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Haben die Debatten über Väterkarenz oder Quoten für Frauen in Führungspositionen den Blick auf dieses Problem verstellt? Ina Freudenschuss relativiert: „Ich glaube in der Tat, dass #aufschrei in einer nicht-befassten Öffentlichkeit gezeigt hat: Hoppala, da gibt es ja wirklich noch ganz viele Missstände. Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass Frauen immer noch so behandelt werden.“ Die Leiterin von dieStandard.at, dem feministischen Online-Ressort der Tageszeitung „Der Standard“, will allerdings zwischen dem Mainstream und feministischen Öffentlichkeiten unterschieden wissen. Denn in feministischen Öffentlichkeiten sei sexuelle Belästigung „natürlich immer, immer ein Thema“ gewesen. Die österreichische Netzfeministin und Gender-Forscherin Brigitte Theiß ergänzt einen weiteren Gedanken: „Es gibt diesen Diskurs, dass die Gesellschaftsstrukturen eh schon so wären, dass es in der Verantwortung der Frauen selbst liege, sich selbst zu verwirklichen. Das ist schon sehr stark verankert und deswegen wollen sich viele nicht als Betroffene von Diskriminierungen sehen. Immerhin wird einem damit die Handlungsmacht entzogen.“

Dass #aufschrei ein so großes mediales Echo bekam, ist für die Journalistin Freudenschuss fast schon logisch: „Mainstream-Medien wie ‚Die Zeit‘ schienen direkt froh gewesen zu sein, dass sie einen Aufhänger hatten, um sexuelle Belästigung zum Thema machen zu können.“ Zu dem großen Twitter-Echo komme „ein Stück Entblößung“, das moderne feministische Protestformen charakterisiere, so Freudenschuss: „Frauen erzählen, wie sie sexuell belästigt werden. Das hat etwas Privates, Persönliches und das ist für Mainstream-Medien einfach per se schon interessant. Und dann hat es noch dazu mit Sex zu tun. Das war sozusagen eine Traumkombination.“

Alles nur „Tugendfuror“?

Die vielen, differenzierten Berichte und Kommentare in den unterschiedlichen Medien erweckten in der Tat fast den Eindruck, als hätten auch die RedakteurInnen geradezu auf dieses Ventil gewartet, um sie wieder einmal schreiben zu können. #aufschrei wurde allerdings auch kritisch rezipiert, der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck verwendete gar den Begriff Tugendfuror. Bisweilen nahm die Debatte über Sexismus selbst sexistische Züge an: Journalistin Himmelreich wurde unterstellt, vom Stern zum Zwecke der Skandalisierung missbraucht worden zu sein. Auch dies zeigte auf, dass sich manche immer noch damit schwer tun, sich Frauen als autonom agierende Subjekte vorzustellen statt nur als Objekte. Journalistin Freudenschuss schließt sich dieser Kritik an. Zugleich sieht sie den Wert der Diskussion gerade darin, dass sie so tabulos geführt wurde: „Das fand ich ganz erfrischend. Dann weiß man wenigstens, wo die Grenzen eigentlich liegen, die Verunsicherungen oder das Problem. Dann löst das im besten Fall einen Bewusstseinswandel aus.“

Mobbingform sexuelle Belästigung

Sandra Konstatzky weiß nur zu gut, dass sexuelle Belästigungen oder Diskriminierungen von Frauen nach wie vor sehr präsent in der Gesellschaft sind. Die Juristin arbeitet in der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Wie man dem Tätigkeitsbericht der Einrichtung entnehmen kann, die sich mit Diskriminierungen beschäftigt und Betroffene berät, sind sexuelle oder geschlechtsspezifische Diskriminierungen das zweithäufigste Thema bei den Beratungen. „Ich glaube, dass sexuelle Belästigung heute ein bisschen subtiler ist“, meint Konstatzky. „Und dieser Machtübergriff – denn das ist untechnisch beschrieben, was sexuelle Belästigung ist – geht immer noch eher von Männern gegen Frauen aus, weil diese eher die Macht haben.“ Die zunehmenden Belastungen und knappen Ressourcen in der Arbeitswelt wiederum würden dazu führen, „dass sich wieder sexuelle Belästigung als eine mögliche Mobbingform häuft.“ Ebenso wie die beiden anderen Interviewpartnerinnen will Konstatzky nicht, dass der Blick bei den Einzelfällen hängen bleibt: „Wir haben nach wie vor extrem hierarchisierte und auch sexualisierte Machtstrukturen“, hält sie fest. Allerdings sei das Bewusstsein dafür in der Gesellschaft nur wenig ausgeprägt. Aber nicht nur das: Wenn sich Frauen gegen Sexismus – in welcher Form auch immer – zu wehren versuchten, müssten sie damit rechnen, nicht nur als „Spielverderberinnen“ dazustehen, wie es Netzfeministin Brigitte Theiß ausdrückt. Gleichbehandlungsanwältin Konstatzky beobachtet außerdem, dass es den Frauen sogar passieren könnte, dass sie am Ende als Täterinnen dastehen.

Auch abseits der Debatten um #aufschrei gibt es Beispiele, wie schwierig es nach wie vor ist, beim Thema sexuelle Belästigung voranzukommen. So hatte die damalige Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek noch vor #aufschrei einen Vorstoß unternommen, das sogenannte Pograpschen als Straftatbestand aufzunehmen – und war damit abgeblitzt.

Verniedlichung: „Pograpschen“

Dagegen ins Feld geführt wurden vor allem juristische Argumente, erinnert sich dieStandard.at-Leiterin Freudenschuss. Zugleich aber sei das Thema auch verharmlost worden, die Journalistin zählt einzelne Argumente auf, die dagegen vorgebracht wurden: „Das ist doch kleinlich. Pograpschen ist doch nicht so tragisch. Da stellen sich die Frauen wieder als die großen Opfer dar.“ Gleichbehandlungsanwältin Konstatzky stört schon allein der Begriff: „Das ist lustig und wir müssen auch alle ein bisschen grinsen. Es wird also ein Wort verwendet, mit dem das Ganze verniedlicht, verharmlost wird.“ Wenn es um sexuelle Übergriffe gehe, würden diese „auf eine ganz perfide Art und Weise sexualisiert“, kritisiert Konstatzky: „Wenn ein Mann seine Frau umbringt, wird er als ‚der Eifersüchtige‘ bezeichnet. Es wird immer eine Geschichte von Leiden und Sexualität und Liebe erzählt und nicht das Ding beim Namen genannt: Gewalt.“ Solange verharmlost werde und Täter die Möglichkeit hätten, für ihr Verhalten von der Gesellschaft entschuldigt zu werden, würde sich auch nur wenig ändern. „Insofern hat ein Artikel oder so eine Benennung von was natürlich eine Wahnsinns-Kraft“, kommentiert Gleichbehandlungsanwältin Konstatzky die #aufschrei-Debatte.

Doch was bleibt von der Debatte? Die Herausforderung, dass die Logik der Medien die Diskussion über strukturelle Ursachen schwer macht – diese anzugehen aber die einzige Lösung ist. Und die Feststellung, dass die Aufgabe noch vor unserer Gesellschaft liegt, den „Code zwischen den Geschlechtern“, in denen beide gleichberechtigt sind, wie es Ina Freudenschuss ausdrückt, neu zu schreiben.

#aufschrei auf Twitter: twitter.com/hashtag/aufschrei

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