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Symbolbild zum Bericht Mehr als jede zweite Frau (55 Prozent) "möchte [ausschließlich] Hausfrau sein und sich um den Haushalt und die Kinder kümmern".

Feminismus - was steckt dahinter?

Schwerpunkt

Gedankengänge einer 28-Jährigen zu einem Wort der "68er".

Das Wort Feminismus löst die verschiedensten Reaktionen aus. Einst wurde es mit Kampf, Aktionen und Demonstrationen für Gerechtigkeit assoziiert, doch wie steht es heute um den Begriff „Feminismus“ und wer gilt überhaupt noch als Feministin? Feminismus geht mit Emanzipation einher. Wie kommt es, dass der Inbegriff der Eigenständigkeit heute oftmals negativ konnotiert ist?

Hausfrau und Mutter

Der Widerstand einer patriarchalen Gesellschaft gegen das Erstarken von Frauen – und wir dürfen nicht vergessen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass der Ehemann noch die Entscheidungsmacht über das Thema Erwerbstätigkeit der Frau hatte – ist eine vollkommen natürliche Reaktion.

Wenn Sie folgende Zahlen lesen, an welches Jahr denken Sie? Mehr als jede zweite Frau (55 Prozent) „möchte [ausschließlich] Hausfrau sein und sich um den Haushalt und die Kinder kümmern“. 77 Prozent – Frauen und Männer – sind der Meinung, dass unter Dreijährige untertags hauptsächlich von den Eltern betreut werden sollen, bei unter Sechsjährigen sind 31 Prozent dieser Meinung. Die Zahlen stammen nicht aus den 70ern oder 80ern des letzten Jahrhunderts, sondern spiegeln die Meinung der 14- bis 24-Jährigen aus dem Jahr 2011 wider. Allerdings ist hier auch interessant zu erwähnen, dass auch 34 Prozent der jungen Männer sich ein Leben als Hausmann vorstellen können, wenn die Partnerin so viel verdient, dass der Lebensunterhalt gesichert ist. Trennung und Pension spielen dabei keine Rolle.

So schockierend der Wert bei den jungen Frauen ausfällt, umso erstaunlicher scheint der prozentuelle Anteil jener jungen Männer, die anscheinend wirklich ausschließlich Haus- und Kinderbetreuungsarbeit leisten wollen würden, gäbe es keine finanziellen Einschränkungen.1

Die Krux bei der Sache liegt vermutlich wie so oft an der Fragestellung. Natürlich, wenn Geld keine Rolle spielt, warum freiwillig eine Dreifachbelastung in Kauf nehmen, wenn Mensch sich selbst keine Gedanken um die Arbeitsplatzsituation machen muss und ein anderer für die finanzielle Absicherung beider arbeiten gehen kann? Die Ausgangsfrage einfach so in den Raum zu stellen ist leicht, doch wäre es nicht viel interessanter, zu ermitteln, wo der Ursprung dieser Einstellung liegt?

Fürs Leben lernen

Wir leben in einer Zeit, in der ältere ArbeitnehmerInnen immer öfter den Job verlieren und in der es auch für junge Menschen nicht leicht ist, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika, schlechte Ausbildungsverhältnisse, (unbezahlte) Überstunden, am besten immer verfügbar sein und Probleme, eine richtige Anstellung zu finden, prägen den schwierigen Berufseinstieg der jungen Generation. Die Jungen und die jüngeren Erwachsenen sind in und mit der Leistungs- und Spaßgesellschaft aufgewachsen. Uns wurde daher mitgegeben, dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen, dass Bildung das Wichtigste überhaupt ist, um einen guten Job zu finden, und vor allem, dass alles möglich ist, was mensch sich vornimmt, wenn mensch nur hart genug dafür arbeitet. Hinzu kommt auch noch, dass Arbeit am besten immer Spaß macht, sonst hat der Mensch selbst in der Lebensplanung bereits versagt.

Mehr als ein Quäntchen Glück

Wir wurden von unseren Eltern teilweise auf eine Welt vorbereitet, die nicht mehr in dieser Form existiert, als zu jener Zeit, in der unsere Eltern in unserem Alter waren. Wir befinden uns in einer Zeit, in der es mehr als nur ein Quäntchen Glück braucht, um genau in jener Branche und genau in jenem Job arbeiten zu dürfen, in dem wir uns wohlfühlen, der wie für uns gemacht scheint, und dem wir mit Leidenschaft und Spaß an der Sache nachgehen können.

Dürfen ist zugleich Zauberwort und Damoklesschwert. Wir leben auch in einer Zeit, in der wir uns dessen bewusst sind, dass die wenigsten von uns für immer einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Befinden wir uns (endlich) in einem annehmbaren Beschäftigungsverhältnis oder denken, wir hätten zumindest Aussicht auf ein solches, so setzen wir alles daran, dass wir in diesem bleiben. ArbeitnehmerInnen leisten (unbezahlte) Überstunden, gehen Beschäftigungsformen ein, die ihnen Bauchweh bereiten, doch weniger ein ungutes Gefühl auslösen, als die Vorstellung, gar keinen Job zu finden, und verschieben die persönliche Belastungsgrenze so weit, bis der Körper irgendwann aufgibt.

Die Folgen sind in den Statistiken sichtbar: Die Meldung weniger Krankenstandstage zu verzeichnen mag zwar volkswirtschaftlich gesehen Euphorie auslösen, in der Realität schleppen sich jedoch viele ArbeitnehmerInnen aufgrund der Sorge um den Arbeitsplatz auch im kranken Zustand in die Betriebe.

Es werden körperliche Symptome unterdrückt, um der Leistungsgesellschaft und den mit ihr einhergehenden Anforderungen und dem „Ideal“ der „Ressource Mensch“ für die Wirtschaft gerecht zu werden.

„Ressource Mensch“

Eines darf nicht außer Acht gelassen werden, wenn wir von Menschen und den Arbeitsbedingungen sprechen: Menschen sind noch immer Menschen und keine Maschinen. Menschen „funktionieren“ nicht jeden Tag gleich.

Einer der wichtigsten Punkte im Umgang mit Menschen ist die Wertschätzung. Das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu verrichten, welche auch von anderen Menschen – vor allem auch von Vorgesetzten – als solche wahrgenommen und kommuniziert wird, ist vermutlich einer der Grundpfeiler, welcher mit dazu führt, gerne in die Arbeit zu kommen und länger gesund zu bleiben.

Schiefe Zähne oder Muttermal

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie auf der Suche nach einem Vollzeitjob sind, sich für eine solche Stelle auch bewerben und beim Vorstellungsgespräch plötzlich erfahren, dass es sich doch nur um eine Teilzeitstelle handelt?

Und wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie danach durch Zufall erfahren, dass es nach Ihrer Absage aufgrund der nicht gewollten Teilzeit plötzlich für jemand anderen doch eine Vollzeitstelle gab, weil dieser Mensch keine schiefen Zähne hat? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie dieselbe Ausbildung, dieselben Fort- und Weiterbildungen genossen haben wie weitere Mitbewerbende und Sie aufgrund eines Muttermals im Gesicht 15 Prozent weniger Lohn bekommen würden? Oder aufgrund der Augenfarbe eine schlechtere Einstufung erhalten?

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie aufgrund persönlicher Umstände temporär weniger arbeiten wollen würden und plötzlich andere Arbeiten verrichten müssten, für die Sie überqualifiziert sind? Oder erst recht so viele (unbezahlte) Überstunden machen müssen, dass sie gar nicht reduzieren hätten müssen? Und nun setzen Sie bitte für alle angeführten körperlichen Merkmale zwei X-Chromosomen ein.

Brot und Rosen

Geschätzte LeserInnen, Sie fragen sich vielleicht, wie Feminismus mit all jenen Dingen zusammenhängt, die bis jetzt angesprochen wurden, und warum so selten das Wort „Frau“ oder „Mann“ vorkam.

Es ist nicht der Feminismus in der Krise, sondern die gesamte Gesellschaft. Es geht um Gerechtigkeit, es geht um Wertschätzung, gleiche Chancen für alle und Respekt. Kurz: Es geht um Menschen. Wie Johanna Dohnal einst sagte: „Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft.“2 Daher setzen wir ÖGB-Frauen uns für Brot (gerechten Lohn) und Rosen (menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen) ein.

1 Vgl. BMWFJ (2011): Der neue Jugendmonitor. 4. Welle: Meinungen und Einstellungen der Jugend zur Familie.

2 Dohnal, Johanna (22. März 2004): Gastvortrag an der Technischen Universität Wien, WIT-Kolloqium.

ÖGB-Frauenabteilung: www.oegb.at/frauen

Frauenpolitische Abteilung der Bundesarbeitskammer: tinyurl.com/p9obyvn

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin isabella.guzi@oegb.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

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