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Universitätsprofessorin Edith Saurer Edith Saurer war nicht nur eine der Initiatorinnen der feministischen Geschichtsforschung in Österreich, sondern vielmehr eine Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen jede Form von Diskriminierung.
Buchtipp

Soziale Ungleichheit als Forschungsaufgabe

Aus AK und Gewerkschaften

Der "Edith Saurer Fonds zur Förderung geschichtswissenschaftlicher Projekte".

2011 gründete die Universitätsprofessorin Dr. Edith Saurer einen Fonds, der nach ihrem Wunsch bei der Wiener Arbeiterkammer angesiedelt wurde. Aus den Mitteln des Fonds, der sich aus ihrem nachgelassenen Vermögen zusammensetzt, werden 2014 erstmals Forschungsstipendien zur historischen Erforschung sozialer Ungleichheit vergeben.

Edith Saurer

Edith Saurer (20.8.1942–5.4.2011) war Universitätsprofessorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien. Sie war nicht nur eine der Initiatorinnen der feministischen Geschichtsforschung in Österreich, sondern vielmehr eine Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen jede Form von Diskriminierung. Nach ihrer Dissertation über Kirche und Staat in der Habsburgermonarchie (1960) und weiteren kirchenpolitischen Forschungen in Italien widmete sie sich der Geschichte der materiellen Kultur, der Grenzen, des Steuerwesens und der Kriminalität. In den genannten Themenbereichen gelang es ihr, österreichische und italienische Regionen vergleichend durch historisch-anthropologische Zugänge eine Verbindung von Sozial-, Kultur- und Institutionengeschichte und bald auch Geschlechtergeschichte herzustellen. Die Universität Wien stellte denn auch fest: „Edith Saurer hat es stets verstanden, den Studierenden zu vermitteln, dass Geschichte gerade dort faszinierend und besonders erkenntnisreich wird, wo Schnittstellen zwischen Rechts- und Politikgeschichte, zwischen materieller Kultur und anthropologischen Fragen gesucht und die Erfahrungen von Frauen und Männern in den Fokus gerückt werden.“

Frauen- und Geschlechtergeschichte

In den 1980er-Jahren wandte sich Edith Saurer (ab 1983 Dozentin und ab 1992 Universitätsprofessorin am Institut für Geschichte der Universität Wien) verstärkt der Frauen- und Geschlechtergeschichte zu. 1982 gründete sie die „Arbeitsgruppe Frauengeschichte“, die später in „Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechtergeschichte“ unbenannt wurde. Im Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) konzipierte sie 1986 die Tagung „Institutionalisierung historischer Frauenforschung“ und war an zahlreichen Veranstaltungen, Workshops und Forschungsprojekten beteiligt. 1990 gründete sie die Zeitschrift „L’homme“ als „Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft“, die heute zu einer der führenden wissenschaftlichen Zeitschriften in diesem Fachgebiet zählt und in deren Herausgeberinnenteam zwanzig Wissenschafterinnen aus acht Ländern vertreten sind. 1995 wurde die Zeitschrift durch die Herausgabe einer Buchreihe ergänzt. Edith Saurer legte 1989 auch den Grundstein für die „Sammlung Frauennachlässe“ am Institut für Geschichte, deren Ziel es ist, (auto-)biografische Dokumente von Frauen, von Paaren, von Kindern und Verwandten, Freundinnen und Freunden der Frauen zu sammeln, systematisch zu ordnen, zu archivieren und für die wissenschaftliche Benutzung zugänglich zu machen. Die Sammlung ist in der Zwischenzeit weit über die Grenzen Österreichs bekannt und geschätzt und eine unentbehrliche Hilfe historischer Genderforschung. Seit dem Jahr 2006 leitete Edith Saurer die Forschungsplattform „Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext“ an der Universität Wien. 1991 wurde Edith Saurer mit dem damals erstmals vergebenen „Käthe-Leichter-Preis“, 1997 mit dem „Gabriele Possanner-Staatspreis“ und 2010 mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien ausgezeichnet. Mit Edith Saurer verloren Österreich, die internationale feministische Bewegung und die wissenschaftliche Frauenforschung eine engagierte Kämpferin, die es verstand, gesellschaftspolitische Anliegen mit wissenschaftlicher Forschung und Lehre zu verbinden. Ihre von höchster Qualität getragene wissenschaftliche Arbeit war in emanzipatorischer Absicht immer von tiefem demokratischem Engagement getragen.

Vor wenigen Wochen erschien posthum das von Margareth Lanzinger herausgegebene Buch „Edith Saurer: Liebe und Arbeit. Geschlechterbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert“ im Böhlau Verlag. Während „Arbeit“ immer schon im Zentrum ökonomischer und sozialgeschichtlicher Forschungen stand und „Liebe“ meist nur in der Literatur thematisiert wurde, wird nun erstmals das Verhältnis von Liebe und Arbeit aus einer europäischen Perspektive dargestellt und mit gesellschafts- und diskursprägenden politischen und sozialen, rechtlichen und kulturellen Phänomenen des 19. und 20. Jahrhunderts verbunden: „Als Ergebnis zeigt sich, dass einerseits Arbeit ein zentrales Orientierungsmoment darstellt und dass andererseits die Geschlechterliebe an oberster Stelle der Hierarchie der sozialen Beziehungen steht.“

Der Edith Saurer Fonds

Gegen Ende des Jahres 2010 schrieb Edith Saurer an den damaligen AK-Präsidenten Herbert Tumpel: „Da ich mich den Kammern für Arbeiter und Angestellte verbunden fühle und deren sozialwissenschaftliche Tradition immer geschätzt habe, würde es mich sehr freuen, wenn der Fonds ähnlich dem Theodor Körner Fonds bei der Arbeiterkammer Wien angesiedelt werden kann. Damit wäre nicht nur eine Kontinuität in der Geschäftsführung, sondern auch die in meinem Sinne liegende inhaltliche Ausrichtung gewährleistet.“ Der Präsident sagte die Übernahme der Geschäftsführung des Fonds mit den Worten zu: „Ihr Ansinnen ehrt die Kammer für Arbeiter und Angestellte sowohl durch Ihr Vertrauen in unsere Institution wie auch durch die damit verbundene inhaltlich-wissenschaftliche Wertschätzung ArbeitnehmerInnen orientierter Forschung.“ Konnte in der Folge von Edith Saurer die Satzung des Fonds noch selbst formuliert und die Ersteinlage vorgenommen werden, so wurde nach ihrem Ableben nach ihren Wünschen die Geschäftsführung im „Geschichtsinstitut von AK und ÖGB“ eingerichtet und der Vorstand (Univ.-Prof. Dr. Josef Ehmer – Vorsitz, Dipl.-Kff. Wilhelmine Goldmann und der Verf.) sowie der Wissenschaftliche Beirat (Univ.-Prof.in Dr.in Ruth Wodak – Vorsitzende, Univ.-Prof.in Dr.in Angiolina Arru, Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz, Univ.-Prof. Dr. Josef Ehmer, Univ.-Prof.in Dr.in Margareth Lanzinger, Univ.-Prof. Dr. Meinrad Ziegler) konstituiert. Der bislang ausschließlich aus dem nachgelassenen Vermögen von Edith Saurer gespeiste Fonds vergibt ab 2013 jährlich an eine/n oder mehrere AntragstellerInnen ein einmaliges Forschungsstipendium zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Die Ausschreibung richtet sich an in- und ausländische promovierte WissenschafterInnen. Das Forschungsstipendium wird für noch nicht abgeschlossene Projekte mit dem Fokus auf folgende Kriterien vergeben:

  • Fragen sozialer Ungleichheit in einem breiten Zusammenhang unter den Aspekten von
  • Geschlecht, Klasse, Lebensstil, Ethnizität und Religionszugehörigkeit,
  • schwerpunktmäßig Europa von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert,
  • komparative und internationale Studien.

35 Ansuchen 2013/14

Nach Erstellung der Homepage www.edithsaurerfonds.at sind durch die bis Ende des Jahres 2013 laufende Ausschreibung 35 Bewerbungen zu für die Geschichtswissenschaft interessanten und überwiegend innovativen Forschungsprojekten eingelangt, die in den nächsten Wochen vom Wissenschaftlichen Beirat geprüft und auf die Förderungswürdigkeit beurteilt werden. Die feierliche Überreichung der Forschungsstipendien wird im Mai 2014 in der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien stattfinden. Die Fokussierung auf die historische Erforschung einer (zunehmend) ungleichen Verteilung materieller und immaterieller Güter im Kapitalismus in Hinblick auf Geschlecht, Klasse, Lebensstil, Ethnizität und Religionszugehörigkeit wird nicht nur den kritischen Diskurs über Verteilungsgerechtigkeit fördern, sondern wird im Sinne von Edith Saurer einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Etablierung einer fairen und gerechten Gesellschaft leisten.

Mehr Infos unter: www.edithsaurerfonds.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor klaus.mulley@akwien.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

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