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Symbolbild zum Bericht: Wer hat Zeit? 39 Prozent der bezahlten Arbeit wird von Frauen und 61 Prozent von Männern geleistet (vgl. Statistik Austria 2009).

Wer hat Zeit?

Schwerpunkt

Nicht nur das Einkommen, auch die Arbeitszeit ist in Österreich sehr ungerecht verteilt. Männer arbeiten vor allem Vollzeit, Frauen Teilzeit.

Die Lebensläufe von Frauen und Männern unterscheiden sich – abseits geschlechtsspezifischer Ausbildungs- und Berufswahl – zu einem hohen Grad durch die Verteilung der bezahlten Erwerbs- und der unbezahlten Versorgungsarbeit. In Österreich ist die Ungleichverteilung zwischen diesen beiden Arbeitssphären nach wie vor sehr ausgeprägt: Frauen leisten rund 66 Prozent der unbezahlten Arbeit und Männer 34 Prozent, während sich das Verhältnis bei der Leistung bezahlter Arbeit umkehrt. 39 Prozent der bezahlten Arbeit wird von Frauen und 61 Prozent von Männern geleistet (vgl. Statistik Austria 2009).

Ob Kinder oder keine …

Mit der Übernahme von Versorgungspflichten für Kinder findet im Normalfall eine Umschichtung der bezahlten und unbezahlten Arbeit von Männern zu Frauen statt. Auch wenn ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden hat, mit dem und durch den eine verstärkte Einbindung von Frauen in die Erwerbsarbeit einhergegangen ist, hat sich an der grundsätzlichen Zuständigkeit von Frauen für die Versorgungsarbeit wenig geändert. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt, dass außerdem für viele Beschäftigte Arbeitszeitbedingungen bestehen, die eine Vereinbarkeit erschweren. Überlange Arbeitszeiten bedingt durch Über- und Mehrstunden stellen speziell für Männer ein Hindernis dar (vgl. Bergmann et al. 2014). In Österreich besteht eine hohe Verbreitung der Vollzeit/Teilzeit-Haushalte mit vollzeitbeschäftigten Männern und teilzeitbeschäftigten Frauen: Gibt es zwei Erwerbseinkommen in einer elterlichen Partnerschaft, beträgt dieser Anteil 71 Prozent, in 25 Prozent der DoppelverdienerInnenhaushalte arbeiten beide PartnerInnen Vollzeit und dass beide teilzeitbeschäftigt sind, ist nur bei vier Prozent der Fall (Bergmann et al.: 91)1. Die Arbeitszeitkultur in Betrieben, das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern, das immer noch unzureichende Angebot an Kinderbetreuung und die geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen sind für andere Formen der Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit wenig förderlich.

Die häufigste Arbeitszeitform geschlechtsspezifischer Prägung ist Teilzeitarbeit. In dieser kommen die Widersprüche der verstärkten Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt und ihrer nach wie vor bestehenden Zuständigkeit für Versorgungsarbeit zum Ausdruck. Die Analyse der Zahlen im Zeitverlauf belegt einen stetigen Anstieg der vorwiegend weiblichen Teilzeitbeschäftigten sowohl in absoluten Zahlen als auch in Relation zur Gesamtbeschäftigung. Die Teilzeitquote der unselbstständig erwerbstätigen Frauen hat sich im Zeitraum 1995 bis 2012 von 27,2 Prozent auf 45,4 Prozent erhöht (Statistik Austria 2014). In den letzten Jahrzehnten wurde die Beschäftigungszunahme bei den Frauen ausschließlich durch die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung getragen, während sich die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze seit 1995 reduziert hat. Ohne diese stattfindende Arbeitszeitverkürzung auf individueller Ebene wäre der Anstieg der weiblichen Erwerbsarbeit bei gleichzeitiger Beibehaltung der männlichen Vollzeitarbeit in dieser Breite gar nicht möglich gewesen. Denn selbst der geringe Anstieg der teilzeitbeschäftigten Männer (mit einer Teilzeitquote von 7,7 Prozent) verweist nur zu einem minimalen Anteil auf einen Anstieg der Teilnahme an Versorgungsarbeit: Männer, die sich in einer Teilzeitbeschäftigung befinden, sind in der Tendenz jung, kinderlos und tun dies neben einer Ausbildung (vgl. Sorger 2012, Sorger 2014). Werden nur die Zahlen der Erwerbstätigen mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt herangezogen, dann beträgt die Teilzeitquote der Männer vier Prozent, während von den Frauen 62 Prozent teilzeitbeschäftigt sind (vgl. Statistik Austria 2011).

Frauen zahlen einen hohen Preis

Dafür, dass Frauen Erwerbsarbeit und unbezahlte Versorgungsarbeit parallel leisten können bzw. müssen, zahlen sie einen hohen Preis. Dieser besteht in einer überdurchschnittlichen Beschäftigung in niedriger qualifizierten Tätigkeiten mit geringem Einkommen. Und das hat wesentlichen Einfluss auf die stark ausgeprägten Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern (vgl. Bergmann et al. 2009). Der rasante Anstieg der Teilzeitbeschäftigung in den letzten Jahrzehnten bedeutet eine De-facto-Arbeitszeitverkürzung auf individueller Ebene ohne Lohnausgleich, die fast ausschließlich zu Lasten der Frauen ging. In derselben Zeit stagnierten Bestrebungen in Richtung einer generellen Arbeitszeitverkürzung. Ein weiteres geschlechtsspezifisches Kennzeichen der Arbeitszeitstruktur des österreichischen Arbeitsmarktes ist bei den geleisteten Überstunden zu finden.

Männer, deren Erwerbsbiografien durch Vollzeitarbeit dominiert sind, weisen zusätzlich auch noch die meisten Überstunden auf, wodurch sich der Gender-Gap in der Anzahl der Arbeitsstunden weiter verschärft. Regelmäßig über die Normalarbeitszeit hinaus arbeiteten im Jahr 2011 rund 26 Prozent der männlichen und rund 12 Prozent der weiblichen unselbstständig Beschäftigten (Statistik Austria 2012). Werden nur jene betrachtet, die mehr als neun wöchentliche Überstunden aufweisen, verstärkt sich der Gender-Gap, mit 9,6 Prozent bei Männern und 3,7 Prozent bei Frauen. 75,4  Prozent der Frauen mit Überstunden erbringen bis zu neun Überstunden pro Woche, von den Männern sind es in dieser Kategorie bedeutend weniger mit 62,8 Prozent. Das bedeutet, dass 37 Prozent aller überstundenleistenden Männer mehr als 10 Stunden über ihrer festgelegten Arbeitszeit arbeiten, während dieser Anteil bei Frauen 24,6 Prozent beträgt (Statistik Austria 2012).

Emanzipatorische Arbeitszeitpolitik

Auch wenn sich unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise die überlangen Zeiten etwas reduziert haben, bleibt das Grundproblem der Ungleichverteilung der Arbeitszeit bestehen. Dass es auch anders geht, zeigt etwa das Beispiel Schweden, wo die Arbeitszeitreduktion beider Elternteile zur gerechteren Aufteilung der Kinderbetreuungspflichten in Form eines Steuerbonus finanziell unterstützt wird (vgl. Scambor et al. 2013). In Österreich hingegen sind kaum Initiativen zu verzeichnen, die eine egalitäre Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern anpeilen. In der Arbeitszeitdiskussion der letzten Jahrzehnte dominierten Fragen der Flexibilisierung und Ausweitung der Arbeitszeit (vgl. Sorger 2014).

Was wir brauchen, ist ein neues Leitbild in der Arbeitszeit und für die Arbeitszeitpolitik. Denn Vollzeit für alle (auf Basis von 40 oder mehr Wochenstunden) kann angesichts der angespannten Situation am Arbeitsmarkt, der Bedeutung von Stress für die Gesundheit und der Bereitschaft und dem Bedürfnis von immer mehr Frauen und Männern nach einer partnerschaftlichen Aufteilung der Versorgungsarbeit kein erstrebenswertes Modell sein. Ein neues Arbeitszeitregime, das einen Ausgleich zwischen kurzen und überlangen Arbeitszeiten herstellt, würde einen wesentlichen Beitrag zu einer egalitäreren Verteilung der Arbeitszeit zwischen Frauen und Männern leisten.

1 Im Rahmen dieser Studie wurden unselbstständige Erwerbstätige befragt, die mit Kindern im Alter von 0–12 Jahren in einem Haushalt leben.

Webtipp: Claudia Sorger: Geschlechterrollen und gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik: tinyurl.com/orptjo8

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sorger@lrsocialresearch.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

Info&News

Sorger, Claudia (2014): Wer dreht an der Uhr? Geschlechtergerechtigkeit und gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik. Münster: Westfälisches Dampfboot

Sonstige Quellen:
Bergmann, Nadja, Papouschek, Ulrike & Sorger, Claudia (2010): Qualität von Teilzeitbeschäftigung und Verbesserung der Position der Frauen am Arbeitsmarkt – Analyse und Umsetzungsbeispiele. Wien: Studie im Auftrag des Bundeskanzleramts Österreich, Bundesministerin für Frauen und öffentlicher Dienst

Bergmann, Nadja, Danzer, Lisa & Schmatz, Susanne (2014): Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung – betriebliche Rahmenbedingungen aus Sicht berufstätiger Eltern. Wien: Studie im Auftrag der AK Wien

Scambor, Elli, Wojnicka, Kassia & Bergmann, Nadja (Hrsg., 2013): The Role of Men in Gender Equality – European strategies & insights. Luxembourg: Publications Office of the European Union

Statistik Austria (2011): Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Modul der Arbeitskräfteerhebung 2010. Wien

Statistik Austria (2012): Arbeitskräfteerhebung. Ergebnisse des Mikrozensus 2011. Wien

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